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Materialdienst 10/2016
Hansjörg Hemminger

Psychotherapie als Allheilmittel

Die Ideologisierung therapeutischer Methoden

Die neuzeitliche Psychotherapie ist eine junge Form der Heilkunde. Sie entstand aus der medizinischen Psychiatrie des 18. und 19. Jahrhunderts und aus der empirischen Psychologie, deren Beginn man frühestens 1860 ansetzen kann. Psychotherapeutische Methoden im heutigen Sinn entwickelte erst Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, Ende des 19. Jahrhunderts. Seine (damals so genannte) „neue Psychologie“ breitete sich durch ihn und seine Schüler rasant aus. Im gleichen Zug überschritt die Psychotherapie, zuerst in Form der auf Freud zurückgehenden Schulen der Tiefenpsychologie, die Grenzen der Medizin und verband die Hoffnung auf Heilung im medizinischen Sinn mit weltanschaulichen, politischen und religiösen Hoffnungen. Das Potenzial dafür lag und liegt in der Tatsache, dass psychotherapeutische Theorien und Methoden nicht (oder nicht nur) auf empirischer Forschung beruhen, sondern auf anthropologischen Setzungen und daraus abgeleiteten Handlungsregeln. Dies gilt vor allem für Tiefenpsychologie und Humanistische Psychologie, tendenziell aber für alle Schulen. Auch andere Zweige der Medizin sind nicht vollständig empirisch begründet. Es gibt zahlreiche Methoden des medizinischen Einwirkens, die eher traditionell oder pragmatisch benutzt werden. Aber sie sind meist (nicht immer) religiös und weltanschaulich neutraler als psychotherapeutische Methoden. Zeitgeschichtlich kann man drei Phasen in der Entwicklung „ideologisierter“ Psychotherapien unterscheiden:

Eine erste Phase bis in die Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs stand unter dem unmittelbaren Einfluss der Schülerschaft Sigmund Freuds. In ihr entstanden neben den fachlichen Grundlinien der Psychotherapie auch mehr oder weniger umfassende Utopien.

Die zweite Phase, der sogenannte Psychoboom, wurde von der Kulturrevolution der 68er-Bewegung geprägt. Methoden der Gruppentherapien und der Selbsterfahrung gewannen an Gewicht, das Ziel einer politischen Befreiung verband sich mit der Hoffnung auf Befreiung der eigenen Psyche. Bis vor gut zwanzig Jahren beherrschten diese humanistischen und säkular-ideologischen Angebote den „alternativen Psychomarkt“.

In einer dritten Phase wurde dieser Markt entpolitisiert; er wird heute von spirituellen (esoterischen) und hoch individualisierten Methoden dominiert. Diese Methoden reichen zwar ebenfalls weit zurück, wurden aber erst in den letzten Jahrzehnten marktbeherrschend.

Von Otto Gross bis Alice Miller

• Einer der ersten Schüler Sigmund Freuds, Otto Gross (1877 – 1920), gründete zwischen den beiden Weltkriegen im alternativen Milieu des Monte Verità (Tessin) eine psychoanalytische Kommune.

• Ein weiterer Schüler, Wilhelm Reich (1897 – 1957), verband in seiner ersten Schaffensphase die individuelle Befreiung durch Psychoanalyse und die politische Befreiung durch den Kommunismus. In einer zweiten Phase öffnete er sich esoterischen Ideen und entwickelte die Orgon-Therapie. Dadurch wurde er direkt und indirekt zum Begründer zahlreicher ideologisch und spirituell aufgeladener Körpertherapien. Auf der anderen Seite wurde Wilhelm Reich zum Vorbild politisch-progressiver Therapiemodelle, bis zu den Marx-Freud-Reich-Gruppen der 1970er Jahre. Aus ihnen entstand der heutige „Bund gegen Anpassung“.

Carl Gustav Jung (1875 – 1961) bezog als Schüler Freuds gegen dessen Willen religiöse Erfahrungen in Menschenbild und Therapie mit ein.

Viktor Frankl (1905 – 1997) machte den Sinnbedarf des Menschen zu einer theoretischen und praktischen Grundlage seiner Logotherapie.

• Philosophische Vorgaben im Sinne Martin Heideggers finden sich in der Daseinsanalyse von Ludwig Binswanger (1881 – 1966).

• Ein weiterer Schüler Freuds, Alfred Adler (1870 – 1937), legte seiner Individualpsychologie ein optimistisches Menschenbild zugrunde: Der Mensch sei im Kern ein soziales, auf Gemeinschaft angelegtes Wesen und könne seinen Gemeinschaftssinn durch Therapie wiedergewinnen.

• Auf der Grundlage dieser Individualpsychologie versuchte Friedrich Liebling (1893 – 1982) in Zürich, Anarchismus, Sozialismus und Psychotherapie zu einem umfassenden Heilsweg zu verbinden (s. u.). Seine „Zürcher Schule“ nahm fanatische und bei der Nachfolgeorganisation VPM (Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis) schließlich sektiererische Züge an.

• Sogar die empirisch konzipierte Verhaltenstherapie auf der Basis des psychologischen Behaviorismus wurde von einem ihrer Hauptvertreter, Burrhus F. Skinner (1904 – 1990), zu einem Mittel erklärt, alle Übel des Lebens zu überwinden. Nach seinem utopischen Roman „Walden Two“ von 1948 (deutsch: Futurum II) lassen sich erwünschte, soziale Verhaltensweisen durch Konditionierung verstärken, negative dagegen unterdrücken, bis eine ideale Gesellschaft entsteht. Der utopische Charakter des Entwurfs wird durch den Namen „Walden“ signalisiert. Er bezieht sich auf das Buch „Walden oder Leben in den Wäldern“ von Henry David Thoreau (1817 – 1862), ein Klassiker der neuzeitlichen Zivilisationskritik.

