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Materialdienst 12/2016
Liane Wobbe

Orientalische Gemeinden in Deutschland

Religiöse und kulturelle Heimat für christliche Flüchtlinge

Um 10 Uhr beginnt der Gottesdienst in der St. Georgios-Gemeinde in Berlin-Zehlendorf. Das Eintreffen der Besucher, die aus Syrien, dem Libanon, Palästina, der Türkei und dem Irak stammen, dauert bis 12 Uhr an, bis zum Zeitpunkt der Kommunion. Nur wenige Frauen haben ein Tuch auf dem Kopf. Vor einer reich bebilderten Ikonostase singt ein Chor aus Frauen und Männern arabische Loblieder für Gott, der hier, wie von Muslimen, Allah genannt wird. Auch die darauf folgenden Gebete werden auf Arabisch gesprochen. Vor dem Altar befindet sich eine Ikone mit der Abbildung von Mariä Himmelfahrt, denn heute ist der 14. August, ein Tag vor dem Festtag der Mutter Jesu. Da am Montag die Kirche geschlossen ist, wird heute schon vorgefeiert. In einer Predigt, die der Bischof abwechselnd in arabischer und deutscher Sprache hält, würdigt er die tugendreichen Eigenschaften von Maria und gratuliert allen, die diesen Namen tragen. Nach einer weihrauchhaltigen Prozession mit den Kommunionsgaben durch Bischof und Ministranten stellen sich die Besucher im Mittelgang auf, um Korban (arab. Opfer, Opfergabe), in Wein getunktes Brot, zu empfangen. Danach verteilt der Bischof noch einmal gesegnete Brotstücke an die Gläubigen, die ihm zur Ehrerbietung die Hand küssen. Nach dem Gottesdienst trifft man sich im Gemeindesaal. Alle Familien haben Speisen mitgebracht, an langen Tischreihen wird gegessen, geplaudert und gelacht. Die Band Habibi spielt auf, und unter Klatschen und lautem Rufen begeben sich alle nach vorn, fassen sich an den Händen, drehen sich, springen und tanzen im Kreis. Die meisten sind christliche Flüchtlinge aus Syrien. Sie haben in dieser Gemeinde ein Stück religiöse und kulturelle Heimat gefunden.1

Christliche Minderheiten

In der Statistik, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zur Religionszugehörigkeit von Asylsuchenden für das Jahr 2015 herausgebracht hat, werden genannt: 73,1 % Muslime, 13,8 % Christen, 4,2 % Yeziden, 1,4 % Konfessionslose, 0,5 % Hindus und 7 % Sonstige/religiös Unbekannte.2 Doch von welcher ethnischen Herkunft und christlichen Tradition sind Christen, die aus ihrem Heimatland flohen? Es handelt sich hier vor allem um drei große Gruppen:
• Mitglieder orientalischer Kirchen,
• Mitglieder persischsprachiger Freikirchen (meist Konvertiten),
• Christen aus den Balkanstaaten.

Obwohl es schon seit den 1970er Jahren arabisch-, aramäisch-, assyrisch- und persischsprachige christliche Gemeinschaften in Deutschland gibt, erhalten diese erst seit etwa zwei Jahren erhöhte Aufmerksamkeit aufgrund ihrer Rolle, die sie im Zusammenhang mit christlichen Minderheiten unter den Flüchtlingen spielen.

Orientalisch-orthodoxe Kirchengemeinden

Zu den christlichen Flüchtlingen, die in ihrer Heimat Mitglieder traditioneller orientalischer Kirchen waren, gehören vor allem Anhänger der Griechisch-Orthodoxen Kirche aus Syrien, dem Irak, Palästina und der Türkei, Mitglieder der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochia aus Syrien und der Türkei, syrische und irakische Christen der Assyrischen Kirche des Ostens, Anhänger der Koptisch-Orthodoxen Kirche aus Ägypten sowie Anhänger der Eritreisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche aus Eritrea.3 Als Fluchtursache sind hier meist Krieg, religiöse Diskriminierung und Verfolgung im Herkunftsland zu nennen.


Die Griechisch-Orthodoxe Kirche von Antiochia (Rum-Orthodoxe Kirche)

Bei der oben beschriebenen Gemeinde in Berlin-Zehlendorf handelt es sich um die Griechisch-Orthodoxe Kirche von Antiochia (auch Rum-Orthodoxe Kirche, „rum“ von rhomaios, Römer, Byzantiner), eine Kirche, die ihre Wurzeln in Antiochia (heute Antakya) in der Südosttürkei hat. Ihre Vorgänger folgten der Zwei-Naturen-Lehre (Jesus Christus als wahrer Mensch und wahrer Gott) von Chalcedon 451 und dem byzantinischen Ritus mit einer arabischen Liturgie. Anfang der 1980er Jahre kamen die ersten Rum-Orthodoxen aus dem Libanon, aus Syrien, Palästina, dem Irak und der Türkei nach Deutschland. Für Christen aus Berlin und Umgebung stellt die Kirchengemeinde St. Georgios, die mittlerweile aus 300 Mitgliedern besteht, eine der Hauptanlaufstellen dar.

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Anmerkungen

1 Besuch der St. Geogios-Gemeinde am 14.8.2016.
2 Vgl. Statistik des BAMF: www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Broschueren/bundesamt-in-zahlen-2015-asyl.pdf?__blob=publicationFile (Abruf der in diesem Beitrag genannten Internetseiten: 4.10.2016, wenn nicht anders angegeben).
3 Eine geringe Zahl christlicher Flüchtlinge gehört weiteren Kirchen an: der Äthiopisch-Katholischen, der Chaldäischen, der Koptisch-Katholischen, der Melkitischen, der Maronitischen oder der Syrisch-Katholischen Kirche.

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