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Materialdienst 2/2010
Harald Baer

"Ziel ist die geistliche Gesundheit"

Die Hagiotherapie des katholischen Theologen Tomislav Ivancic

Im katholischen Spektrum sorgt seit längerem eine Methode für Aufsehen, die sich als spezifische Form einer christlichen Seelsorge begreift. Sie tritt mit einem hohen  Anspruch auf: Mit der Hagiotherapie, die von dem kroatischen Theologen Tomislav Ivancic (Jahrgang 1938) entwickelt wurde, können demnach alle geistlichen und moralischen Leiden des Menschen geheilt werden. Wie es im Internet (www.hagio.at) heißt, soll der Mensch dazu befähigt werden, „moralische und ethische Werte im Leben anzunehmen und anzuwenden“ sowie zur „Lösung von Konflikten, Verbesserung der Kommunikation und zwischenmenschlicher Beziehungen beizutragen“. Der katholische Theologe und Weltanschauungsexperte Harald Baer beleuchtet im Folgenden die Hintergründe der Methode und nimmt eine kritische Einschätzung vor.


Entstehung und Kontext

Der kroatische Fundamentaltheologe Tomislav Ivancic1 leitet seit 1979 ein Evangelisationsprojekt und seit 1985 das Projekt Hagiotherapie. 1990 gründete er in Zagreb das Zentrum für geistliche Hilfe, dessen hagiotherapeutische Angebote nicht zuletzt von Opfern des jugoslawischen Bürgerkrieges in Anspruch genommen wurden. Die Hilfesuchenden waren meist praktizierende katholische Gläubige, unter ihnen über 70 Prozent gut ausgebildete jüngere Frauen.2 Auch in Deutschland3, wo die Hagiotherapie von der nationalen Gemeinschaft „Gebet und Wort“ zum Zweck der Reevangelisation vermittelt wird, sind es vor allem jüngere gebildete Frauen, die ein Interesse an therapeutisch orientierter Spiritualität zeigen. Die Hagiotherapie, die eine große Nähe zur charismatischen Bewegung aufweist, verortet sich im Kontext der therapeutischen Seelsorge. Die Wiederentdeckung der heilenden Kraft des Glaubens ist auch Anliegen von Eugen Biser4 und Wolfgang Beinert5. Daher verwundert es nicht, wenn Ivancic auf beide6 verweist, um an deren Renommee zu partizipieren. Jedoch ist der Ansatz der Hagiotherapie mit dem Denken Bisers und Beinerts nicht kompatibel, da einer semantischen Ähnlichkeit gravierende theologische Differenzen gegenüberstehen. Anleihen macht die Hagiotherapie zwar auch bei den Methoden der Logotherapie Viktor E. Frankls, vertritt aber den Anspruch einer größeren Reichweite und Effizienz, insofern die Logotherapie auf den Bereich des Innerweltlichen und Endlichen beschränkt bleibt.

Bei seinem Vorhaben, die Basissätze der Hagiotherapie zu erklären, unternimmt Ivancic den Versuch, fast alle wichtigen Autoren der abendländischen Geistesgeschichte zu Wort kommen zu lassen. Das Problem bei dieser Aufzählung besteht darin, dass keine Diskussion der Thesen, kein Abwägen der Argumente, kein Herausarbeiten der Konvergenzen und Divergenzen stattfindet. Natürlich gibt sich der Gründer der Hagiotherapie alle Mühe, den Eindruck der Rechtgläubigkeit zu erwecken. Deshalb finden sich überall Bibelverse und Sätze von Päpsten. Aber wenn Bibelstellen zitiert werden, sucht man vergebens exegetische Kommentare, von aktuellen Literaturhinweisen ganz zu schweigen. Der zentrale Referenzpunkt von Ivancic ist die Enzyklika Salvifici doloris von Johannes Paul II, in der das „moralische Leiden“ der Menschen als mindestens genauso schmerzlich eingestuft wird wie das körperliche.

Die Seelenschmerzen geistlicher Art, die die naturwissenschaftliche Medizin nicht in den Griff bekommt, sind der Angelpunkt, um den sich der Komplex der geistlichen Therapie dreht. Das Erstaunliche ist der Umstand, dass die Hagiotherapie trotz der scheinbar fehlenden Struktur und der Sprunghaftigkeit der Gedankenführung ein in sich geschlossenes System darstellt. Auf den Schlüsselbegriff der geistlichen Krankheit resp. Heilung sind letztlich alle Phänomene bezogen.

