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Materialdienst 7/2016
Michael Roth

Glück und Glücksversprechen

Wenn man „Glücksversprechen“ googelt, werden zwei Verbindungen vorgeschlagen „Glücksversprechen Werbung“ und „Glücksversprechen Sekten“.1 Im Unterschied zu dem Begriff „Glück“, der positiv besetzt ist, macht sich in der Verwendung des Begriffs „Glücksversprechen“ bereits eine kritische Reserve bemerkbar. Wer von „Glücksversprechen“ spricht, will in der Regel zum Ausdruck bringen, dass Glück nicht gewährt, sondern „nur“ versprochen wird. In der Tat versprechen Produktwerbung wie auch unterschiedliche Anbieter von religiösen oder spirituellen Gütern Glück: Zu erinnern ist etwa an Slogans wie „Kleine Preise machen glücklich“ (Plus), „Schrei vor Glück“ (Zalando) oder „Kauf Dich glücklich“ (Media Markt), aber auch an Buchtitel wie „Der Schlüssel zum Glück“ von O. S. Marden (2012), „Vom Glück des einfachen Lebens“ von Paulus Terwitte (2009) oder „Das andere Glück“ von Holger Finze-Michaelsen (2006).

Ist bereits die Tatsache zu kritisieren, dass überhaupt Glücksversprechen gemacht werden? Im Blick auf die Produktwerbung ließe sich eine solche prinzipielle Kritik noch vorstellen, etwa in dem Sinne, dass man kritisiert, dass in allen Formen der Produktwerbung, die ein Glücksversprechen beinhalten, suggeriert wird, dass das Glück durch ein käuflich zu erwerbendes Produkt erreicht werden könne. Aber trifft eine solche prinzipielle Kritik auch auf alle Anbieter von religiösen oder spirituellen Gütern zu? Oder müssen wir hier zwischen wahren und falschen Glücksversprechen unterscheiden? Kann man das aber, wenn nicht einmal zwischen wahrem und falschem Glück so leicht – eventuell überhaupt nicht – unterschieden werden kann? Man kann noch grundsätzlicher fragen, ob nicht die Tatsache, dass das Glück „reine Geschmacksache“ ist, es verbietet, etwas Allgemeingültiges über das Glück zu sagen.2

Ob sich etwas Allgemeingültiges über das Glück sagen lässt, was dann auch erlaubt, etwas Gehaltsvolles über Glücksversprechen zu sagen, kann nicht im Vorfeld der Überlegungen stehen, sondern muss in der Darlegung bewährt werden. Ich will einige Aspekte vom Glück beleuchten und damit eventuell auch ein Licht auf Glücksversprechen werfen. Meine These ist, dass jede Form des Glücksversprechens das Glück gefährdet, weil es den Blick von dem, auf das es ankommt, abzulenken droht.

Das Streben nach Glück

Bereits Aristoteles und Augustinus erkannten: „Alle Menschen wollen glücklich werden.“3 Das Glücklichseinwollen scheint zu den Konstanten menschlichen Daseins zu gehören; es zu übersehen bedeutet, den Menschen nicht angemessen im Blick zu haben.

Weil das Glücklichseinwollen zu den Konstanten menschlichen Daseins gehört, können wir zwar davon reden und uns darüber streiten, was Glück ist, wie wir unser Glück finden, aber doch wohl kaum darüber, ob sich das Glück überhaupt lohnt. Eine Aussage wie „Glücklichsein lohnt sich nicht“ würde uns entwaffnen. Dies verdeutlicht trefflich ein jüdischer Witz von einem Sohn, der seinem Vater eröffnet, er wolle Fräulein Katz heiraten. Der Vater meint: „Sie bringt nichts mit!“ Der Sohn erwidert, er könne nur mit ihr glücklich sein. Darauf der Vater: „Glücklich sein, und was hast du schon davon?“ Ein Witz – so erklärt Robert Spaemann – ist diese Anekdote deshalb, „weil ‚etwas von etwas haben’ so viel heißt wie: damit glücklich sein. Vom Glücklichsein kann man nicht noch einmal ,etwas haben’. Man müßte dann antworten: ‚Ja, was verstehst du denn unter: Was hast du davon?’“4 Das Glücklichsein ist daher nach Spaemann in gewissem Sinne ein „Letztes“.5 Auf die Frage „Warum soll ich glücklich sein wollen?“ könnten wir argumentativ kaum reagieren. Insofern ist Max Horkheimer zuzustimmen, wenn er das Streben nach Glück als eine „natürliche, keiner Rechtfertigung bedürftige Tatsache“6 versteht. Mit dem Glücksbedürfnis haben wir etwas Selbstverständliches vor uns, das sich von selbst und nur von selbst versteht.

