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Materialdienst 12/2010
Wolf Krötke

Atheismus in der Diskussion

Festvortrag zum 50-jährigen Bestehen der EZW

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Ein richtiges Thema für eine „Festrede“ ist der Atheismus ja eigentlich nicht. Insbesondere im Kreise von Menschen, die sich die Verantwortung der christlichen Botschaft in den weltanschaulichen Orientierungen, die unsere Gesellschaft prägen, zur Aufgabe gemacht haben, dürfte es schwer sein, so etwas wie die Diskussion mit dem Atheismus auf die Ebene eines festlichen Geschehens zu heben – es sei denn, der Theologe macht sich ein Fest daraus, die mehr oder weniger schwachen Argumente des neuesten Atheismus zu zerpflücken. Aber das wäre wohl ein etwas fades Fest. Denn wie immer sich der Atheismus in Vergangenheit und Gegenwart, in West und Ost und weltweit darstellt, erstlich und letztlich handelt es sich schlicht um das Phänomen der Gottesleugnung. Dieses Phänomen aber stimmt niemanden in der Kirche festlich, sondern bestenfalls besorgt und schlimmstenfalls traurig.

Dass unsere Kirche angesichts des in unseren Landen – und besonders in unseren östlichen Landen – grassierenden Atheismus sich dennoch nicht besorgt und traurig in den Winkel ihrer Glaubenswelt zurückzieht, sondern das Gespräch mit dem Atheismus – mit den Menschen vor allem, die ihn vertreten – sucht, dafür steht exemplarisch an einem wichtigen Ort in Deutschland die „Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“. Das festliche Danke, dass wir ihr heute dafür sagen, kann aber nicht ohne Ausblick auf die Herausforderungen sein, vor denen sie steht. Dazu gehört nicht nur in Berlin, aber doch hier ganz besonders, die Herausforderung der Kirche durch den Atheismus. Ich skizziere sie im Folgenden in groben Strichen, indem ich erstens vom „Atheismus ohne Diskussion“ und zweitens vom „Atheismus in hitziger Diskussion“ rede.

Atheismus ohne Diskussion

Wer nach Berlin kommt und sich für das weltanschauliche Klima in dieser Stadt interessiert, stößt sicherlich bald auf ein inzwischen schon geflügeltes Wort. Er sei hier in der „Welthauptstadt des Atheismus“, wird man ihm sagen. So hat der amerikanische Soziologe Peter Berger um die Jahrtausendwende seinen Eindruck vom weltanschaulichen Profil dieses Ortes auf den Punkt gebracht. Die organisierten Atheisten in Berlin verstehen das – wie man ihrem „atheistischen Stadtführer“ entnehmen kann – als ein Lob für die Verbreitung ihrer Weltanschauung. Sie marginalisieren dabei aber den nicht nur ironischen, sondern auch bedrohlichen Unterton, den dieser soziologische Spezialist fürs Religiöse mit dem Begriff „Welthauptstadt“ anklingen ließ. Denn „Welthauptstadt“ ist bekanntermaßen eine Wortschöpfung von Adolf Hitler aus dem Jahre 1942. „Reichshauptstadt“ war für das Nazireich zu wenig. Das Weltreich der Germanen sollte sein Zentrum in der „Welthauptstadt Germania“ haben. Der Untergang dieses größenwahnsinnigen Projektes in millionenfachem Tod und in Trümmerwüsten hat die Kennzeichnung eines Ortes als „Welthauptstadt“ im Sprachgebrauch von heute deshalb zur Annonce von etwas ziemlich Gefährlichem oder mindestens Fragwürdigem und Bedenklichem werden lassen. „Welthauptstadt des Heroins“ ist das West-Berlin der Vorwendezeit genannt worden. Als „Welthauptstadt der Hacker“ gilt heute Shaoxing in China. „Welthauptstädte“ sind in der Wahrnehmung der Zeitgenossen von heute also offenkundig Orte mit unheilsschwangeren Potenzialen und problematischen Ansprüchen auf Weltgeltung. Eine „Welthaupthauptstadt des Atheismus“ ist davon nicht ausgenommen.

Denn als Berger sein Bonmot kreierte, war die Erinnerung daran noch frisch, dass der Kollaps des realsozialistischen östlichen Weltreichs auch das Ende des Atheismus als einer staats- und gesellschaftstragenden Weltanschauung bedeutete. Die Unterdrückung der Freiheit der Religionsausübung, die Drangsalierung von Menschen mit anderen weltanschaulichen Überzeugungen – um von Schlimmerem und Verbrecherischem zu schweigen – hatte aufgehört. Der Atheismus – beraubt des Machtapparates und der Propagandainstrumente, die ihn stützten – wurde leise, wurde auf eine der vielen weltanschaulichen Orientierungen zurückgeschrumpft, die in einer pluralistischen Gesellschaft das Leben der Menschen bestimmen.

Auf diesem Niveau musste ihm aber nicht bloß ein amerikanischer Beobachter eine erstaunliche Vitalität bescheinigen. Während die Unterdrücker verschwanden, hatte sich die Mehrzahl der Menschen an eine ihnen verordnete Lebensweise und an einen Lebensstil gewöhnt, der nichts mit Religion und Kirche, geschweige denn mit Gott, zu tun hat. Da der Kontakt zur Kirche selbst die berühmten „Nischen“ gefährdete, in die sich ein DDR-Mensch vor dem Zugriff des Machtstaates zurückzuziehen pflegte, wurde Religionsabstinenz auch in diesen Nischen heimisch. Auf solche Weise kam eine massenhafte Entfremdung vom christlichen Glauben und von den christlichen Traditionen auch im privaten Leben in Gang, die das Desaster des Atheismus auf der Weltbühne überdauerte. Es entstand ein Gewohnheitsatheismus, der gewissermaßen die erfolgreichste Hinterlassenschaft des realexistierenden Sozialismus ist und der sich beständig fortpflanzt. Lesen Sie weiter im Materialdienst.

1 Der Text beruht auf einem Vortrag, den der Autor bei der Festveranstaltung zum 50-jährigen Bestehen der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen am 12. Juni 2010 in Berlin gehalten hat. Gemeinsam mit weiteren Vorträgen der Veranstaltung wurde der Beitrag veröffentlicht in: Den eigenen Glauben kennen – den fremden Glauben verstehen (50 Jahre EZW), epd Dokumentation 38/2010.

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