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Materialdienst 9/2016
Mormonen

Ein Besuch im Mormonentempel Freiberg

Ein Besuch im Mormonentempel Freiberg. (Letzter Bericht: 6/2016, 232) Nach anderthalbjährigem Umbau steht der Tempel der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ (Mormonen) in Freiberg/Sachsen vor der Wiedereröffnung. Vorher war das Gebäude im August 2016 zwei Wochen lang in geführten Touren für die Öffentlichkeit zugänglich. Das war zuletzt 2002 nach einem Umbau und 1985 nach der Errichtung des Tempels der Fall. Dabei bekommt man das Innere des Tempels, die heiligsten Hallen, die Sphären unmittelbarster Gotteserfahrungen des Mormonentums, zu Gesicht. Unter dem Motto „Heilig dem Herrn das Haus des Herrn“, das außen an jedem der weltweit 150 Tempel angebracht ist, wird hier der Kern der mormonischen Heiligungstheologie rituell inszeniert. Der Tempel ist im Gegensatz zu den Gemeindehäusern normalerweise für Nichtmormonen tabu.

Die Entstehung des Freiberger Tempels verdankt sich der DDR-Diktatur. Seit 1955 hatten deutsche Mormonen den damals neuen Tempel in der Schweiz genutzt. Nach dem 13. August 1961 waren die DDR-Bürger von diesem und damit von den heiligsten Vollzügen ihres Glaubens abgeschnitten. Statt Visa zu vergeben, erlaubten die DDR-Machthaber 1978, einen Tempel in der DDR zu errichten. Dieser entstand dann 1983 bis 1985. Wie auch beim jetzigen Umbau wurde betont, dass man vor allem lokale Firmen mit den Baumaßnahmen beauftragt habe, was gewiss dazu beitrug, dass die Freiberger sich früh mit „ihrem“ Tempel als einer architektonischen Besonderheit ihrer Kleinstadt anfreundeten. Er war der einzige mormonische Tempel in einem sozialistischen Staat. Er wird heute von Mitgliedern aus Deutschland, Tschechien, Polen, Moldau, Rumänien und Ungarn genutzt.

Vor dem Tempel steht prominent ein Fahnenmast mit schwarz-rot-goldener Flagge. Dieses Detail fehlt vor dem (ehemals westdeutschen, 1987 eröffneten) Tempel in Friedrichsdorf bei Frankfurt. Ob sich die in Deutschland vor Kultgebäuden ungewöhnliche Nationalbeflaggung amerikanischem Einfluss verdankt? Oder ist sie eher Ausdruck der Staatstreue, die allen Mormonen selbstverständlich ist, die man aber in der DDR besonders zeigen musste? Zwei Freiberger Teilnehmerinnen der Führung, die schon 1985 die Tempeleröffnung miterlebt hatten und seit 1990 für die SED-Nachfolgeparteien im Stadtrat sitzen, kommentierten lobend, dass die Mormonen in der DDR ihre jungen Männer zum freiwillig verlängerten dreijährigen Wehrdienst in der NVA ermuntert hätten, während andere Religionsgemeinschaften eher zur Wehrdienstverweigerung aufriefen.

Am Tempeleingang befindet sich ein Empfangspult, an dem der mormonische Besucher, mindestens zwölf Jahre alt, seinen Tempelschein vorlegt, also die Bescheinigung eines Amtsträgers, dass er aufgrund seines Lebenswandels zur Teilnahme an Tempelritualen berechtigt ist. Wie viel Prozent der Mormonen sich im Besitz eines Tempelscheins befinden, wird nicht bekanntgegeben. Von der Schwelle an strahlt das Innere des Tempels mit edlen Hölzern, schweren Teppichen, Goldbemalungen und Marmor. Das soll die kultische Heiligkeit und Reinheit des Ortes irdisch sichtbar machen.

In Umkleidekabinen legen die Besucher – ist der Tempel erst einmal in Betrieb – die Straßenkleidung ab. Für die Dauer des Aufenthaltes tragen sie einheitliche weiße Tempelkleidung – Symbol der Reinheit und der Gleichheit aller vor Gott.

Der „Taufraum“ ist sicher das spektakulärste Element des Ensembles. Ein umglaster Durchbruch im Boden gibt den Blick auf einen unterirdischen, marmorverkleideten Raum frei, in dem sich zwölf lebensgroße, strahlend weiße Rinderfiguren die Last eines etwa zwei Meter im Durchmesser großen Taufbeckens auf dem Rücken teilen. Hier werden die stellvertretenden Taufen für die nicht als Mormonen verstorbenen Vorfahren vollzogen. Die Taufen Lebender finden in weit weniger spektakulärer Umgebung in den normalen Gemeindehäusern statt, und zwar ebenfalls als Ganzkörpertaufen.

