publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 5/2010
Friedmann Eißler

Wasatiyya - ein islamischer "Mittelweg"

Der arabische Ausdruck Wasatiyya ist seit einigen Jahren insbesondere durch die Aktivitäten des aus Ägypten stammenden, in Qatar residierenden und weltbekannten Islamgelehrten Yusuf al-Qaradawi bekannt und vor allem inhaltlich geprägt worden (siehe dazu den nachfolgenden Beitrag von Carsten Polanz). Er bedeutet Mittelweg oder Mainstream und bezieht sich auf unterschiedliche Ansätze, die eine muslimische Identität mit modernen Lebensformen in Einklang zu bringen suchen. Charakteristisch ist die Ablehnung von Extremismus wie von traditionalistischer Weltabgewandtheit bei gleichzeitiger Betonung eines konservativen Islam, der Schariagrundsätze als göttlich gegebene Lebensordnung auch in der modernen Gesellschaft umsetzen will.

Für Muslime im Westen, die sich mehrheitlich zwar integrieren, aber durchaus nicht assimilieren wollen, stellt sich die Grundfrage: Wie können Muslime gemäß den Grundsätzen der Scharia im säkularen Umfeld westlicher Gesellschaften leben? Zwei zentrale Problemfelder sind damit im Blick: Islam und säkulare Gesellschaft sowie der dauerhafte Aufenthalt von Muslimen in einem mehrheitlich nichtmuslimischen Land. Durch die fundamentale ideologische Einheit von Religion und Politik im Islam stößt die Trennung von Religion und Staat des säkularen Gesellschaftsmodells auf Schwierigkeiten bis hin zur Ablehnung. Ebenso ist der Daueraufenthalt von Muslimen außerhalb des „Gebietes des Islam“ nach klassischer Lesart nicht vorgesehen und bedarf daher besonderer religionsgesetzlicher Legitimation. Vielfältige Angebote, die vor allem internetbasiert sind, aber auch in der muslimischen Jugend- und Bildungsarbeit im weitesten Sinne mit zunehmendem Gewicht in Erscheinung treten, bieten Hilfestellung und ideologische Unterstützung an.

Im Folgenden soll anhand einiger Beispiele ein Einblick in die breite Präsenz und Wirksamkeit des Wasatiyya-Gedankenguts gegeben werden. Dabei geht es nicht darum, bestimmte Personen, Gruppen oder Organisationen auf ein oder gar das Wasatiyya-Konzept festzulegen, sondern einige der Phänomene religiöser Gegenwartskultur unter Muslimen in Deutschland aufzuzeigen, die sich aus ganz unterschiedlichen Richtungen und Motivationen zu einem international vernetzten Wasatiyya-Diskurs verdichten. Der nachfolgende Beitrag wird dies dann am Beispiel Yusuf al-Qaradawis vertiefen.

Grundzüge

Nach dem Koran Sure 2,143 hat Gott die Muslime zu einer umma wasatan gemacht, einem „Volk (in) der Mitte“, das heißt zwischen den Extremen. Muslime verfallen demnach weder der dem Judentum zugeschriebenen (übertriebenen) Gesetzlichkeit, noch der Vergötterung eines Menschen, wie es den Christen vorgeworfen wird; ebenso weder dem islamistischen Extremismus noch dem Säkularismus. Der Islam ist der gerade Weg (Sure 1,6) zwischen Materialismus und individualisierter Religiosität, zwischen Nihilismus und Götzendienst, der Mittelweg zwischen traditionalistischem Salafismus und blasphemischer Neuerung. In allem soll Mäßigung gelten. Dafür stehen Gehalt und Intention der recht verstandenen Scharia. Die muslimische Umma (Nation, Gemeinschaft) soll sich ihres Vorbildcharakters bewusst sein und eine Elite der Moral und der Gerechtigkeit bilden. Nicht zuletzt aus diesem Grund sucht sie die Partizipation in der Mitte der Gesellschaft. Sie präsentiert selbstbewusst den „Islam als Alternative“ (so ein Buchtitel von Murad W. Hofmann) zum westlichen Lebensstil, der im Wesentlichen als dekadent und gescheitert betrachtet wird. Sie lädt dadurch zum Islam ein (da’wa = Einladung, Mission).

Eine zentrale Rolle spielen das Internet und islamische Lifestyle-Elemente, die von der Kleidung („I love Muhammad“-T-Shirts) über elegante H&M-Kopftücher und Mode-Accessoires bis hin zu Musikstilen, Parteizugehörigkeiten und radikalen islamistischen Identifikationsmustern reichen. „Zwischen Pop und Dschihad“ lautet der treffende Titel eines einschlägigen Buches der Journalistin Julia Gerlach über muslimische Jugendliche in Deutschland.1

Ein weiteres wichtiges Kennzeichen ist die Transnationalität. Die territorialen, ethnischen und schulmäßigen Grenzen, in denen sich Muslime traditionell bewegen, werden bewusst überschritten und tendenziell aufgehoben, um eine weltweit geeinte islamische Umma unter zeitgemäß interpretierten Bestimmungen der Scharia zu propagieren.2 Die Suggestion einer globalen Umma gewinnt über Internetforen und entsprechende Websites besondere Attraktivität. Ihr Einfluss inklusive ihrer antidemokratischen Affekte ist jedoch nicht nur im virtuellen Raum, sondern über verschiedene Kanäle gerade unter jungen Muslimen auch gesellschaftlich wirksam. Dabei kommen die übergeordnete Identitätszuschreibung und der – innerislamische – „ökumenische“ Ansatz den Bedürfnissen vor allem von Menschen mit migrationstypischen Identitätsschwierigkeiten entgegen.

All diese Aspekte spielen in den Legitimationsstrukturen eine Rolle, die Muslime sich für ihr Muslimsein im Westen zurechtgelegt haben. Eine solche Legitimation, die zugleich einer Verpflichtung der Muslime im Westen gleichkommt, ist von führenden arabisch-islamischen Religionsgelehrten verschiedener Glaubensrichtungen in fünf Punkten formuliert worden.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkungen

1 Julia Gerlach, Zwischen Pop und Dschihad. Muslimische Jugendliche in Deutschland, Bonn 2006.
2 Was unter einer „zeitgemäßen“ Interpretation der Scharia verstanden werden soll und kann, ist auch innerislamisch höchst umstritten. Siehe dazu auch die beiden letzten Abschnitte dieses Beitrags.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!