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Materialdienst 8/2016
Ulrich Dehn

Die buddhistische Laienbewegung Sōka Gakkai

Die Sōka Gakkai (SG) ist heute mit ca. 8,27 Millionen Haushalten1 in Japan die größte religiöse Organisation des Landes, darüber hinaus wird mit 1,5 Millionen Mitgliedern der SG International in 192 weiteren Ländern gerechnet. Sie ist damit nicht nur eine der größten religiösen Organisationen weltweit, sondern verfügt auch über ein großes Konglomerat von kulturellen und wirtschaftlichen Einrichtungen, letztere insbesondere im Bereich von Medien (eigene Tageszeitungen, Buchverlag etc.). Ihre pure Größe und (Medien-)Macht hat immer wieder Kritik und den Sektenvorwurf provoziert, und als die SG-nahe Partei Kōmeitō 1999 in eine Koalitionsregierung mit der Liberaldemokratischen Partei (LDP) eintrat, wurde damit eine Welle von Vermutungen losgetreten, die überragende Gestalt der SG, ihr Ehrenpräsident Daisaku Ikeda2, wolle die Macht im Staat an sich reißen. Die Kōmeitō ist in unterschiedlichen Formen und unter wechselnden Namen bis heute in Koalitionen verblieben und inzwischen nicht mehr als ein Steigbügelhalter der unverändert dominanten politischen Klasse der LDP. Kritik an der SG steht auch in der Tradition von schlechter Presse für Nichiren, den Mönch aus dem 13. Jahrhundert, der sich von der Tendai-Schule trennte, um eine eigene, strenger am Lotos-Sutra orientierte Schule zu gründen.

Nichiren-Buddhismus

Zunächst ist ein Blick auf den Nichiren-Buddhismus als religionsgeschichtlicher Hintergrund der SG erforderlich. Der japanische Mönch Nichiren (1222 – 1282)3 durchlief eine traditionelle Ausbildung im Zentrum des Tendai-Buddhismus bei Kyoto auf dem Hiezan und wurde mit dem Studium und der Verehrung des Lotos-Sutra4 vertraut gemacht, einer der wichtigsten Schriften des Mahayana-Buddhismus, abgeschlossen wahrscheinlich gegen Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. Eine der zentralen Einsichten des Lotos-Sutra ist, dass jeder Mensch Buddha-Natur besitzt, die nur entfaltet werden muss. Nichiren hatte den Eindruck, dass die Betonung des Sutra, die er ohnehin bereits in der Tendai-Schule vorfand, noch einmal besonders symbolisch gestützt werden müsse. Als Symbol benutzte er die Titelzeile des Sutra, in sinojapanischer Lesung namu myōhō renge kyō, und erhob sie zur mantrischen Formel, in der sich die gesamte Weisheit des Sutra und des Buddhismus ausdrücke. Die mantrische Anbetung, im Jargon daimoku genannt, ist zum Markenzeichen der Nichiren-Schule und ihrer Verzweigungen geworden.

Nichiren jedoch kämpfte an zwei weiteren Fronten: Er versuchte den Einfluss des Buddhismus des Reinen Landes zurückzudrängen, der alle staatliche Zuwendung absorbierte, und er stand für eine sozialethische Komponente des Buddhismus und prangerte ungerechte Zustände im Land an. Die anstehenden Mongolenstürme auf Japan (1274 und 1281) interpretierte er als Strafe für das Verhalten der japanischen Fürsten, während seine Gegner das Scheitern der Mongolenangriffe im Gegenteil als Widerlegung der Behauptungen Nichirens betrachteten. Aufgrund von Hochverrat wurde Nichiren zum Tode verurteilt, im letzten Augenblick verschont und auf die Insel Sado exiliert. Dort entstand u. a. sein berühmtes kalligrafisches Mandala, in dessen Zentrum die Titelzeile des Lotos-Sutra steht, gerahmt u. a. von shintoistischen Götternamen. Es wird heute in der SG als kultischer Gegenstand benutzt.

Die Nichiren-Tradition ist heute präsent in den großen traditionellen Schulen der Nichiren-Schule (Nichiren Shū) und der Wahren Nichiren-Schule (Nichiren Shōshū) und in einigen kleineren Abspaltungen sowie in der großen Laiengemeinschaft Sōka Gakkai und der deutlich kleineren Risshōkōseikai. Die SG war von ca. 1951/1952 bis 1991 mit der Nichiren Shōshū als deren Laienorganisation verbunden, welche auch die Ausgabe des Mandala Gohonzon autorisierte, agiert jedoch heute unabhängig von ihr und kann auch nicht mehr als ein Teil des Nichiren-Shōshū-Buddhismus betrachtet werden.

Zur Geschichte der Sōka Gakkai

Da allein die Größe und Wirtschaftsmacht der SG heute zu einem Feindbildsyndrom in der japanischen Presse und der allgemeinen Öffentlichkeit zu führen scheinen, ist eine sehr genaue Wahrnehmung dessen erforderlich, was es tatsächlich mit dieser Organisation auf sich hat.

