publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 3/2010
Michael Hausin

Die evangelikale Bewegung und das Thema Religionsfreiheit

Bericht über den Kongress "Gedenket der Märtyrer"

1


Das Thema Religionsfreiheit beschäftigt nicht nur ökumenische Bewegungen, Menschenrechtsorganisationen und zahlreiche Freikirchen. Es ist auch in der evangelikalen Bewegung zu einem zentralen Thema geworden und macht deutlich, dass politische Optionen evangelikaler Kreise sich einer allzu pauschalen Links-Rechts-Schematisierung entziehen. Michael Hausin erläutert die Hintergründe dieses Vorgangs und berichtet über einen Kongress zum Thema Christenverfolgung, der im November 2009 von der Nachrichtenagentur „idea“ und dem Christlichen Gästezentrum Schönblick (Schwäbisch Gmünd) veranstaltet wurde. Seinen Bericht dokumentieren wir im Folgenden.  


Das Thema Religionsfreiheit wird zunehmend bedeutender. Ein wichtiger Grund ist die Globalisierung. Was der Religionssoziologe Peter Berger in den 1980er Jahren für die westliche Welt feststellte, gilt heute global. Immer mehr Menschen haben Zugang zu Informationen über andere Religionen. Nahezu jeder Mensch erfährt, dass seine ihm vorgegebene Religion oder Tradition nicht die einzige ist. Er kann wählen – ein Moment der Freiheit.2 Religionswechsel werden zunehmen. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 ist in dieser Frage eindeutig. Ausdrücklich wird festgestellt, dass zur Religionsfreiheit gehört, jederzeit seine angestammte Religion verlassen zu können. Das wird Aktivisten der etablierten Religionsvertreter nicht aufhalten, alles zu unternehmen, um Menschen am Verlassen ihrer Religion zu hindern. Mit Konversionen zusammenhängende Konflikte werden zunehmen.

Das Thema Religionsfreiheit ist in den letzten Jahren zu einem Hauptthema der evangelikalen Bewegung geworden. Ein Grund ist die enge Verflechtung gerade evangelikaler Missionen und Organisationen mit Gemeinden in der sogenannten Dritten Welt. Die politischen und sozialen Probleme dieser Länder wirkten zurück auf die Missionen und Missionare, die eigentlich auf einem konservativen Hintergrund gegründet wurden. Die Unterdrückung der Christen erregte Aufmerksamkeit und ließ Evangelikale politisch aktiv werden, wie sonst nur in der Auseinandersetzung um die Freigabe der Abtreibung. Christenverfolgung – das ist nicht nur ein Thema der Kirchengeschichte, sondern aktuell die Situation, in der sich viele Christen befinden.3 Der amerikanische Politikwissenschaftler Allen Hertzke behauptet, dadurch seien die Evangelikalen in ein Engagement für Menschenrechte und Gerechtigkeit hineingestellt, das man normalerweise eher von Kreisen erwarte, die als progressiv gelten. Er hält dies für eine erstaunliche Entwicklung.4

Die württembergische Landeskirche hat bereits 2007 beschlossen, den 26. Dezember als Gebetstag für verfolgte Christen einzuführen. Jährlich befasst sich die württembergische Landessynode mit der Lage verfolgter Christen in aller Welt. Die jüngsten Äußerungen des früheren Ratsvorsitzenden der EKD Wolfgang Huber und seiner Nachfolgerin Margot Käßmann zeigen, dass die Situation verfolgter Christen auch an der Spitze kirchlicher Verantwortungsträger ein Thema geworden ist.5 Jedes Jahr gibt der Arbeitskreis für Religionsfreiheit der Evangelischen Allianz (AKREF) ein Jahrbuch zur Christenverfolgung heraus und stellt den aktuellen Stand der Religionsfreiheit weltweit dar. Mittlerweile ist das ein Standardwerk in vielen Gemeinden zur Vorbereitung von Themenabenden oder Gebetstreffen. Immer bedeutsamer werden die von Gemeinden veranstalteten Gebetstage für verfolgte Christen, die sich zumeist am weltweiten Gebetstag für verfolgte Christen der Evangelischen Allianz ausrichten. Und das auflagenstarke Magazin „idea“ stellt jeden Monat einen christlichen „Gefangenen des Monats“ vor, für den zur Aktion aufgerufen wird.

Information, Austausch und Vernetzung

Einen bedeutenden Schritt, um das Thema Religionsfreiheit auch in der deutschen evangelikalen und kirchlichen Szene weiter zu verankern, stellt der Kongress „Gedenket der Märtyrer – Christenverfolgung heute” dar, der vom 22.–25. November 2009 im „Christlichen Gästezentrum Württemberg“ (Schönblick) in Schwäbisch Gmünd abgehalten wurde. Organisiert vom Gästehaus und von „idea“ informierten zehn Missionsgesellschaften über ihre Arbeit und die Lage verfolgter Christen in aller Welt.6 Die Schirmherrschaft hatte der württembergische Landesbischof Frank Otfried July übernommen. In seinem Grußwort kritisierte er die Unkenntnis der Medien in Bezug auf das Thema verfolgte Christen. Dass die Politik von dem Kongress Notiz nahm, zeigt das zweiseitige Grußwort des Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU, Volker Kauder. Er schrieb u. a.: „Als Christen sind wir besonders gefragt, wenn es um das Leid unserer Glaubensbrüder geht. Wir sind mit ihnen in Jesus Christus verbunden.“

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkungen

1 22.–25. November 2009 in Schwäbisch Gmünd. Thema: „Gedenket der Märtyrer – Christenverfolgung heute“. Darstellung und Würdigung des Kongresses in Michael Hausin / Christof Sauer, Uniting in Advocacy: Reflections on the Schwäbisch Gmünd Congress 2009, in: International Journal for Religious Freedom 1/2010, 103-117.
2 Vgl. Peter L. Berger, Der Zwang zur Häresie. Religion in der pluralistischen Gesellschaft, Freiburg
i. Br., 1992.
3 Der Pressesprecher des Evangelisch-Lutherischen Missionswerkes in Niedersachsen warnt in der Zeitschrift „Eine Welt”, den Begriff Christenverfolgung zu leichtfertig anzuwenden. Hinter den Angriffen auf Christen stünden meistens andere Motive als der Hass auf ihre Religion. Christenverfolgung sei eher in sozialen und kulturellen Konflikten zu finden, nicht in religiösen. Klaus Hampe, Angst führt zu Gewalt, in: Eine Welt 6/2009, 2-7.
4 Vgl. Allen D. Hertzke, Freeing God’s Children. The Unlikely Alliance for Global Human Rights, Lanham 2004, 4.
5 Siehe Wolfgang Huber in: Chrismon 11/2009; Margot Käßmann in einer EKD-Pressemitteilung vom 3.12.2009.
6 Hilfsaktion Märtyrerkirche (HMK), Open Doors (OD), Licht im Osten (LiO), Evangelische Karmelmission, Arbeitskreis Religionsfreiheit der Evangelischen Allianz (AKREF), Christlicher Medienverbund kep, Christian Solidarity International (CSI), Overseas Missionary Fellowship (OMF), Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), International Institute for Religious Freedom (IIRF). Der Kongress kam auf Initiative von Rolf Sauerzapf and Manfred Mueller, Vorsitzender bzw. Missionsleiter der Hilfsaktion Märtyrerkirche (HMK), zustande.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sowie die Jahresregisterhefte 1970-2017 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!