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Materialdienst 12/2010
Christian Ruch

"Alles Leben ist Yoga"

Was bleibt von Sri Aurobindo?

Am 5. Dezember 2010 jährt sich der Todestag des indischen Philosophen und Gurus Sri Aurobindo (1872-1950) zum 60. Mal. Angesichts der Schnelllebigkeit der spirituellen Szene ist das fast eine Ewigkeit, und so stellt sich die Frage, was von seinem Werk und Denken eigentlich bleibt. Sie stellt sich umso mehr, als der scheinbar sichtbarste Ausdruck seiner Philosophie, die 1968 Stadt gewordene Utopie Auroville in Südindien weit hinter dem zurückgeblieben ist, was ihr einst zugedacht war. Statt einer Großstadt entstand ein Siedlungskonglomerat, das bei nüchterner Betrachtung ziemlich zu stagnieren scheint. Statt der einst erwarteten 50000 Bewohner leben derzeit nur etwas mehr als 2000 Menschen in Auroville, das manchen Beobachtern wie etwa der Schriftstellerin Ulla Lenze1 bereits als Ausdruck von „kraftlos gewordenen Utopien“ erscheint.2 Immerhin wird Auroville weiterhin von der Unesco unterstützt und seit 1988 auch von der indischen Regierung gefördert.3

Dabei darf nicht übersehen werden, dass Auroville ein Projekt war, das erst viele Jahre nach Sri Aurobindos Tod von seiner immer nur „Die Mutter“ genannten spirituellen Gefährtin Mira Richard geb. Alfassa (1878-1973) vorangetrieben und schließlich realisiert wurde. Sie überlebte Sri Aurobindo um immerhin fast 23 Jahre. Es wäre interessant zu untersuchen, ob Auroville dem Denken und der Intention Sri Aurobindos überhaupt entspricht. Angeblich soll die Idee noch zu seinen Lebzeiten entstanden sein4, doch sicher ist das nicht. Die immer wieder – auch von Sri Aurobindo selbst – postulierte Einheit zwischen ihm und der „Mutter“ dürfte diese Frage im Kreis der Anhänger allerdings ziemlich müßig erscheinen lassen.

Das politische Engagement Sri Aurobindos

Wer nach einer heute noch greifbaren Wirkung Sri Aurobindos sucht, muss entscheiden, welcher Aspekt seiner vielschichtigen Persönlichkeit betrachtet werden soll: der des Politikers, der des Philosophen und Yogis oder der des Dichters. Als Politiker scheint Sri Aurobindo, der sich zwischen 1893 und 1910 äußerst aktiv in der indischen Unabhängigkeitsbewegung engagierte, bis heute im Schatten Gandhis zu stehen – dies auch deshalb, weil Gandhis „ahimsa“, der Weg absoluter Gewaltlosigkeit, zum Mythos wurde und beispielsweise vom Dalai Lama nach wie vor als taugliches politisches Konzept betrachtet wird. Sri Aurobindo hat das Ideal des bedingungslosen „ahimsa“ stets abgelehnt, nicht nur im Kampf gegen die britische Kolonialmacht, sondern als politische Maxime generell. Besonders deutlich wird das in seinen Analysen und Kommentaren zur Situation im nationalsozialistischen Deutschland und während des Zweiten Weltkriegs.5

In seiner politisch aktiven Zeit zeigte Sri Aurobindo wenig Berührungsängste zu radikalen Formen des Widerstands, sodass er nicht umsonst immer wieder in Konflikt mit den britischen Kolonialbehörden geriet und schließlich 1910 in die französische Kolonie Pondicherry an der indischen Ostküste auswich, wo er vor Verfolgung weitgehend sicher sein konnte, aber trotzdem – sehr zum Leidwesen seiner Anhänger – allen politischen Aktivitäten entsagte. Stattdessen widmete er sich bis zum Lebensende seinem spirituellen Pfad, den er als „integralen Yoga“ bezeichnete.

Der „integrale Yoga“

Allerdings sollte man sich hüten, den politischen und den spirituellen Bereich scharf voneinander getrennt zu betrachten, denn für Sri Aurobindo war auch politisches Handeln eine Form des Yoga. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass er seine wichtigsten Yoga-Erfahrungen mach-te, als er in einer Gefängniszelle der Engländer saß. Überhaupt zeichnet sich der „integrale Yoga“ nicht durch eine lebensferne Weltabgewandtheit aus, sondern versucht, ähnlich wie der Zen, Spiritualität auch in der Profanität des Alltags zu verwirklichen. „Alles Leben ist Yoga“6, lautete Sri Aurobindos Maxime. Insofern entspricht es wohl schon Sri Aurobindos Anliegen, wenn in Auroville bis heute versucht wird, eine Art Yoga des Alltäglichen zu praktizieren. Der „integrale Yoga“ verzichtet sogar auf spezielle Anleitungen zur spirituellen Praxis wie etwa konkrete Meditationsanleitungen.

Gerade das Beispiel Auroville zeigt jedoch auch sehr schön, wie der „integrale Yoga“ vor dem Problem steht, dass er die Aufhebung der Grenze zwischen Immanenz und Transzendenz schon aufgrund der anthropologischen und gesellschaftlichen Prämissen und Konstanten nur sehr bedingt zu gewährleisten vermag. Und so ist es kein Zufall, dass gerade im Werk Sri Aurobindos sehr oft eine auffällige Diskrepanz zwischen Anspruch und Lebenswirklichkeit zutage tritt.

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Anmerkungen

1 Ulla Lenzes Roman „Archanu“ (Zürich 2008) beschäftigt sich u. a. mit den in Auroville feststellbaren Entwicklungen.
2 Claudia Knepper, Kraftlos gewordene Utopien. Der Roman „Archanu“ und sein Hintergrund in Auroville, in: MD 12/2009, 460-464, 460.
3 Weitere Informationen unter www.auroville.org.
4 Dies wird auf der Wikipedia-Seite über Mira Alfassa erwähnt, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Mirra_Alfassa.
5 Siehe dazu ausführlicher Christian Ruch, „... es hatte seine Seele gesucht und nur seine Stärke entdeckt“. Sri Aurobindo über Deutschland, den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg, in: MD 5/2005, 175-178.
6 Sri Aurobindo, Die Synthese des Yoga, Gladenbach 1972, 17.

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