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Materialdienst 9/2016
Christoffer H. Grundmann

Glaubens-, Geist- und Wunderheilung

Eine Orientierung

Immer mal wieder erregt das Thema der Glaubens-, Geist- und Wunderheilung die Gemüter. Besonders in einer durch Materialismus und Rationalismus bestimmten Kultur werden Heilungen, die sich nicht gemäß dem gängigen Erklärungsmodell ereignen, mit ungläubiger Skepsis betrachtet, als interessante Kuriosität behandelt oder aber als geistgewirktes Wunder proklamiert. Was dem rational geschulten Geist nicht einsichtig ist, wird oft als eingebildet und unmöglich diffamiert, während es für diejenigen, die Heilung auf eine ihnen unerklärliche Weise erlebt haben, untrügliche Gewissheit ist, dass es mehr gibt als das, was mit Verstand und Laborwerten erklärt werden kann. Vor allem seit dem Aufkommen des Wissenschaftsmonismus und dem Siegeszug der rational begründeten naturwissenschaftlichen Medizin Mitte des 19. Jahrhunderts ist eine Zunahme polemischer Konfrontation zwischen den verschiedenen Lagern festzustellen.

So kam, um nur an einige bekanntere Ereignisse zu erinnern, Pfarrer Johann Christoph Blumhardt (1805 – 1880) durch sein Heilungswirken in Möttlingen und Bad Boll im Europa des 19. Jahrhunderts zu ungewolltem Ruhm,1 während seit Anfang des 20. Jahrhunderts heilungssuchende Kranke aus aller Welt in das südfranzösische Lourdes pilgern bzw. zu einer der Filialgründungen auf anderen Kontinenten.2 Nach dem Zweiten Weltkrieg machten Heiler der pfingstlerisch beeinflussten nordamerikanischen Heilungsbewegung mit Großveranstaltungen auch in Deutschland auf sich aufmerksam,3 gefolgt von philippinischen Geistheilern, die die sogenannte „Geist-Chirurgie“ ausübten,4 eine Behandlungsart, die heutzutage auch von dem z. Zt. im Rampenlicht stehenden Brasilianer Joao de Deus/John of God5 sowie von der Russin (Prof. Dr.) Tatjana Lackmann in Südwestdeutschland und der Schweiz ausgeübt wird, von dieser allerdings unter dem geschützten Namen „Paranormale Chirurgie“6.

Überhaupt erlebt geistiges Heilen augenblicklich eine bemerkenswerte Renaissance, wie eine Suche im Internet rasch belehrt. Da gibt es eine verwirrende Fülle von Literatur und Interessengemeinschaften wie z. B., um nur einige wenige, zufällig ausgewählte deutschsprachige Organisationen zu nennen, den „Dachverband Geistiges Heilen e. V.“, den „Arbeitskreis Radionik und Schwingungsmedizin e. V.“ und die „Schule der Geistheilung nach Horst Krohne“. Letztere gibt neben anderen Publikationen die Zeitschrift „Heilspiegel“ heraus, bietet urheberrechtlich geschützte Engel-Symbole sowie Ausbildungsseminare für geistiges Heilen an und organisiert internationale Kongresse zum Thema. All das hat Wurzeln in der New-Age-Bewegung der 1970er Jahre7 bzw. in der früheren, „Neues Denken“ genannten Bewegung (New Thought Movement) am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert, die u. a. auch für das Entstehen der von Mary Baker Eddy (1821 – 1910) begründeten Christlichen Wissenschaft (Christian Science) mit der Betonung geistigen Heilens entscheidend gewesen war.8

Da Konflikt und Polemik also nicht neu sind, soll die folgende Darstellung der grundsätzlichen, im christlichen Glauben evangelischer Prägung verwurzelten Orientierung dienen, wie derartige Phänomene zu verstehen sind und wie mit ihnen umzugehen ist. Dabei wird zunächst eine Verständigung über die verwendete Begrifflichkeit angestrebt, gefolgt von einer formalen wie inhaltlichen Analyse einiger Heilungsberichte. Danach wird am Beispiel von Lourdes gezeigt, wie mit Wunderheilungen sachlich umzugehen ist, bevor abschließend einige grundsätzliche Aspekte der Thematik erörtert und praktische Hinweise für Gespräche über Glaubens-, Geist- und Wunderheilungen gegeben werden.

