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Materialdienst 5/2010
Carsten Polanz

Yusuf al-Qaradawi und sein Konzept der Mitte

Yusuf al-Qaradawi gilt als einflussreichster sunnitischer Gelehrter der Gegenwart und als Symbolfigur der weltweiten islamischen Erweckung. Der in Qatar lebende und lehrende „New Media Shaykh“1 und „Global Mufti“2 hat mit 83 Jahren zahlreiche Führungspositionen in internationalen islamischen Institutionen und Gremien inne. Seine wöchentliche Sendung „Die Scharia und das Leben“ auf „al-Jazeera“ verfolgen Millionen Muslime auf der ganzen Welt. Zudem unterhielt er als einer der ersten Gelehrten eine eigene Internetseite (www.qaradawi.net) und gilt als geistiger Vater von IslamOnline.net, dem meistbesuchten arabisch-englischen Islamportal. Insbesondere unter jungen Muslimen in Europa und Amerika ist der Scheich die erste Adresse bei der Suche nach Maßstäben für ein schariatreues Leben im Kontext der säkularisierten westlichen Gesellschaft.

Zugleich ist al-Qaradawi hoch umstritten – insbesondere unter westlichen Forschern, die vor allem seinen enorm gewachsenen Einfluss auf muslimische Minderheiten im Westen beobachten.3 Während manche ihn fast ausschließlich mit radikaleren islamistischen und vor allem salafitischen Strömungen vergleichen und seine erstaunlich große Offenheit für pragmatische Lösungen hervorheben, beschreiben ihn andere eher als Radikalen im Gewand der Mäßigung, dessen Vorstellungen über Menschenrechte, Rolle und Rechte der Frau sowie islamisch legitimierte Gewalt vollkommen unvereinbar mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung westlicher Gesellschaften seien. Solche völlig unterschiedlichen Bewertungen seines Wirkens könnten in der außergewöhnlichen Kombination von eher gegensätzlichen Prägungen und Einflüssen begründet sein, die in al-Qaradawis Biografie angelegt sind und sich besonders deutlich in seinem zentralen sogenannten Konzept der Mitte wiederfinden.

Frühe Faszination für al-Bannas Muslimbruderschaft

Al-Qaradawi wird 1926 in Unterägypten geboren, wächst in einfachen Verhältnissen auf und besucht mit vier Jahren die Koranschule. Mit zehn kann er bereits den Koran auswendig und kommt schon mit 14 Jahren als Imam in der dörflichen Moschee zum Einsatz. Am Religiösen Institut in Tanta, einem Ableger der al-Azhar-Universität, fällt er durch Spitzenleistungen auf und schreibt sein erstes Drama über seinen Namensvetter Joseph. Schon in jungen Jahren begeistert sich der ehrgeizige Schüler für die Aktivitäten der Muslimbruderschaft (MB). Deren Gründer Hassan al-Banna wird zu seinem größten Vorbild, weil dessen Reden „Verstand und Herz zusammen“ bewegen.4 Hier liegen offensichtlich die Wurzeln für al-Qaradawis lebensprägende Verknüpfung von Gelehrsamkeit und Aktivismus. Mit 20 gibt der junge Yusuf bereits Unterricht in der islamischen Rechtswissenschaft (fiqh). Schon hier bilden sich nach eigener Aussage wichtige Prinzipien seines späteren Wirkens heraus: Relevanz des Glaubens für alle Belange des Alltags, Nachsicht bei der Umsetzung des islamischen Rechts und Unabhängigkeit von Vorgaben des Staates oder der regional dominierenden Rechtsschule.5

Leben zwischen religiösem Studium und politischem Aktivismus

Al-Qaradawi absolviert ein Studium an der theologischen Fakultät der al-Azhar-Universität in Kairo und erhält die Lehrerlaubnis für islamische Erziehung. Seine Dissertation zum Thema „Die zakat und ihre Wirkung zur Lösung sozialer Probleme“ schließt er aufgrund politischer Unruhen erst 1973 mit „summa cum laude“ ab. Er setzt sich mit den Grundlagen des islamischen Rechts bei Ibn Taimiyya und den Reformansätzen Muhammad Abduhs und Raschid Ridas auseinander.6 Sein politisches Engagement bringt ihn mehrfach ins Gefängnis. Während seiner ersten Haft wird die MB aufgelöst und al-Banna von Geheimdienstagenten ermordet. Al-Qaradawi aber vertieft nach seiner Entlassung auf Auslandsreisen für die MB seine internationalen Kontakte innerhalb der islamistischen Bewegung im Nahen Osten.7 Als charismatische Führungsfigur islamischer Studentenbewegungen setzt er sich für eine Reform der al-Azhar-Universität ein. Zum einen sollen die islamische Identität wiederentdeckt und die Kultur mit missionarischem Eifer islamisiert, aber auch die Rechte der Frauen im Bereich der (Aus-)Bildung gestärkt werden.8

Es folgen weitere Gefängnisaufenthalte. Die gemeinsame Haftzeit der Muslimbrüder im berüchtigten Kriegsgefängnis al-Amiriya erscheint in al-Qaradawis späterer Autobiografie als intensives religiöses Erleben.9 Nach seiner Entlassung im Juni 1956 entfaltet er aufgrund eines Predigt- und Lehrverbots seine Reformansätze in den Zeitschriften „Minbar al-islam“ und „Majallat al-Azhar“. 1960 veröffentlicht er sein bis heute bekanntestes, vielfach neu aufgelegtes und in zahlreiche (auch europäische) Sprachen übersetztes Buch „Das Erlaubte und das Verbotene im Islam“ („al-halal wa-l-haram fi-l-islam“).

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Anmerkungen

1 So die Bezeichnung bei Jakob Skovgaard-Petersen, The Global Mufti, in: Birgit Schaebler / Leif Steinberg (Hg.), Globalization and the Muslim World: culture, religion and modernity, New York 2004, 153-165.
2 Siehe Titel bei Bettina Gräf u. a. (Hg.), Global Mufti – The Phenomenon of Yusuf al-Qaradawi, London 2009.
3 Siehe den Artikel von Alexandre Caeiro und Mahmoud al-Saify, Qaradawi in Europe, Europe in Qaradawi? The Global Mufti’s European Politics, in: B. Gräf u. a. (Hg.), Global Mufti, a.a.O., 109-148.
4 So beschrieben bei Wendelin Wenzel-Teuber, Islamische Ethik und moderne Gesellschaft im Islamismus von Yusuf al-Qaradawi, Hamburg 2006, 13f.
5 Siehe Ana Belen Soage, Shaykh Yusuf al-Qaradawi: Portrait of a Leading Islamic Cleric, in: The Middle East Review of International Affairs 1/2008, 51-68, hier v. a. 52.
6 Vgl. W. Wenzel-Teuber, Islamische Ethik, a.a.O., 37. und Florian Remien, Muslime in Europa: Westlicher Staat und islamische Identität – Untersuchungen zu Ansätzen von Yusuf al-Qaradawi, Tariq Ramadan und Charles Taylor, Hamburg 2007, 41.
7 Siehe auch Gudrun Krämer, Drawing Boundaries – Yusuf al-Qaradawi on Apostasy, in: dies. / Sabine Schmidtke (Hg.), Speaking for Islam. Religious Authorities in Muslim Societies, Leiden 2006, 181-217, 186f.
8 Ausführlich hierzu W. Wenzel-Teuber, Islamische Ethik, a.a.O., 38f.
9 So A. B. Soage, Shaykh Yusuf al-Qaradawi, a.a.O., 53.

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