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Materialdienst 9/2016
Islam

Schrumpfungsprozess bei der Gülen-Bewegung in Deutschland

Der lange Arm des türkischen Staatspräsidenten Erdoğan reicht im Machtkampf mit dem Prediger Fethullah Gülen bis nach Deutschland. Das ideologische Zentrum der Gülen-Bewegung hierzulande ist der Medien-Konzern World Media Group AG (WMG) mit Sitz in Offenbach. Das Unternehmen musste infolge wirtschaftlicher Schwierigkeiten aufgrund des Machtkampfs zwischen Erdoğan und Gülen seit 2014 zwei Drittel seiner Mitarbeiter entlassen (vorher 250 Beschäftigte, Anfang August 2016 noch 87). Die mangelnde Transparenz, die man der Bewegung in den letzten Jahren vorgehalten hat, wird nun in Zeiten der Krise zum Bumerang.

Nach eigenen Angaben ist die WMG immer noch das größte Medienunternehmen Europas mit türkischen Wurzeln. Das liegt allerdings auch daran, dass andere türkische Medienunternehmen eigene Redaktionen in Deutschland bereits vor Jahren geschlossen oder massiv verkleinert haben.

„Wir hoffen, dass wir jetzt auf unsere Kernkundschaft heruntergeschmolzen sind“, sagt WMG-Vorstand Mustafa Altas dem Radiosender hr-iNFO Anfang August. Auch im TV-Geschäft der WMG macht sich der wirtschaftliche Druck bemerkbar. Das Programm QLAR (vormals EBRU TV) der Peyk Media GmbH, einer Tochtergesellschaft der World Media Group, hat mit Jahresende 2015 den Betrieb eingestellt. „QLAR hatte uns offiziell von der Einstellung des Sendebetriebs unterrichtet“, so die Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien.

Deutschland dürfte angesichts der massiven Verfolgung von Gülen-Anhängern in der Türkei für die World Media Group und die Bewegung insgesamt immer wichtiger werden. Davon geht Florian Volm aus. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der katholischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main schreibt seine Doktorarbeit über die Gülen-Bewegung. Es gebe in dem Unternehmen verschiedene Planspiele, die Schaltstellen der Gülen-Bewegung nach dem Ausschalten in der Türkei entweder nach Deutschland, die Niederlande und Belgien oder in die USA, wo Gülen seit 1999 lebt, zu verlegen. Unabhängig davon, wie diese Pläne am Ende ausgehen werden, ist klar, dass der World Media Group durch die Zerschlagung der Gülen-Strukturen in der Türkei eine größere Bedeutung zukommt, möglicherweise auch ihrem Aufsichtsratsvorsitzenden Abdullah Aymaz.

Die WMG ist seit ihrer Gründung 2006 mehr als nur ein Wirtschaftsunternehmen. Sie gehört in Deutschland ansässigen türkischstämmigen Gesellschaftern. Laut einer Studie des US-Politikwissenschaftlers Hakan Yavuz ist Abdullah Aymaz einer von acht „im Hintergrund agierenden Kernanhängern“ Gülens. Folgt man Yavuz, werden im „nicht-öffentlichen Teil“ der Bewegung über Gebietsbeauftragte der Zeitung „Zaman“ sogenannte Lesekreise organisiert. Sie koordinieren und binden die zahlreichen Gülen-Anhänger in Deutschland.

Doch Aymaz agiert aus dem Hintergrund. Die offizielle Stimme der Bewegung in Deutschland ist der Vorsitzende der „Stiftung Dialog und Bildung“, Ercan Karakoyun. Die Stiftung wurde 2014 nach einer Reihe kritischer Medienberichte über manipulative Praktiken in den „Lichthäusern“ (studentische Wohngemeinschaften) und Mobbingvorfälle in Schulen der Gülen-Bewegung gegründet, um das Image einer an Bildung und Dialog orientierten Bewegung in Deutschland zu pflegen.

Aus Sicht der Bewegung dürfte es ein Segen sein, dass sie mit Karakoyun in der Zeit nach dem Putschversuch eine Stimme in der Öffentlichkeit hat. Allerdings darf man sich fragen, ob hinter dieser Kommunikationsfassade nicht die graue Eminenz der Bewegung, Aymaz, versteckt werden soll. Nirgendwo weist die Bewegung die deutsche Öffentlichkeit auf die eigenen internen Strukturen, Hierarchien und Abhängigkeiten hin. Es gibt immer noch eine Kluft zwischen den nach innen ausgerichteten Hierarchien und Abhängigkeiten und den nach außen, in der deutschen Öffentlichkeit, dargestellten Strukturen.