Gehört das Glück auch zu den Konstanten des menschlichen Daseins, so scheint doch die Suche danach zugenommen zu haben. Bereits ein flüchtiger Blick auf den populären Zeitschriften- und Büchermarkt verdeutlicht, dass dieser sich seit gut eineinhalb Jahrzehnten konstant dem Thema „Glück“ widmet. Die Buchhandlungen sind gefüllt mit Glücksratgebern aus den unterschiedlichsten Bereichen, seien es Lebenshilfen aus dem Bereich der Esoterik, die mit den richtigen Lebenseinstellungen zur Erreichung des Glücks vertraut machen wollen, seien es ganz säkulare Ratgeber zum Essen, zum Sport oder zur Freizeit allgemein. Die glückliche Partnerschaft findet Aufmerksamkeit, ebenso Glück im Beruf, ja selbst in der Diät wird Glück zu finden versucht. Noch nie zuvor – so diagnostiziert Thomas Müller-Schneider in einer kultursoziologischen Zeitdiagnose bereits 2002 – haben sich so viele Menschen so intensiv auf die Suche nach Glückserlebnissen begeben.7 Insofern, so Müller-Schneider, leben wir in einer „Erlebnisgesellschaft“. Er greift somit einen von dem Soziologen Gerhard Schulze geprägten Terminus auf, mit dem eine auf Genuss ausgerichtete Konsumgesellschaft bezeichnet wird, die in besonderem Maße von hedonistischen Werten gekennzeichnet ist.

Wie sieht es aber mit dem Erfolg der Glückssuche aus? Dem Glück scheint eine gewisse Widerspenstigkeit eigen zu sein, insofern es sich einfach „einstellt“ und sich dabei unserem Zugriff entzieht. Das Glück stellt sich – wie Dieter Thomä formuliert – ein, „ohne um Einwilligung zu bitten, ohne sich z. B. um die Frage zu scheren, ob es angesichts der Umstände angebracht ist“8. Es durchkreuzt unsere Pläne und Strategien, größtmögliches Glück zu erreichen. So ist nicht selten zu bemerken, dass wir durch die Erfüllung unserer Wünsche, von der wir uns doch Glück versprochen hatten, nicht glücklich werden, während uns das Glück in Situationen begegnet, in denen wir es nie erwartet hätten. Das Glück scheint unverfügbar zu sein, sich in nicht kontrollierbarer Weise „einzustellen“ oder eben „auszubleiben“. Vor allem aber – und hierin liegt ein weiterer wesentlicher Aspekt des Glücks – stellt es sich ein, ohne danach zu fragen, ob wir gerade auf der Suche nach ihm sind. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Die Erfahrung des tiefen Zufriedenseins und der Freude stellt sich gerade dann ein, wenn wir nicht mit der Frage beschäftigt sind, wie wir Glück erlangen können, sondern ganz von uns und der Frage, wie wir des Glückes habhaft werden können, absehen. Die Suche nach dem Glück scheint der beste Weg zu sein, es zu verfehlen.

