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Materialdienst 11/2010
Heinrich Bedford-Strohm

Was kommt nach dem Tod?

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Der Umgang mit dem Tod heute

Der Tod ist ein Thema, dessen Erfahrungsbezug garantiert ist. Jeder und jede stirbt einmal. Und es gibt niemanden, der in seiner Lebenszeit nicht mit dem Thema Tod konfrontiert ist. Gleichzeitig gibt es kaum ein Thema, das so viel Hilflosigkeit erzeugt wie das Thema Tod. Eltern geraten ins Stammeln, wenn Kinder fragen, warum der Opa im Himmel ist, wo sie ihn doch gerade in die Erde gelegt haben. Nachbarn wechseln die Straßenseite, weil sie nicht wissen, wie sie den Hinterbliebenen begegnen sollen. Seelsorger verweisen auf den Geheimnischarakter Gottes, wenn sie von Sterbenden gefragt werden, was nach dem Tod kommt.

Der Tod hatte für die Menschen schon immer etwas Bedrohliches an sich. In den Religionen hat man daher in ganz unterschiedlicher Weise immer wieder Antworten auf die damit verbundenen Fragen zu geben versucht. Religiöse Inhalte haben den Menschen Sprache für das zu geben vermocht, was die Soziologie „Kontingenzbewältigung“ nennt. Sie haben den Sinn des Lebens gerade angesichts seiner Begrenztheit zum Ausdruck zu bringen versucht. Wo diese Sprache verlernt wird, zerrinnt zunehmend die Fähigkeit, den Tod überhaupt zu thematisieren.

So ist es kein Wunder, dass der Tod in den modernen, säkularer werdenden Gesellschaften zunehmend verdrängt, ja zuweilen aus dem Alltag geradezu verbannt wird. Der Umgang mit dem Tod wird an die „Spezialisten“ delegiert. Das Bestattungsunternehmen sorgt dafür, dass der Leichnam so schnell wie möglich aus dem Sterbehaus abtransportiert wird. Wenn der Pfarrer oder die Pfarrerin dann eintrifft, ist die Aussegnung schon nicht mehr möglich.

Gleichzeitig werden wir mit Todeserfahrungen aus zweiter Hand medial überschüttet. In Schweden ergab eine Untersuchung bei Kindern im Alter von 6 bis 10 Jahren, dass 40 Prozent von ihnen, geprägt durch Medienkonsum, glauben, Menschen würden nur aufgrund von Mord und Totschlag sterben.2 Die Primärerfahrung fehlt. Erwachsene versuchen, ihre Kinder vor dem Tod abzuschirmen, weil sie selbst nicht damit umgehen können. Bei einer Kinderuni-Vorlesung an der Universität Bamberg im Jahr 2004 zum Thema „Ist Sterben wirklich so schlimm?“ meldeten sich von den ca. 150 anwesenden Kindern nur zwei auf die Frage, wer schon einmal eine echte Leiche gesehen habe. Der eine hatte im Museum eine Moorleiche besichtigt, die andere war ein Aussiedlerkind und hatte, noch in Kasachstan, ihren toten Opa gesehen.

Die tiefer liegende Ursache für diese Verdrängung des Todes und die Hilflosigkeit, die sich darin ausdrückt, liegt vermutlich in einer Verschiebung der kulturellen Grundtextur unserer Gesellschaft. Während viele Jahrhunderte lang ein Leitbild des „Menschen als Empfänger“ vorherrschte, steht heute der „Mensch als Gestalter“ im Zentrum. In der Bibel finden sich beide Dimensionen. Während in früheren Zeiten der Mensch als Empfänger verabsolutiert wurde und ungerechte gesellschaftliche Zustände von kirchlicher Seite als Wille Gottes ausgegeben wurden, der anzunehmen sei, ist das Pendel heute in Richtung einer Verabsolutierung des Menschen als Gestalter ausgeschlagen. Grenzen, wie sie etwa in der biblischen Geschichte vom Turmbau zu Babel kritisch thematisiert werden, gelten als inakzeptabel. Trotz aller, zuweilen fast verzweifelter Versuche in der medizinischen Forschung und Praxis, das Leben zu verlängern, bleibt die Grenze des Todes. Das Leitbild des Menschen als Gestalter versagt angesichts der Unkontrollierbarkeit des Todes. Es gilt, wieder neu zu lernen, „Mensch als Empfänger“ zu sein und Leiden und Tod auszuhalten und anzunehmen. Vieles spricht dafür, dass die religiöse Sprachhilfe, die das Christentum in seiner langen Geschichte dazu entwickelt hat, dafür von bleibender, vielleicht sogar von wieder zunehmender Bedeutung ist.

Im Folgenden sollen dazu einige Orientierungen gegeben werden. Nach einer Reflexion über den Stellenwert naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zu dieser Frage und einer Klärung des Stellenwerts biblischer Orientierungen für einen aufgeklärten Umgang mit dem Phänomen soll genauer untersucht werden, was die biblische und theologische Tradition dazu zu sagen hat.

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Anmerkungen

1 Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, den der Autor am 2.3.2010 aus Anlass der Ausstellung „Noch einmal leben vor dem Tod“ in der Villa Dessauer in Bamberg gehalten hat.
2 Christoph Scheilke / Friedrich Schweitzer (Hg.), Musst du auch sterben? Kinder begegnen dem Tod, Gütersloh / Lahr 2000, 56.

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