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Materialdienst 2/2010
Michael Plathow

"Glück" ist mehr

Theologische Gesichtspunkte zur Wiederkehr eines immer neuen Themas

Hat der christliche Glaube etwas zum Thema „Glück“ beizutragen? Was meint „Glück“? Was ist sein Gegenteil? Wenn wir „Glück und Segen“ wünschen, bewegen wir uns dann nicht in unterschiedlichen Sprachwelten? Gibt es ein theologisches Verständnis von dem, was „Glück“ zum Ausdruck bringt? Kann Segen, wie Dietrich Bonhoeffer vorschlägt, als „theologischer Zwischenbegriff“ zwischen Gott und Glück verstanden werden? Inwiefern kann vom „Glück des Glaubens“ gesprochen werden?

Diese Fragen stellen sich für eine öffentliche Theologie und einen lebensweltlich verantworteten Glauben angesichts des Booms an glückstheoretischen Ratgebern und an Anweisungen zum Glück und Glücklichwerden: „Freu dich des Lebens. Die Kunst beliebt, erfolgreich und glücklich zu werden“, „Carpe Vitam. Nutze das Leben“, „Der springende Punkt. Wach werden und glücklich sein“, „Der schmale Pfad zum Glück“1 und weitere Glückskonzepte.2

Diese Fragen stellen sich angesichts der Inflation von Glücksbringern, Glücksmachern und Glücksgefühlen in der Werbe- und Konsumindustrie: Käufer in glänzenden Autokarossen erfahren den Kick, jugendlich machende Make-ups lassen „happiness“ aufleuchten, leckere Schokoladen machen glücklich, weil sie Glückshormone ausstreuen. Pillen sollen das Glück geistiger und körperlicher Leistung steigern. Die Tourismusindustrie verspricht Wellness durch Traumreisen zu Sonne und Strand während der schönsten Tage des Jahres. Die Werbeanzeigen der Glücksspiele stellen mit dem gekauften Glückslos Gewinne in Aussicht.

Diese Fragen stellen sich auch angesichts der Fülle esoterischer und alternativer Sinn- und Heilungsangebote, die mit der Definition von „Gesundheit“ der WHO (1948) als „Zustand vollkommenen physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens, nicht lediglich der Abwesenheit von Krankheit“ und mit der populären Wertigkeit der Gesundheit als „höchstem Gut“ spirituelle Heilung, Ganzheitlichkeit, beglückende Ausgeglichenheit und Glück und Erfolg versprechende Kraftenergien ansprechen.3

„Glück“ erweist sich heute als postmodernes Sehnsuchtswort menschlicher Bedürfnisse und menschlicher Existenz, wie es schon seit der Antike menschliches Suchen und Denken prägte, denkt man nur an die von Marcus Terentius Varro zusammengetragenen 268 Glücktheorien mit denen von Aristoteles, Epikur, der Stoa, an Augustinus und weiter an Immanuel Kant, Arthur Schopenhauer bis in die Gegenwart.4

Die mehrdimensionale Konnotation von „Glück”

Mit seinen mehrdimensionalen Konnotationen stellt Glück einen mit einem Konglomerat positiver Empfindungen und Gefühlen besetzten Container- und Selbstbedienungsbegriff dar. Gleichwohl lassen sich folgende Bedeutungsaspekte herausschälen:

• der Glücksfall, den Fortuna oder Tyche aus ihrem Füllhorn dem Glückspilz blind schickt, der sich aber auch mit dem Tüchtigen als Wohltat verbinden kann. Die sehr eingeschränkte Bewahrheitung des Sprichwortes „Jeder ist seines Glückes Schmied“ haben nicht nur Gottfried Keller und Odo Marquard5, sondern auch Dietrich Bonhoeffer6 gezeigt. Dem Glück ist nur in ganz geringem Maße die Kategorie des Machens eigen.

• die Glücksgüter, die bei einer gewissen Entsprechung von Lebensbedürfnissen und Wohlstand mit

• emotionalem Glücklichsein, Wohlergehen und Wohlfühlen auf gute materielle, physische, psychische und soziale Voraussetzungen von Glück und Wohlergehen verweisen. Gesellschaftliche Grundwerte und Grundrechte sind Bedingungen für individuelles und subjektiv erfahrenes Glück: Frieden in Freiheit, Rechtssicherheit in Gerechtigkeit, Solidarität aufgrund der Menschenwürde, Gemeinwohl bei Chancengleichheit und auch persönliches Wohlbefinden in einer gepflegten und bewahrten Mitwelt.