Im „Verordnungsraum“ werden die Besucher über bestimmte Lehren instruiert. Früher durch Personen, heute durch Filme lernt man unter anderem Handgriffe und Passwörter, die man nach dem Tod an der Himmelspforte beherrschen muss. Mormonen sprechen nicht im Einzelnen über dieses sogenannte „Endowment“ (Begabung oder Ausstattung) und alle anderen Tempelrituale, eine Arkandisziplin, die in Zeiten des Internets weniger der Geheimhaltung als der respektvollen Selbstdisziplin im Umgang mit dem Heiligen dient.

Im „Versiegelungsraum“ werden die Siegelungen von Ehepaaren bzw. Ehepaaren und ihren Kindern vorgenommen. Das heißt, die betreffenden Menschen bleiben über den Tod hinaus in der Ewigkeit zusammen. Im Mormonentum ist die Gründung und Erhaltung einer Familie von Mann, Frau und Kindern der Inbegriff einer gottgewollten Lebensführung, ihre Zentralität für das Glaubenswesen ist überall spürbar. Zur Siegelung kniet sich das Paar und gegebenenfalls seine Kinder gegenüber bzw. im Kreis um ein Kniebänkchen. Dabei können auch schon früher verstorbene Kinder des Paars in die Siegelung mit hineingenommen werden, was dann durch das Hinzuknien eines Stellvertreters oder einer Stellvertreterin während der Siegelungszeremonie deutlich gemacht wird. Das kann gegebenenfalls bedeuten, dass man vor der eigenen Geburt verstorbene Geschwister nach dem eigenen Tod kennenlernen wird. Bei diesen persönlichen Fallschilderungen wird für den Besucher spürbar, dass für Mormonen gerade die sehr konkreten Aussagen und Heilsversprechen der individuellen Eschatologie eine große Anziehungskraft ausüben. Die ohne jede hörbare Unsicherheit vorgetragene Konkretheit mormonischer Jenseitsverheißungen ist unübertroffen.

Die größte Prachtentfaltung bei Mobiliar, Wandschmuck und riesigen Kristall-Leuchtern bietet zum Schluss der „celestiale Raum“, eigentlich eine meterhohe Halle der Stille, in der selbst bei den öffentlichen Führungen kein Wort gesprochen wird. Der Raum dient der Sammlung und Besinnung nach den Tempelverrichtungen.

Das Tempelinnere ist klassizistisch gehalten, es erinnert an amerikanische Kopien englischer Landschlösser und wirkt in diesem Rahmen durchaus geschmackvoll. Nur die monumentalen, kitschigen Bibelgemälde im typisch mormonischen Stil stören den Eindruck, doch ist ihre Zahl überschaubar. Da werfe derjenige den ersten Stein, dessen Kirche keine romanischen Altarräume mit tesafilmbefestigten Kinderzeichnungen und Konfirmandenportraits „zieren“.

Aufbau und Gestaltung des Tempels entsprechen dem Geist des mormonischen Gottesbildes: Hier ist alles lichtdurchflutet, transparent, klar strukturiert, altertümelnd, hierarchisch und auf Reinheit bedacht. Im ganzen Gebäude sind Sofas, Sessel, Dekorationen ordentlich geometrisch, in Reihen, in rechten Winkeln oder kreisförmig angeordnet, denn mormonische Ästhetik spiegelt mormonische Theologie: Durchschaubarkeit, Verständlichkeit und klare Linien sind das Ergebnis von Gottes Offenbarungsprogramm. Nicht das Geheimnis, sondern die klare Willensmitteilung Gottes, sein Lebensprogramm für den Menschen stehen im Mittelpunkt. Der Preis ist hoch und auch im Tempel unverkennbar: Der verborgene Gott Jesu, der schreit „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, hat in mormonischer Theologie kaum noch einen Ort. Daher fehlt denn auch in den vielen Symbolen und Gemälden des Tempels – wie übrigens auch in den Gemeindehäusern – jeder Hinweis auf Passion und Kreuzestod Christi. Und so geht der christliche Besucher trotz der vielen Bezugnahmen auf (einen stets bärtigen und milde lächelnden) Jesus in Wort und Bilde mit dem Eindruck fort, das Heiligtum einer ihm letztlich fremden Religion besucht zu haben.

Am 4. September wird der Tempel von Mitgliedern des Zwölf-Apostelkollegiums, der mormonischen Kirchenleitung in Salt Lake City, erneut geweiht und ist danach für Nichtmormonen wieder verschlossen.

Kai Funkschmidt

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