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Materialdienst 9/2016

Gülen nach dem Putschversuch in der Türkei

Sehr schnell stand für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan fest, wer die Hauptdrahtzieher des gescheiterten Putschversuchs in der Türkei am 15. Juli 2016 waren: Fethullah Gülen und seine „Gülenistische Terrororganisation“. Gülen wies die Vorwürfe umgehend zurück.

Der türkisch-amerikanische Prediger Gülen und der heutige Präsident Erdoğan waren seit dem Aufschwung der türkischen Regierungspartei AKP 2002 bis vor drei Jahren enge Verbündete. Man schaltete gemeinsame Gegner aus und war sich – wie übrigens auch mit der Milli-Görüş-Bewegung – in wichtigen Grundpositionen einig: Ablehnung jeglicher „Verwestlichung“, Verklärung des Osmanischen Reiches, zentrale Elemente der „Türkisch-islamischen Synthese“ (Einheit von türkischer Nation und Islam), Forderung einer sittlich-moralischen Erneuerung der Türkei. Gülen war gegen eine direkte Politisierung des Islam und gründete daher auch keine eigene Partei; das überließ er Erbakan, Erdoğan und anderen. Er setzte mit seiner Hizmet-Bewegung dagegen auf die Heranbildung einer schlagkräftigen muslimischen Bildungselite, die durch „Dialog und Bildung“ zum Aufbau einer neuen, (islamisch-)sittlich gefestigten Gesellschaft beitragen und intellektuell in der Lage sein sollte, in der Konkurrenz mit dem Westen zu bestehen. Die quasi symbiotische Allianz zerbrach Ende 2013 im Streit um die Aufteilung der Macht. Anlass waren Erdoğans Ankündigung der Schließung tausender Nachhilfeschulen, die wichtige Funktionen im Gülen-Imperium einnahmen, und ein darauf folgendes Korruptionsermittlungsverfahren gegen engste Erdoğan-Kreise. Jetzt gilt Fethullah Gülen als Staatsfeind Nummer eins, Erdoğan fordert von den USA seine Auslieferung, zehntausende Beamte wurden ihres Amtes enthoben, versetzt, verhaftet, Unternehmen wurden verstaatlicht, Sender geschlossen, Zeitungen unter staatliche Aufsicht gestellt. Gülen und seine Anhängerschaft werden massiv verfolgt.

Fethullah Gülen hat in der Vergangenheit Militärputsche in der Türkei durchaus gutgeheißen. So stand er nach dem Staatsstreich vom September 1980, mit dem das Militär bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen zwischen Linksradikalen, Islamisten und faschistischen Grauen Wölfen beendete, auf der Seite der neuen Machthaber. Unmittelbar nach dem damaligen Putsch bezeichnete Gülen in einem Leitartikel in seiner Zeitschrift Sizinti „Anatolien als ‚die letzte Wacht‘ gegen die [verderbte] Geisteshaltung der Kreuzfahrer, der Jesuiten, aber auch gegen das Gift der Wollust, des Alkohols sowie der westlichen Philosophien und Ideologien“1. Grundlage dafür sei der unbeirrbare „national-religiöse Geist“ seiner Bevölkerung. Die Intervention des Militärs werde den Prozess der Entfremdung der Türken vom Islam stoppen. Dies werde als der größte und wichtigste Sieg der muslimischen Türken in die Geschichte eingehen. Vor dem Hintergrund der heutigen Entwicklungen sind auch die weiteren Ausführungen des Türkei- und Gülen-Experten Günter Seufert an der Stelle interessant: „Der Schluss seines Artikels ist darauf gerichtet, der eigenen Bewegung in den Augen des Militärs Legitimität zu verschaffen. Gülen schreibt: ‚Um den [religions]nationalen Körper von dem Krebsgeschwür zu befreien, das sich seit Jahren in ihm festgefressen hat, braucht es eine tiefer ansetzende, aus dem Herzen kommende [und die Herzen erfassende] Bewegung.‘ Dass Gülen den Staatsstreich befürwortete, hat es seiner Bewegung in den folgenden 17 Jahren ermöglicht, von säkularen Kräften relativ unbehelligt zu wirken. Von 1986 bis 1997 erfreute sich die Bewegung gar der aktiven Unterstützung säkularer Regierungen. Gülens gegenwärtige Kritiker sehen in seiner Positionierung in jenen Tagen einen originären Ausdruck seiner politischen Einstellung. Seine von ihm heute geäußerten freiheitlicheren Ansichten seien bloße Verstellung.“ So weit Seufert.2

