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Materialdienst 12/2010
Oliver Dürr

Der Himmel ist wieder offen

Über die Logik der Bedürfnisse in der neuen Engelreligion

In unserer Religionskultur sind die Engel weiter im Aufwind – und das nicht nur zur Advents- und Weihnachtszeit. Die geheimnisvollen Wesen tauchen in Film und Werbung auf und sind Thema beliebter Bücher zum Verschenken. Im Kontext moderner Esoterik erweitert sich das Angebot für Engelerfahrungen beträchtlich. Mittlerweile gibt es Veranstaltungen wie Engelkongresse und Engeltage sowie ein unüberschaubares Sortiment an spirituellen Engelratgebern und Engelkarten. Für eine weitere Popularisierung dieses Trends sorgt seit Längerem das zweimonatlich erscheinende „Engelmagazin“ mit einer Auflage von 75000 Exemplaren (vgl. MD 6/2008, 227ff). Vor kurzem hat der katholische Theologe Thomas Ruster unter dem Titel „Die neue Engelreligion. Lichtgestalten – dunkle Mächte“ (Kevelaer 2010) eine theologische Analyse zur Thematik vorgelegt (vgl. hierzu die Rezension in diesem Heft, 473ff). Sein Fazit für Theologie und Kirche lautet: „Die Engelreligion kann dem Christentum die verlorene Wirklichkeit des Himmels wieder erschließen!“ (237). Eine andere Sichtweise vertritt hingegen der evangelische Theologe Oliver Dürr, der sich in seinem Buch „Der Engel Mächte“ (Stuttgart 2009) aus systematisch-theologischer Sicht mit der Angelologie befasst hat. In seinem Beitrag geht er zunächst auf die Thesen Rusters ein, um die von diesem beschriebene Engelreligion als populäre Ausdrucksform zeitgenössischer Säkularität zu charakterisieren.


Über 200 Jahre habe es gedauert, bis sich wieder eine Sicht auf die Welt Bahn brechen konnte, die vom Dogma der Erkenntnis über Nachprüfbares und Berechenbares Abstand genommen und sich dem Himmel als Bereich der übermenschlichen Kräfte und Mächte zugewandt hat. So befindet es der katholische Sozialethiker Thomas Ruster, und er begrüßt diese Entwicklung.1 Denn sie räume mit dem unsinnigen Unterfangen der Aufklärung auf, die mythologischen und naturgeschichtlichen Zwänge solcher Mächte zu durchbrechen. Dieses Projekt der Aufklärung sei gescheitert, da es die Abhängigkeiten von ihnen eben nicht habe beseitigen können. Jene seien nunmehr in der Gestalt der alles beherrschenden Markt- und Warengesellschaft wiedergekommen. Und dieser Umstand erfordere einen religiösen Neuanfang, der den Himmel als unbestimmbaren und nicht beherrschbaren Teil der Welt neuerlich ins Spiel bringe. Gerade die Esoterik mit all ihren Spielformen tue das. Sie vermöge die Religion als Bezugsgröße zu den Zwängen der Markt- und Warenmechanismen einzufordern. Sie öffne den Himmel von Neuem, und sie bringe sich dabei als eine Engelreligion ein.2

Weshalb diese Engelreligion aufkommt, kann man klar umschreiben: Die Menschen fühlen sich den Mechanismen dieser Welt schlicht ausgeliefert. Sie sind sozusagen systemisch Gefangene ihrer Umstände. Ihre Aufgabe kann daher nur sein, sich in ihnen einzurichten, sich dazu mit den Kräften, die in den sie beherrschenden Systemen den Ton angeben, zu verbünden oder die Kräfte sogar selbst zu beherrschen. Das gilt gegenüber den lichten Mächten genauso wie gegenüber den dunklen. Geisterkultadaptionen, neue Naturreligiosität, aber auch der Esoterikmarkt von Doreen Virtue3 bis Giulia Siegel4, sie alle verbindet, dass es mithilfe der guten oder bösen Engel möglich sein soll, ein besseres Leben dank eines stabileren Ich aufzubauen. Dieses Bedürfnis wiederum ist in ein Gefühl der Verbundenheit von allem und mit allem eingebettet.5