Diesem Phänomen wurde vielfach Ausdruck verliehen. So formuliert Dieter Thomä: „Diejenigen, die ihm [dem Glück] um so hartnäckiger nachjagen, bemerken nicht, daß sie es nur weiter vor sich her und von sich weg treiben.“9 Ganz ähnlich beobachtet Robert Spaemann: „Derjenige, der Lustgewinn, subjektives Wohlbefinden zum Thema seines Lebens und zum Ziel seines Handelns macht, wird jene tiefere Weise des Wohlbefindens, die wir Freude nennen, gar nicht erfahren.“10 Und auch Bertrand Russel macht darauf aufmerksam, dass das Glück gerade dann erzielt wird, wenn wir von der ruhelosen Selbstbetrachtung absehen und den Dingen selbst die ihnen gebührende Aufmerksamkeit schenken: „Sofern es sich nicht um ausgesprochen unglückliche äußere Verhältnisse handelt, müsste jeder Mensch, der seine Neigungen nach außen statt nach innen lenkt, sich ein Glück aufbauen können. – Wir sollten uns daher sowohl in der Erziehung wie bei unseren Anpassungsversuchen an die Welt bestreben, egozentrische Neigungen zu vermeiden und solche Gefühle und Interessen pflegen, die unsere Gedanken von der stetigen Beschäftigung mit uns selber abziehen.“11 Ganz offensichtlich lässt sich das Glück „nicht direkt als Handlungsziel ansteuern; man wird von ihm vielmehr ereilt, es stellt sich ein, und die Tätigkeit des Menschen muß sich im Hinblick auf das Glück damit bescheiden, bloßes ‚Zutun’ zu sein“.12 Damit eignet der Glückssuche eine gewisse Tragik; demjenigen, der sich auf die Suche nach dem Glück begibt, scheint es sich gerade zu entziehen. Warum ist das so?

In der Gegenwart leben

Was ist Glück? Der amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi konnte durch seine jahrzehntelangen Forschungen zeigen, dass Menschen am zuverlässigsten ein Gefühl der Freude und der tiefen Zufriedenheit erleben, wenn sie in einer Tätigkeit „aufgehen“. Diesen Zustand bezeichnet er als „flow“.13 Offenkundig sind wir in dem Maße in der Lage, Glück zu erleben, in dem wir uns den Dingen des Daseins hingeben können. Wenn wir bei einer Tätigkeit ganz bei der Sache sind und eben nicht mit unseren Gedanken über die Sache hinausschielen, ist unser Blick weder auf uns selbst noch auf ein übergeordnetes Projekt gerichtet, sodass wir von den Anmutungsqualitäten der Dinge ergriffen und von ihnen mitgerissen werden können.

Damit rückt die Gegenwart in den Fokus unserer Aufmerksamkeit.

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Anmerkungen

1 Internetrecherche vom 1.3.2016.
2 Vgl. hierzu Michael Roth, Zum Glück. Glaube und gelingendes Leben, Gütersloh 2011, 11ff.
3 Vgl. Augustinus, Conf. X, 21, 31; EN I, 6, 1098a.
4 Robert Spaemann, Die Zweideutigkeit des Glückes, in: ders. u. a., Zweckmäßigkeit menschlichen Glücks, Bamberg 1994, 15.
5 Ebd., 16.
6 Max Horkheimer, Materialismus und Metaphysik, in: Zeitschrift für Sozialforschung 2 (1933), 31.
7 Vgl. Thomas Müller-Schneider, Eine kultursoziologische Diagnose der Glückssuche, in: Katechetische Blätter 127 (2002), 164f.
8 Dieter Thomä, Vom Glück in der Moderne, Frankfurt a. M. 2003, 29.
9 Ebd., 269.
10 Robert Spaemann, Moralische Grundbegriffe, München 72004, 38.
11 Bertrand Russel, Eroberung des Glücks, Frankfurt a. M. 1977, 167.
12 Thomä, Vom Glück (s. Fußnote 8), 142.
13 Mihaly Csikszentmihalyi, Flow. Das Geheimnis des Glücks, Stuttgart 122005.

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