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Materialdienst 10/2007
Wolf Krötke

Gottesrede inmitten von Gottesvergessenheit

Zur bleibenden Herausforderung der christlichen Verkündigung Gottes durch den Atheismus

Konfessionslosigkeit als gesellschaftliches Milieu

Im Impulspapier „Kirche der Freiheit“ der Evangelischen Kirche in Deutschland aus dem Jahre 2006 wird die religiöse Situation in Deutschland, auf die sich die Kirche einzustellen hat, folgendermaßen beschrieben: „Die gesellschaftliche Situation ist günstig“.2 „Es wird neu nach Gott gefragt. Religiöse Themen ziehen hohe Aufmerksamkeit auf sich.[...] Eine in den zurückliegenden Jahrzehnten verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber den im christlichen Glauben gegebenen Grundlagen des persönlichen wie des gemeinsamen Lebens weicht (!) einem neuen Interesse für tragfähige Grundeinstellungen und verlässliche Orientierungen.“3

Diese Beschreibung ist – um es kurz zu sagen – für den Osten Deutschlands falsch.4 Auch nahezu 20 Jahre nach dem Ende des „real existierenden Sozialismus“ sind über drei Viertel der Bevölkerung der neuen Bundesländer in einer nicht ernstlich „religiös“ zu nennenden Weise „konfessionslos“. In Ost-Berlin gehören nur 9,1% der Bevölkerung der evangelischen Kirche an; in manchen Stadtteilen sind es gerade einmal 2%. Von einer „Wiederkehr der Religion“ oder einer „Respiritualisierung“ der Gesellschaft, wie sie in Westeuropa beobachtet wird, kann hier nicht die Rede sein. Die Erwartung, dass sich die Menschen nach dem Zusammenbruch der vierzigjährigen atheistischen Weltanschauungsdiktatur wieder den Kirchen oder sonst einer religiösen Lebensorientierung zuwenden werden, hat getrogen. Selbst Sekten fassen hier nicht Fuß, wie anfänglich befürchtet. Der Osten Deutschlands ist ein religiös dürres Land geworden.

Während sich die so genannten „Errungenschaften“ des „Sozialismus“ im Eiltempo verflüchtigt haben, ist eine besondere Art von Atheismus des überwiegenden Teils der Bevölkerung seine gewissermaßen erfolgreichste Hinterlassenschaft. Er hat ein gesellschaftliches Klima geschaffen, in dem das Leben ohne die Kirche und ohne den Glauben zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Der größte Teil der Bevölkerung hat sich auf die Dauer an das Leben ohne den Glauben an Gott einfach gewöhnt.

Diese Gewöhnung aber hat im geistigen Haushalt der Menschen zu einem tief greifenden Traditionsabbruch der christlichen Überlieferungen und Lebensorientierungen und zur Entfremdung von den kulturellen Prägungen der Gesellschaft durch das Christentum geführt.

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Anmerkungen

1 Überarbeiteter Vortrag bei einer Tagung der Evangelischen Akademie Mecklenburg-Vorpommern am 17.06.2007 in Güstrow.
2 Kirche der Freiheit. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier der EKD, Hannover 2006, 14.
3 Ebd. (Vorwort), 7.
4 Vgl. hierzu ausführlich meine Aufsätze: Die christliche Kirche und der Atheismus. Überlegungen zur Konfrontation der Kirchen in den neuen Bundesländern mit einer Massenerscheinung, in: Wege zum Einverständnis. Festschrift für Christoph Demke, Leipzig 1997, 159-171; Der Massenatheismus als Herausforderung der Kirche in den neuen Bundesländern, in: Wiener Jahrbuch für Theologie, Band 2 (1998), hg. von der Evangelisch-Theologischen Fakultät Wien, Wien 1998, 215-228; Wie weit kann Entchristlichung gehen? Deutemuster eines ostdeutschen Phänomens, in: BThZ 18/2001, 285-298; Die Kirche im Osten als gesellschaftliche Minderheit – Probleme und Chancen, in: Ines-Jacqueline Werkner / Nina Leonhard (Hg.), Aufschwung oder Niedergang. Religion und Glauben in Militär und Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt a. M. 2003, 97-110; vgl. auch: Jahresschriften des sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, Strausberg 2003, 97-110.

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