In gewisser Weise gehören sogar die satanistischen Strömungen und die martialische Gothic- bzw. Metal-Szene in dieses Szenario, nur dass sie die positiven Energien vernichtet sehen und sich in ihrer Sichtweise der Faszination der Todesverfallenheit der uns beherrschenden Systeme hingeben. Das kann bis zu misanthropischen, rassistischen oder gar neofaschistischen Gruppenideologien führen, die ihre Verachtung für die Schwäche der Menschheit zu aggressiven Herrschafts- und Herrenmenschen-Modellen mutieren lassen. Thomas Ruster fasst es gut zusammen, wenn er sagt: „Die Ablehnung einer todverfallenen Kultur führt hier selbst zu Hass- und Gewaltfantasien. Oder anders: wenn man Satan als den Herrn der Welt anerkennt, gerät man unter seine Gewalt.“6

Religion der Bedürfnisse

Befriedigung der Bedürfnisse ist der Zweck der Engelreligion. Dafür soll sich der Himmel öffnen. Doreen Virtue kann ihrem Engel nachspüren, wenn sie etwa einen Parkplatz braucht oder den Schlüssel verloren hat. Sie nennt es Gottes Führung, und diese Führung hält sich rund um die Uhr bereit, das heißt, man kann sie regelrecht abrufen und benutzen, eben weil sie sich gerne anbietet. Dabei ist die Aufnahmekapazität „Gottes“ zeitlos und allumfassend. Dadurch ermöglicht gibt es im Diesseits und bis ins Jenseits hinein ein Engelversorgungssystem von Geburts-, Schutz- und Todesengeln.7 Religionsphänomenologisch gesprochen geht es darum, mithilfe religiöser Bemächtigungsstrategien des Ich die Umwelt voll und ganz zu kontrollieren, indem man die Zwischenmächte zu Verbündeten hat oder selbst auf sie okkult oder magisch Einfluss nimmt.8 So organisieren Engel sowohl die alltäglichen Dinge als auch die Selbstfindung, ja sogar einen spirituellen Kontakt zur Naturgeisterwelt und zuletzt auch den Übergang zu den letzten Dingen.9 In der Logik der Bedürfnisstruktur ausgesagt geht es darum, dass durch den Himmel all das nachgereicht wird, was man mit Geld nicht kaufen kann. So wird die Engelreligion die „perfekte Religion der modernen Waren- und Konsumwelt“.10

Religion ohne Gott

Das Besondere an der neuen Engelreligion ist, dass sie keinen Glauben an Gott braucht.

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Anmerkungen

1 Thomas Ruster, Die neue Engelreligion. Lichtgestalten – dunkle Mächte, Kevelaer 2010.
2 Ebd., 48-50.
3 Doreen Virtue, Neue Engel-Gespräche, Berlin 2004.
4 Giulia Siegel, Engel, Güllesheim 2008.
5 Kurt Tepperwein, Leben in der Gegenwart der Engel. Himmlische Kraft und heilende Worte für jede Lebenslage, München 2008, 7.
6 Thomas Ruster, Die neue Engelreligion, a.a.O., 39ff, hier 41.
7 Doreen Virtue, Himmlische Führung. Kommunikation mit der geistigen Welt, Burgrain 2008, 21ff.
8 Werner Thiede, Esoterik – die postmoderne Dauerwelle. Theologische Betrachtungen und Analysen (R.A.T.6), Neukirchen-Vluyn 1995, 20.
9 Vgl. Jana Haas, Engel und die neue Zeit. Heilwerden mit lichten Helfern, Berlin 2008.
10 Thomas Ruster, Die neue Engelreligion, a.a.O., 26.

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