Insofern ist es nur folgerichtig, dass in der pluralistischen Gesellschaft nicht geklärte Themenfelder zu Distanz selbst bei denjenigen führen, die die Ziele der Bewegung im Bildungs- und Dialogbereich unterstützen. Wie bereits im Zuge der Medienberichte über manipulative Methoden in den Lichthäusern und Mobbingvorfälle in Gülen-Schulen gingen Prominente wie die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) und der Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour (Grüne) auf Distanz. Sie verließen die Beiräte der Dialog-Vereine Berlin und Frankfurt am Main (Fid e. V.). Der Vorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, hat im Nachgang des Putschversuchs die Organisation zu einer Offenlegung ihrer Ziele aufgerufen. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Frankfurter Römer (Stadtverordnetenversammlung) Hilime Arslaner-Gölbasi fühlt sich nun bestätigt. Seit Jahren warnt die Deutsch-Türkin Parteifreunde vor einem allzu distanzlosen Umgang mit der Gülen-Bewegung. „Man sollte bei Organisationen, die nicht offenlegen, was sie wollen, auf Distanz gehen und sie nicht zu Opfern erklären.“ Sie erlebe diese Art der falsch verstandenen Toleranz seit Jahrzehnten, wenn es um Organisationen gehe, deren Akteure einen Migrationshintergrund haben. „Die Gefahr besteht, dass man nicht weiß, wer hinter den Organisationen steht.“

Unterdessen versuchen sich viele ehemalige Mitarbeiter der WMG eine neue Existenz aufzubauen. Besonders schwierig dürfte es für türkische Staatsbürger sein, die entlassen wurden. Für sie ist der Rückweg in die Türkei verbaut, da sie damit rechnen müssen, in ihrem Heimatland verhaftet zu werden. Ein letzter Ausweg könnte Asyl sein. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bestätigt auf Anfrage, dass es einen Anstieg von Asylanträgen durch türkische Staatsbürger gibt. „Von Januar bis Juni dieses Jahres stellten 1719 Menschen aus der Türkei einen Asylantrag beim Bundesamt, 1510 davon waren kurdischer Herkunft. 2015 wurden 1767 türkische Asylanträge gestellt“, so das BAMF. Da keine Asylgründe erfasst würden, könnten keine Angaben gemacht werden, ob Gülen-Anhänger unter den Antragstellern sind. Die Linkspartei-Politikerin Ulla Jelpke rechnet mit zahlreichen Gülen-Anhängern mit einem türkischen Pass, die sich der Verfolgung in der Türkei durch Asyl in Deutschland entziehen wollen. „Die Bundesrepublik ist aufgrund des jahrelang demonstrativ zur Schau getragenen Wohlwollens von Bundes- und Landespolitikern gegenüber der Gülen-Bewegung zu einem der wichtigsten Stützpunkte dieses sektenhaften Netzwerkes außerhalb der Türkei geworden“, so Jelpke.

Antworten der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion hatten bereits im Frühjahr deutlich werden lassen, dass die Bundesregierung auf Distanz zur Bewegung gegangen ist.

Es gibt erste Anzeichen, dass sich die Ableger der Gülen-Bewegung in Deutschland angesichts des wirtschaftlichen Drucks verkleinern müssen. So bestätigt der Frankfurter Bildungsverein Avicenna, der zusammen mit dem Dialog-Verein FID e. V. eine großzügige Büroetage im Stadtteil Bockenheim gemietet hat, dass er diese Etage zum Herbst nicht mehr mietet. Eine andere Etage kann der Verein halten. Wie lange, bleibt abzuwarten. „Die politische Situation in der Türkei hat zurzeit kaum negative Auswirkungen auf unsere Mitgliederanzahlen. Jedoch erachten wir einen Rückgang bei den Neuanmeldungen ab September 2016 für möglich“, erklärt der zweite Vorsitzende.

Einen Schrumpfungsprozess hält auch der ehemalige Chefredakteur der Europausgabe von Zaman, Mahmut Çebi, für möglich. Er berichtet von einem „enormen Druck“ auf die Eltern, ihre Kinder aus Bildungseinrichtungen abzumelden. Es ist zu vermuten, dass dies bei der Größe und Dichte der Gülen-Vereinslandschaft und der angeschlossenen Nachhilfe- und Bildungseinrichtungen in den nächsten Jahren Spuren hinterlässt.

Doch nicht nur strukturell wird sich die Bewegung ändern müssen. Der Gülen-Kenner Florian Volm kann sich vorstellen, dass sich die Gülen-Anhänger in Deutschland stärker zu ihren religiösen Motiven bekennen werden. Die Gülen-Bewegung könnte sich unter dem Druck der politischen Verhältnisse in der Türkei in Deutschland zu einer islamischen Religionsgruppe unter vielen verwandeln. Sie wäre dann für die Öffentlichkeit leichter einzuschätzen als bisher.

Volker Siefert, Frankfurt a. M.

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