Gülen hat seine Leute allerdings nicht in erster Linie im Militär. Vor dem Hintergrund der machtpolitischen Realität und Gülens Option, auf gesellschaftliche Entwicklungen nicht revolutionär, sondern evolutionär einzuwirken, erscheint es nicht naheliegend, den Prediger hinter dem jüngsten Militärputschversuch zu vermuten. So oder so bietet das Ereignis dem zunehmend diktatorisch auftretenden Präsidenten die willkommene Gelegenheit, die Türkei weiter radikal nach seinen Vorstellungen umzubauen.

Anhängerinnen und Anhänger Fethullah Gülens geraten auch in Deutschland unter Druck. Es gibt Angriffe auf Einrichtungen, Einschüchterungsversuche, Beschimpfungen bis hin zu Morddrohungen. Die UETD (Union Europäisch-Türkischer Demokraten, eine Lobby-Organisation der AKP) ruft über WhatsApp zum Boykott von Unternehmen im Hizmet-Umfeld auf. Eine Hotline-Nummer wird verbreitet mit der Aufforderung, AKP-Gegner und Gülen-Anhänger gegenüber dem Präsidialamt in Ankara zu denunzieren. In Frankreich wurde ein Hotel von einem Mob gestürmt und ein Kulturzentrum in Brand gesetzt, in Gelsenkirchen ein Jugendtreff der Gülen-Bewegung angegriffen, in Stuttgart bittet die Leitung der Gülen-nahen BIL-Schulen um Polizeischutz.

Die Diffamierung und Denunzierung von Mitbürgerinnen und Mitbürgern geht uns alle an. In Sachen Sicherheit, Bürgerrechte und Wahrung des Respekts dürfen keine Einschränkungen akzeptiert werden.

Wenn sich die Anhänger Gülens jetzt allerdings als die – im Gegensatz zu Erdoğan – wahren Demokraten und Vertreter von Religionsfreiheit und Menschenrechten präsentieren, sollte im Blick bleiben, dass diese Redeweise zwar von Anfang an zur Selbstdarstellung der Gülen-Bewegung gehört hat, dass sie aber ebenso von Anfang an in weitreichender Übereinstimmung mit den (langfristigen) inhaltlichen Zielen Erdoğans (und Erbakans) verstanden wurde und wird. Kurz: In der machtpolitischen Konstellation hat sich alles, im Blick auf die Vision einer islamischen Gesellschaft, die Gülen mit den politischen Protagonisten teilt, hat sich nichts geändert.

Weitere Informationen zu den Hintergründen, aber auch zu aktuellen Positionen und Strukturen der Gülen-Bewegung in Deutschland: Friedmann Eißler (Hg.), Die Gülen-Bewegung (Hizmet). Herkunft, Strukturen, Ziele, Erfahrungen, EZW-Texte 238, Berlin 2015, 220 Seiten (http://ezw-berlin.de/html/119_6935.php).

Friedmann Eißler


Anmerkungen

1 Siehe Günter Seufert, Überdehnt sich die Bewegung von Fethullah Gülen? Eine türkische Religionsgemeinde als nationaler und internationaler Akteur, SWP-Studien 2013/S 23, Berlin 2013, 8.
2 Ebd.

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