Begriffliche Klärungen

Obwohl die Begriffe Geist-, Glaubens- und Wunderheilung keine präzise zu bestimmenden Fachausdrücke sind, ist es im vorliegenden Zusammenhang hilfreich, sich über sie zu verständigen; denn bei genauerem Hinsehen werden markante Unterschiede erkennbar, die im allgemeinen, umgangssprachlichen Gebrauch der Begriffe kaum zu Bewusstsein kommen.

Wenn z. B. von Geistheilung gesprochen wird, dann steht der Aspekt des Mediums, durch das Heilung erfolgt bzw. erwartet wird, im Vordergrund. Nicht durch die Gabe von Medikamenten oder durch medizinische Behandlung, sondern durch ein nichtmaterielles Agens, Geist genannt, wird geheilt, und dies oft mittels der als Kanalisierung des Geistes verstandenen Handauflegung. Manchmal wird der „Geist“ mit konkreten Namen machtvoller Wesenheiten aus dem Kulturkreis der Heilungssuchenden verbunden, manchmal wird, und dies nicht nur in christlichen Kreisen, der Geist als „Geist Gottes“ bzw. als „Heiliger Geist“ bezeichnet, während in modernen, säkularen, westlichen Traditionen eher allgemein von „Geist“ gesprochen wird bzw. vom Geist als „Energie“, die man dann als „feinstoffliche Energie“ erklärt, worin letztlich, wie auch bei der Handauflegung, ein materialistisches Verständnis von Geist zum Ausdruck kommt.

Anders verhält es sich, wenn von Glaubensheilung gesprochen wird; denn dieser Begriff betont einerseits den Aspekt des unbedingten, persönlichen Vertrauens in das, was in Aussicht gestellt und zugesagt wird. Rückhaltloses Vertrauen in den Heiler bzw. die Heilerin, in deren Behandlungsweise und die verordneten Medizinen ist für den Heilerfolg ausschlaggebend und von den meisten Menschen nach wie vor auch in der heutigen Welt gefordert, vor allem von denjenigen, die keinen Zugang zum etablierten Gesundheitssystem haben.9 Der Heilerfolg ist von der ungeteilten Erwartung der Heilungssuchenden abhängig. Ihr totales, rückhaltloses Sich-Einlassen auf das, was ihnen in Aussicht gestellt ist, bestimmt das Geschehen. Bleibt wider alle Erwartung Heilung aus, dann ist die vornehmliche Ursache dafür im „Kleinglauben“ der Kranken bzw. in deren „Unreinheit“ zu suchen, da sie wahrscheinlich nicht alles geschildert haben, was ihnen Beschwerden macht, oder aber in ihrer Verzweiflung insgeheim auch noch anderswo nach Hilfe Ausschau gehalten haben. Nicht von ungefähr wird in vielen Glaubensheilungszentren weiße Kleidung getragen; das hat nichts mit klinischer Hygiene zu tun, sondern dient zur Veranschaulichung innerlicher Reinheit.10

Andererseits kam nicht zufällig die Rede von „Glaubensheilung“ bzw. von „faith healing“ nachweislich erst im Zusammenhang mit der im Juni 1885 in London veranstalteten Internationalen Konferenz über göttliche Heilung und wahre Heiligung auf (International Conference on Divine Healing and True Holiness)11; zu einem Zeitpunkt also, als die rational-naturwissenschaftliche Welterklärung als einzig akzeptable Grundlage der Heilkunst mit religiösem Ethos proklamiert wurde, sprachen doch frühe Vertreter dieser Richtung vom „Tempel der Wissenschaft“, in dem sich die Forscher als „Priester“ und „Gläubige“ versammeln, um die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse als „Offenbarung der Wahrheit“ zu feiern. Ausdrücklich bekannte 1865 einer ihrer profiliertesten Repräsentanten, Rudolf Virchow (1821 – 1902): „Ich scheue mich nicht zu sagen, es ist die Wissenschaft für uns Religion geworden.“12 Das reizte zum Widerspruch, der eben auch im Begriff der Glaubensheilung zum Ausdruck kam, zumal vielen verzweifelten Kranken eben nicht durch die neue Medizin, sondern durch Personen wie Blumhardt, Dorothea Trudel (1813 – 1862) und andere geholfen wurde.

