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Materialdienst 12/2016
Esoterik

Auch 2016 keine Gewinner bei den Psi-Tests der GWUP

Das Dutzend vollgemacht hat die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) mit ihren „Psi-Tests“ 2016. Das berichtet die Zeitschrift „Skeptiker“ in ihrer Ausgabe 3/2016. Bei den Psi-Tests können sich Menschen, die sich im Besitz übernatürlicher bzw. nicht oder noch nicht wissenschaftlich erklärbarer Fähigkeiten glauben, einem wissenschaftlichen Versuchsverfahren unterziehen. Bei Nachweis der behaupteten Fähigkeiten winken als Preisgeld 10000 Euro in Deutschland bzw. eine Million Dollar weltweit. Jedes Jahr melden sich Hellseher, Homöopathen, Wünschelrutengänger und andere Esoteriker, um ihre Talente unter Beweis zu stellen. Alternative Heilungsverfahren sind aus ethischen Gründen und mangels praktikabler Testanordnung nicht zugelassen.

Als Versuchsleiter fungieren die beiden Biologen Rainer Wolf, Mitglied im Vorstand und im Wissenschaftsrat der GWUP und in der Freizeit Zauberkünstler, sowie Martin Mahner, GWUP-Gründungsmitglied und seit 1999 Leiter des GWUP-Zentrums für Wissenschaft und kritisches Denken. „Wir sind sozusagen … die Müllmänner der Wissenschaft, die auch diese unplausiblen Dinge testen, weil es einfach kein anderer macht“ (Martin Mahner auf SWR 1 am 10.1.2009).

Meist sind es 20 bis 30 Interessierte, die auf eine Handvoll zusammenschmelzen, wenn es darum geht, geeignete Versuchsaufbauten zu vereinbaren. Viele scheitern schon daran, dass sie nicht auf einer Seite beschreiben können, worin ihre paranormale Fähigkeit eigentlich besteht, so die GWUP. Die gemeinsame, nicht selten langwierige Absprache einer Versuchsanordnung sorgt dafür, dass die Kandidaten durchweg auch hinterher sagen, die Sache sei fair geprüft worden.

2016 wurden zwei Kandidaten getestet. Die homöopathische „Pflanzenheilerin“ und Maschinenbauingenieurin Sabine Krümmer, schon vor 25 Jahren von Rupert Sheldrakes esoterischen Theorien fasziniert, hatte vor drei Jahren entdeckt, dass sie ihre zerstrittenen Meerschweinchen durch homöopathische Mittel versöhnen konnte, und ihre Fähigkeiten bald weiter erkundet. Heute bezeichnet sie sich als „hellsichtig und hellhörig“. Sie erhält Informationen von zwölf Wesen aus einer jenseitigen Welt, ihren sogenannten „Besserwissern“, darunter der „Über-Homöopath“ Samuel (Samuel Hahnemann war der Erfinder der Homöopathie). Mit deren Hilfe könne sie Pflanzen- und Tierkrankheiten homöopathisch heilen. Solche langfristigen Heilungen sind schwer zu testen, aber vor der Therapie steht die Diagnose. Dabei bestimmt sie mit „mentaler Mutung“ unter Einsatz eines Pendels die Krankheitsursachen, meist Bodenverunreinigungen, aufgrund derer sie dann die passenden Globuli als Gegenmittel festlegt. Prinzipiell sei jeder Fremdstoff im Boden durch Pendeln bestimmbar. Daher sah die Versuchsanordnung vor, dass sie in einem klassischen Doppelblindversuch dreizehnmal aus zehn Töpfchen mit Blumenerde das einzige Töpfchen mit braunem Zucker unter der Erde erkennen sollte und dabei mindestens sieben Treffer erzielen musste. Die Kandidatin beugte vor: „Ich mache mir heute keinen Stress. Es liegt nicht in meiner Hand, ob ich den Test heute bestehe. Wenn das die Mächte nicht wollen, kann ich nichts dagegen tun.” Das war weise, denn tatsächlich wollten die Mächte nicht. Nicht einmal ihre Unlust allerdings teilten sie ihr mit, sondern überließen dies dem Versuchsleiter: Er informierte sie, dass sie mit zwei Richtigen locker im Rahmen der statistischen Zufallserwartung gelandet war. Das ist dem bloßen Raten gleichwertig. Ihr Selbstbild blieb dadurch unbeschädigt: „Ich bleibe dabei, es hat nichts damit zu tun, dass ich nicht hellsichtig bin, sondern das war Absicht von meiner Quelle, sage ich jetzt mal, die wollte halt nicht, dass ich heute gewinne.”
Der Wünschelrutengänger Gerhard Großer scheiterte als zweiter Kandidat 2016 wie alle seine Vorgänger bei der klassischen Aufgabe, mit seiner Rute Wasser in einem tieferliegenden Stockwerk zu lokalisieren. Auch er landete genau bei dem Wert, der statistisch beim Raten zu erwarten war. Ihm immerhin bescheinigten die Versuchsleiter: „Der Kölner nahm’s mit Humor – eine seltene Reaktion bei unseren Kandidaten.“ Im Rheinland sind vielleicht sogar die Esoteriker entspannter.