Rekonstruktion des Selbstverständnisses der Hagiotherapie

Grundlage der Hagiotherapie ist das Bemühen, die geistlichen und moralischen Leiden der Menschen zu heilen. Obwohl überall im Schrifttum medizinisch klingendes Vokabular wie Therapie, Diagnose, Medikamente anzutreffen ist, versteht sich die Hagiotherapie als philosophisch-theologisches Theorie- und Praxismodell. Da der Mensch als Dreieinheit aus Körper, Psyche und Geist gedacht wird, wäre eine Heilung im bloß physischen und psychischen Bereich immer unvollständig. Für den somatischen Bereich ist die Medizin zuständig, für den psychischen die Psychologie bzw. Psychiatrie und für den pneumatischen schließlich die Hagiotherapie. Gesundheit im umfassenden Sinn muss alle anthropologischen Dimensionen einschließen. Vor dem Hintergrund des scholastischen Konzeptes der „anima forma corporis“ würde eine reduktionistische Sicht bedeuten, dass die Diagnose bei der „äußerlichen causa efficiens verbleibe und nicht zur causa formalis vordringe“.7

Nach Ivancics Auffassung ist die geistliche Ebene in den meisten Fällen sogar die entscheidende, weil sich die ursächlichen Störungen in diesem Bereich letztlich als Symptom im Körper oder der Seele manifestieren. Er spricht daher von „symptomatischen geistlichen Krankheiten“ wie Gewissenbissen, Ängsten und traumatischen Zuständen, die in Leib und Psyche ihre Wunden zurückließen. Anders ausgedrückt gibt es also Krankheiten, die sich nur heilen lassen, wenn man auf der geistlichen Ebene therapeutisch ansetzt. Umgekehrt verspricht sich Ivancic von der Einbeziehung des Geistlichen die größten Heilungschancen, da man sich „nicht nur die Kräfte des menschlichen Geistes zunutze macht, sondern auch die Kräfte des Geistes Gottes“8. Mit seinem Geist berührt der Mensch die Transzendenz und „überlebt sich selbst, auch wenn er das Leben verliert“. Raum und Zeit stellen keine Begrenzungen mehr dar, man erkennt den Sinn von Leid und Tod, „ob es einen Schöpfer gibt oder nicht“.9 Zu erreichen ist dieser Zustand mit Hilfe der Gnade, konkret durch Gebete, Sakramentenempfang, Buße und kirchliche Verkündigung. Das ist die geistliche Arznei. Doch worauf genau wirkt sie ein?

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Anmerkungen

1 Veröffentlichungen: Tomislav Ivancic, Diagnose der Seele und Hagiotherapie, Salzburg 2006; ders., Grundlagen der Hagiotherapie, Salzburg 2007; ders., Heilung im Gebet, Salzburg 2007; ders., Therapie des Geistes, Salzburg 2007; ders., Wer ist der Mensch?, Salzburg 2001; ders., Wie Familie und Ehe zu heilen sind, Salzburg 2007.
2 Leni Mairhofer, Die Hagiotherapie. Pastoraltheologische und pastoralpsychologische Überlegungen zur „Therapeutischen Seelsorge“ am Beispiel der „Hagiotherapie“ nach Prof. Dr. Tomislav Ivancic, Diplomarbeit an der Universität Graz, 2004, 35.
3 Deutsche Internetseite: www.hagio.de.
4 Eugen Biser, Die Entdeckung des Christentums, Freiburg 2000, 34f, spricht vom Christentum als einer „therapeutischen Religion“, der es im Unterschied zu Gotthold Ephraim Lessings Spätschrift „nicht so sehr um die Erziehung als vielmehr um die Erhebung und Heilung des Menschen“ geht.
5 Wolfgang Beinert, Heilender Glaube, Mainz 1990.
6 T. Ivancic, Diagnose der Seele, a.a.O., 60f.
7 Ebd., 281. In vielen Texten weist Ivancic auf die Relevanz der scholastischen Methode für sein Werk hin.
8 T. Ivancic, Diagnose der Seele, in: L. Mairhofer, Hagiotherapie, a.a.O., 15.
9 T. Ivancic, Diagnose der Seele, a.a.O., 33.

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