Wiederum anders verhalten sich die Dinge, wenn von Wunderheilung gesprochen wird; denn dabei liegt die Betonung auf der Erklärung eines Geschehens, dessen Beobachtung den vertrauten Verstehensrahmen sprengt. Weil ein bestimmtes Ereignis mit den Mitteln bisheriger Welterklärung nicht begriffen werden kann, wird es als „Wunder“ deklariert. Als solches wird es allerdings nur so lange Bestand haben können, bis im Zuge wachsenden rationalen Weltverstehens die eigentliche Wirkursache erkannt ist, weshalb der Begriff des Wunders in den Naturwissenschaften keinen Platz hat. Es ist allemal wahrhaftiger, sich das Unverstandene ehrlicherweise als solches einzugestehen, als es religiös zu verbrämen. Allenfalls als Ausdruck überwältigenden Staunens angesichts zunehmender Erkenntnis der faktischen Komplexität – gegebenenfalls auch der Schönheit – des Lebendigen kann man als Wissenschaftler sinnvoll von Wunder sprechen.

Dennoch: Für alle, die einmal Befreiung aus einer für sie lebensbedrohlichen, aussichtslosen Lage erlebt haben, ohne dass sie dafür einsichtige Gründe nennen könnten, wird das wunderbar, wird das ein Wunder gewesen sein – mögen auch diejenigen, die ein solches Geschehen wie z. B. die Heilungsberichte von Lourdes von außen beurteilen, mancherlei Gründe dafür angeben können, warum das Erlebte kein Wunder ist, da es doch offenbar für alles eine natürliche Erklärung gibt.

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Anmerkungen

1 Siehe dazu Dieter Ising, Johann Christoph Blumhardt. Leben und Werk, Göttingen 2002, 131-291.
2 Zu Lourdes: Andreas J. Kotulla, „Nach Lourdes!“ Der französische Marienwallfahrtsort und die Katholiken im Deutschen Kaiserreich (1871 – 1914), München 2006.
3 Siehe z. B. Wolfgang Metzger, Problematische Glaubensheilungen, in: Wolfgang Erk/Martin Scheel (Hg.), Ärztlicher Dienst weltweit, Stuttgart 1974, 251-259.
4 Siehe z. B. Gert Chesi, Geistheiler auf den Philippinen, Wörgel 1981; Hans Naegeli-Osjord, Die Logurgie in den Philippinen. Heilung durch magische (parachirurgische) Eingriffe, Remagen 1982.
5 Siehe z. B. die DVD „Healing. Wunder, Mysterien und John of God“, 2010; Josie Raven Wing, Das Buch der Wunder. Die Heilungsarbeit von Joao de Deus, Peiting 2005; siehe auch die entsprechenden Internetseiten.
6 Eine Selbstdarstellung findet sich unter www.institutlackmann.com.
7 Vgl. dazu Werner H. Ritter/Bernhard Wolf (Hg.), Heilung – Energie – Geist. Heilung zwischen Wissenschaft, Religion und Geschäft, Göttingen 2005; zum Thema New Age und Heilung siehe Caroline König, Entstehung und Entwicklung des New Age, Norderstedt 2011, bes. 39-49.
8 Ein Überblick mitsamt Literaturangaben dazu gibt http://christliche-wissenschaft.de.
9 Vgl. dazu z. B. Wolfgang Schievenhövel u. a. (Hg.), Traditionelle Heilkundige, ärztliche Persönlichkeiten im Vergleich der Kulturen und medizinischen Systeme – Traditional Healers, Iatric Personalities in Different Cultures and Medical Systems, Braunschweig 1986. Um eine Vorstellung davon zu gewinnen, wie viele Menschen weltweit Zugang zu medizinischen Diensten und Einrichtungen haben, vergleiche man die Rubriken zur Gesundheitsversorgung in den internationalen Jahrbüchern.
10 So z. B. in der Casa de Dom Inacio des Joao de Deus im brasilianischen Abadiania und im Orden Fiat Lux der Heilerin Uriella sowie auch in vielen zionistischen Heilungskirchen in Afrika.
11 Siehe The Oxford English Dictionary, Oxford 1971, F-32 (Compact Edition, vol. 1, 952); Record of the International Conference on Divine Healing and True Holiness Held at the Agricultural Hall, London 1885, hg. von William Edwin Boardman, London 1885.
12 So anlässlich der Eröffnung der Tagung der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Hannover 1865; siehe Amtlicher Bericht über die Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Hannover 1865, in: Heinrich Schipperges, Entwicklung moderner Medizin. Probleme, Prognosen, Tendenzen, Stuttgart 21968, 35. Dort auch weitere Belege (34-38).

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