Einsicht bei den Getesteten ist die absolute Ausnahme. Nur im Jahr 2014 gab ein Teilnehmer hinterher zu Protokoll: „Der Tatsache stelle ich mich. Das ist der reine Zufall, und das trifft wahrscheinlich für alle Wünschelrutengeher zu. Eine bittere Erfahrung, ich werde meine Lehren daraus ziehen.“ Ansonsten finden fast alle eine Erklärung für ihr Testergebnis, die ihr Weltbild unangetastet lässt.
2015 hatte es eine Überraschung gegeben, als ein Kandidat beim Wassererspüren eine auffällig hohe Trefferhäufigkeit landete, die zwar unterhalb der festgelegten Schwelle zum Bestehen des Tests, aber weit oberhalb der statistisch erwartbaren Zufallsverteilung lag. Ihm wurde von den Wissenschaftlern ein weiterer Test angeboten, der voraussichtlich 2017 stattfinden soll. Übrigens unterscheidet sich der faire und höfliche Umgang der Tester mit ihren Kandidaten auffällig von den gehässigen Kommentaren der GWUP-Gemeinde, die nach den Tests im Internet-Forum regelmäßig Spott und Hohn über die Menschen ausschüttet, die an den Tests teilgenommen haben.

Auch wenn es selten gelingt, die Getesteten zur besseren Einsicht zu bewegen, so sind die Anstrengungen der GWUP-Skeptiker doch begrüßenswert. Sie unterziehen sich der Mühe dieser Testreihen und halten damit vielleicht manche Unsichere davon ab, sich esoterischen Spekulationen hinzugeben. Auf jeden Fall halten sie das Fähnlein der aufgeklärten Vernunft gegen eine sich gesellschaftlich ausbreitende Esoterikgläubigkeit hoch. Sie werden damit dem universitären Auftrag besser gerecht als so manche deutsche Hochschule, die populäre, aber vernunftfeindliche Kurse zu „Alternativheilen“ und „Geomantie“ im Lehrangebot bereithält (z. B. Wien, Frankfurt/Oder, Weihenstephan-Triesdorf, vgl. MD 3/2013, 108f; 9/2013, 348-350).

Der Atomphysiker Hans-Dieter Betz hatte schon in den 1980er Jahren im Auftrag der Bundesregierung im Zusammenhang des Verdachts, dass sog. „Erdstrahlen“ Krebs auslösen könnten, das Wünschelrutengehen experimentell untersucht („Münchner Scheunenexperimente“). Er ist bis heute überzeugt, damals einige „echte“ Wünschelrutengeher mit statistisch relevanten Erfolgsquoten bei der Wassersuche identifiziert zu haben. Allerdings wurden schon damals seine statistischen Auswertungsmethoden kritisiert. Außerdem leidet die wissenschaftliche Anerkennung seiner Befunde darunter, dass sie sich nie experimentell wiederholen ließen. Ohne Reproduzierbarkeit muss aber der experimentelle Beweis eines Phänomens als nicht erbracht angesehen werden.

So bleibt es dabei, dass die Anhänger von Wünschelrute, Pendel, Hellsehen und Co. wenigstens eine vollkommene Übereinstimmung mit der Wissenschaft haben: Sie sind fast alle hundertprozentig überzeugt, dass „es funktioniert“ – und bleiben im Experiment hundertprozentig den Beweis schuldig.

Kai Funkschmidt

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