Dazu zunächst ein kurzer Blick in ihre Geschichte: Ihr Gründer Tsunesaburō Makiguchi5 wurde 1871 in der Familie Watanabe unter dem Namen Chohichi Watanabe geboren, in dörfliche Verhältnisse hinein, und erhielt später aufgrund einer Adoption nach dem spezifisch japanischen Yōshi-System den Familiennamen Makiguchi. Er wurde Pädagoge und war Lehrer, bevor er sich ganz der pädagogischen Forschung widmete. Mit 32 Jahren, also 1903, veröffentlichte Makiguchi ein Buch mit dem Titel „Jinsei Chirigaku“ (Lebensgeografie), das weithin beachtet wurde. Makiguchi wurde in Fachgremien berufen und arbeitete nun mit bedeutenden Pädagogen des Landes wie Kunio Yanagida und Inazō Nitobe zusammen. Er verfasste Schulbücher für den Geografieunterricht und wurde Mitglied der nationalen Schulbuchkommission. 1928 wurde er dazu bewogen, Mitglied der Nichiren Shōshū zu werden. Makiguchis Familie und er selbst hatten sich bis dahin an der weitaus größeren Nichiren Shū orientiert, und auch christliche Einflüsse in seinem Denken sind zu bemerken.

Seit 1930 veröffentlichte er in mehreren Bänden ein Werk, das sowohl von seinen Inhalten als auch vom Titel her Grundlage für die neu zu gründende Bewegung wurde: „Sōka Kyōiku Gaku Taikei“ (Erziehungslehre auf der Grundlage der Schaffung von Werten). Das Jahr 1930 wird aus diesem Anlass offiziell in der SG als Gründungsjahr betrachtet, tatsächlich jedoch wurde 1937 in einem Restaurant in Azabu, einem gehobenen Viertel Tokyos, von 60 Gründungsmitgliedern die Sōka Kyōiku Gakkai (SKG) als regelrechte Vereinigung ins Leben gerufen, die „Gesellschaft für Erziehung und Schaffung von Werten“, und Makiguchi zu ihrem ersten Präsidenten gewählt.

Die Zeiten jedoch waren schlecht für buddhistisch orientierte Gemeinschaften: Die Regierung stand bereits in der Planung des Angriffs auf die US-Marinebasis in Pearl Harbor, und der Druck der Überwachungsorgane des Staates auf religiöse Organisationen wurde größer. 1942 wurde befohlen, dass shintoistische Amulette, ofuda, an Hauseingänge gehängt werden sollten, um Übel von den betreffenden Häusern abzuwenden. Auch an den Eingang des Hauptquartiers der SKG sollte ein Amulett gehängt werden, was aber die Führung unter Makiguchi und seinem engsten Vertrauten Jōsei Toda verweigerte. Sie gerieten unter verschärfte Bewachung, und am 6. Juli 1943 wurden 22 Führer der SKG unter der Anklage der Gefährdung der Staatssicherheit und der Blasphemie festgenommen und ins Gefängnis von Sugamo (Tokyo) eingeliefert; im November 1944 starb Makiguchi in der Haft an Unterernährung.

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Anmerkungen

1 Die Zählung von Mitgliedern erfolgt über die Zahl der verteilten Gohonzon, es kann also letztlich nur geschätzt werden, wie viele Menschen in einem Haushalt sich hinter der angegebenen Zahl verbergen. Zur Zahl vgl. Levi McLaughlin, Sōka Gakkai, in: World Religions & Spirituality Project (WRSP), www.wrs.vcu.edu/profiles/SokaGakkai.htm, 2013 (Abruf: 2.5.2016).
2 Japanische Namen schreibe ich in der „westlichen“ Reihenfolge: Vorname – Familienname.
3 Vgl. Margareta von Borsig, Leben aus der Lotos-Blüte. Nichiren Shonin: Zeuge Buddhas, Kämpfer für das Lotos-Gesetz, Prophet der Gegenwart, Freiburg i. Br. 1976; Yukio Matsudo, Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra, Norderstedt 2004.
4 Lotos-Sutra. Das große Erleuchtungsbuch des Buddhismus, vollständige Übersetzung von Margareta von Borsig, Freiburg i. Br. 32004; Das Lotos-Sutra, übersetzt von Max Deeg, Darmstadt 2007.
5 Vgl. zur Biografie Makiguchis insbesondere Werner Kohler, Die Lotus-Lehre und die modernen Religionen in Japan, Zürich 1962, 203ff, sowie Heinrich Dumoulin, Politischer Buddhismus: Sōka gakkai, in: ders. (Hg.), Buddhismus der Gegenwart, Freiburg i. Br. 1970, 166-187, bes. 167f; Dayle M. Bethel, Makiguchi the Value Creator, New York/Tokyo 1973.

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