• Viel häufiger als im Behaviorismus sind ideologische Entwürfe jedoch in der Tiefenpsychologie und Humanistischen Psychologie. Letztere ist einem spiritualistischen Menschenbild verpflichtet. Nach Abraham Maslow (1908 – 1970), Carl Rogers (1902 – 1987) und anderen ist das Selbst ein an und für sich guter, mit sich und der Welt in Harmonie existierender Personenkern. Er wird jedoch seines Potenzials zu Glück und Selbstverwirklichung (der Ausdruck ging vom „Human Potential Movement“ in die Umgangssprache über) durch lebensgeschichtliche Verformungen beraubt. Die Therapie zielt über die Behandlung konkreter Leiden hinaus auf die Befreiung des wahren Selbst.

• Problematische Entwicklungen nahmen u. a. die folgenden Schulen: Unter dem Namen „dynamische Psychiatrie“ verbreitete der Psychoanalytiker und Arzt Günter Ammon (1918 – 1995) eine Methode tiefenpsychologischer Gruppenarbeit, die als Deutsche Akademie für Psychoanalyse sektiererische Züge annahm. Der Psychologe Arthur Janov (geb. 1924) legte seine kathartische Primärtherapie (Urschrei-Therapie) von vornherein als Heilsweg an und erklärte sie zur Methode, den nächsten Schritt in der menschlichen Evolution herbeizuführen. Ähnlich, jedoch weniger ideologisch aufgeladen war die Bonding-Therapie von Daniel H. Casriel (1924 – 1983). Mit ihrem Buch „Das Drama des begabten Kindes“ (1979) lieferte Alice Miller (1923 – 2010) vielen Menschen eine tiefenpsychologische Traumatheorie als Deutung für enttäuschte Lebenshoffnungen. Ihr Sohn Martin Miller zeichnet allerdings in seinen Erinnerungen an seine Mutter (Das wahre „Drama des begabten Kindes“) von 2014 das Bild einer Frau, die in keiner Weise fähig war, ihre eigenen Ideale zu verwirklichen. Überall dort, wo utopische therapeutische Entwürfe in die Praxis umgesetzt wurden bzw. werden, ist eine solche Kluft zwischen Ideal und Lebensrealität zu erwarten. Dadurch entstehen in sich spannungsreiche soziale Formen, die von der geschlossenen, autoritären „Psychogruppe“ über „Klientenkulte“ bis zu privaten alternativen Lebensentwürfen und zu hoch individualisierten „Marktangeboten“ reichen, die auch literarische Anleitungen zur therapeutischen Selbsttransformation sein können.

Der Psychoboom der 68er-Bewegung und die Therapien des „New Age“

Etwa von 1975 bis 1995 gab es in der westlichen Welt einen „Psychoboom“, eine Psychotherapie- und Psychologie-Bewegung vor allem im gebildeten Bürgertum. Sie war eine der kulturellen Folgephänomene der 68er-Bewegung. In der Sozialmedizin wurde diese Bewegung als „therapeutische Generalisierung“ charakterisiert: „Die in den siebziger Jahren einsetzende ‚therapeutische Generalisierung‘... speiste sich aus mehreren Quellen: Zum einen ... ermöglichte der (zeitweilige) Verfall der Dominanz des medizinischen Störungsmodells, das psychische Störungen als ‚Krankheiten‘ definierte und ihre Behandlung als ärztliche Aufgabe festlegte, die überkommene Vorstellung einer Diskontinuität von psychischer Normalität und Krankheit aufzulösen und ‚Therapien für Normale‘ anzubieten, die sich jenseits des Ruchs der ‚Krankenbehandlung‘ an eine zahlungskräftige Klientel richteten, der es mehr auf Persönlichkeitswachstum, Enlightenment und spirituelle Erfahrung als auf die Kurierung psychiatrisch definierter Störungsbilder ankam ... Schließlich ist ... die boomartige Ausweitung psychologischer Therapiemethoden sowie psychologischer Selbst- und Fremdinterpretationen als Reaktion zu verstehen auf die psychosozialen Bedürfnisse und Probleme ihrer einschlägigen Rezipienten: der vor allem jüngeren Angehörigen der neuen, vielfach akademisch gebildeten Mittelschicht. Diese Gruppe zeichnet sich dadurch aus, in hohem Maße zu selbstreflexiver Bereitschaft und Kompetenz sozialisiert worden zu sein, die es ermöglicht, das eigene psychische Befinden nicht nur wahrzunehmen, zu benennen und zu bewerten, sondern in ausreichender ‚Selbstoffenbarung‘ an psychotherapeutische Institutionen heranzutragen, die zunehmend ihren stigmatisierenden Charakter verlieren, und statt dessen den Status eines Mediums der Selbstdefinition, Identitätsbildung und psychischen Entwicklung erhalten“ (Zygowski 1991).

Diese Analyse nennt wichtige Stichworte: Ideologisierte Psychotherapien werden zur „Therapie für Normale“, für Menschen, die Persönlichkeitswachstum und spirituelle Erfahrungen suchen. Sie sind keine Heilbehandlungen mehr, sondern Wege zur Identitätsbildung. Allerdings ist die „selbstreflexive Bereitschaft“ der Nach-68er, von der Zygowski spricht, heute so nicht mehr gegeben. Dieser Wandel erklärt unter Umständen die gegenwärtige Dominanz erlebnisintensiver, weltanschaulich wenig geformter, sondern in einem ganz allgemeinen Sinn spiritueller Marktangebote.

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