Glück als Glücksfall, Glücksgüter, Glücklichsein signalisiert eine emotionale Beziehung, die einem Menschen widerfährt, eine Gestimmtheit, die ihm von außen zukommt und die – subjektiv und objektiv erfahren – an andere im Teilhaben und Teilgeben weitergegeben wird.

Das Thema Glück hat neben der individuellen und sozialen auch eine ethische Dimension. Die miteinander verbundenen drei Aspekte (persönliche Glücksfälle, Glücksgüter und Glücksempfindungen) mit ihrer semantischen Entsprechung im altgermanischen Begriff „Wohl“7 schließen die ethische Dimension sozialer Verantwortung ein, um Glück als „gelingendes und erfülltes Leben“8, als Wohlergehen auch durch die Befriedigung von Bedürfnissen zu erweisen und nicht als hedonistische Lustmaximierung selbstproduzierter „Glücke“ einer „schönen neuen Welt“ oder der medialen Werbe- und Konsumgesellschaft („Wir amüsieren uns zu Tode“9) in billiger Weise pervertieren zu lassen. Vielmehr ist das Wort Glück – übrigens erst 1160 im deutschen Sprachraum nachweisbar – in der etymologischen Bedeutung von „öffnen, erschließen“10 und „gelingen“, „gedeihen“, „zu einem guten Abschluss bringen“ der „Deckname“ für das inhaltlich zu bestimmende Verständnis von „Sinn“ und füllt mit den sich darin widerspiegelnden Sehnsüchten häufig die Leerstellen einer Werte, Sinn und Orientierung suchenden Gesellschaft aus.

Glücklichsein und das Weitergeben von Glück, Wohlergehen und Wohltun sind im Projekt gelingenden Lebens als persönliche und soziale Verantwortung in das Gemeinwesen und das Gemeinwohl eingebunden. Zugleich zeigt die Erfahrung, im sprachlichen Ausdruck der Sprichwörter geronnen, dass Glück und Wohl kein sicherer Besitz sind. Ihnen ist beschleunigte Veränderung, Fragilität und Fragmentarität eigen. Die Kategorie des Habens ist ihnen nicht angemessen. Sie sind den Bedingungen der Zeitlichkeit und Endlichkeit unterworfen; zugleich öffnen sie sich damit für ein Mehr.

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Anmerkungen

1 Dale Carnegie, Freu dich des Lebens. Die Kunst beliebt, erfolgreich und glücklich zu werden, München 1985; Daniel E. Könner, Carpe Vitam. Nutze das Leben, München 2003; Anthony de Mello, Der springende Punkt. Wach werden und glücklich sein, Freiburg i. Br. 2007; Jürgen Kramke, Der schmale Pfad zum Glück, Norderstedt 2007.
2 Hermes Andreas Kick (Hg.), Glück. Ethische Perspektiven – aktuelle Glückskonzepte, Berlin 2008.
3 Vgl. Simone Ehm / Michael Utsch (Hg.), Wie macht der Glaube gesund? Zur Qualität christlicher Gesundheitsangebote, EZW-Texte 199, Berlin 2008.
4 Verena Thielen / Katharina Thiel (Hg.), Klassische Texte zum Glück, Berlin 2007; Günther Bien, Glück – was ist das?, Frankfurt a. M. 1999; Robert Spaemann, Glück und Wohlwollen, Stuttgart 1989; Wolf Schneider, Glück – was ist das?, Reineck 1981; Paulus Engelhardt, Glück und geglücktes Leben, Mainz 1985; Das Glück. Kursbuch 95, Berlin 1989.
5 Gottfried Keller, Der Schmied seines Glücks, in: Die Leute von Seldwyla, Sämtliche Werke VIII, hg. von Jonas Fränkel, Erlenbach 1927; Odo Marquard, Zur Diätetik der Sinnerwartung, in: ders., Apologie des Zufälligen, Stuttgart, 1987, 33ff; ders. Ende des Schicksals?, in: ders., Abschied vom Prinzipiellen, Stuttgart 1981, 67ff.
6 Vgl. Michael Plathow, Die Mannigfaltigkeit der Wege Gottes: Zu D. Bonhoeffers kreuzestheologischer Vorsehungslehre, in: ders., Ich will mit dir sein, Berlin 1994, 87ff.
7 Grimm, Deutsches Wörterbuch XIV/II, 1026: in der Bedeutung von „günstig, glücklich, angenehm“.
8 Günther Bien, Die Philosophie und die Frage nach dem Glück, in: ders. (Hg.), Die Frage nach dem Glück, Stuttgart 1978, XVI.
9 Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode, Frankfurt a. M. 1988.
10 Grimm, Deutsches Wörterbuch IV/I, V, 226.

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