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Materialdienst 1/2010
Religiöse Landschaft

Zur religiösen Lage in Ostdeutschland und Osteuropa

Der Umbruch der gesellschaftlichen Verhältnisse in Ostdeutschland ist für die Soziologie ein spannendes Beobachtungsfeld. 20 Jahre nach der friedlichen Revolution von 1989 widmete sich in Leipzig eine Tagung der Sektion Religionssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) der Frage, wie sich Religion und Religiosität in Ostdeutschland und Osteuropa seitdem entwickelt haben. Kam es zu einem weiteren Rückgang der Bedeutung von Religion? Oder ist im Gegenteil eine Revitalisierung von Religiosität zu beobachten? Ist Ostdeutschland ein Sonderfall oder doch mit der religiösen Entwicklung in anderen Regionen Europas zu vergleichen?

Deutlich wurde bei der Tagung Ende November 2009 zunächst, dass sich Leipzig als Standort religionssoziologischer Forschung mit dem Schwerpunkt Ostdeutschland etabliert hat. Dabei ist sowohl die qualitative als auch die quantitative Forschung vertreten (erstere durch Monika Wohlrab-Sahr, letztere durch Gert Pickel). Monika Wohlrab-Sahr eröffnete mit ihrem Vortrag die Tagung. Sie präsentierte Ergebnisse ihrer jüngst zusammen mit Uta Karstein und Thomas Schmidt-Lux veröffentlichten Studie „Forcierte Säkularität“. Die weitreichende und anhaltende Säkularität in Ostdeutschland lässt sich nach Wohlrab-Sahr nur so verstehen, dass die Religionslosigkeit in der DDR nicht nur von der Politik des Staates erzwungen war, sondern dass die dabei ins Feld geführten Argumente und Werte für die Bürger selbst subjektiv plausibel wurden. Deshalb spricht Wohlrab-Sahr von der Säkularität in Ostdeutschland als vom „erzwungenen Eigenen“. Als Werte, auf die in der ostdeutschen Gesellschaft besonders rekurriert wird, konnte sie Arbeit, Gemeinschaft und Ehrlichkeit ausmachen.

Kornelia Sammet und ihre Mitarbeiter stellten Ergebnisse ihres ebenfalls in Leipzig ansässigen Forschungsprojektes vor. Sie untersuchen, welche nichtreligiösen Werte in der Weltdeutung und Lebensführung bei Menschen in prekären Lebenslagen in Ostdeutschland in Anschlag gebracht werden bzw. welche Rolle dabei doch die Religion spielt. Eine These, die dabei verfolgt wird, ist, dass Erwerbsarbeit als primäre Quelle der Sinnstiftung gilt. Das Thema Religion spielte hingegen bei befragten ALG II- Empfängern eine nachrangige Rolle. Zuständigkeit wird der Religion im Bereich der Ethik zugeschrieben. Allerdings erscheint dort die Kirche den Befragten wenig glaubwürdig. Die Interviewten beziehen sich bei der Deutung der Welt vor allem auf naturwissenschaftliche Erklärungen. In den wenigen Fällen, in denen sie auf religiöse Deutungen zurückgriffen, handelte es sich um Horoskope bzw. um diffuse Gottes- und Geistervorstellungen im Rahmen der Gothic-Szene. Letztlich zeigte sich in den Interviews der Soziologin vor allem, wie nachhaltig Diskreditierung und Delegitimierung der christlichen Religion nach dem Ende der DDR in Ostdeutschland nachwirken. „Christliche Religion wird mit Kinderglauben, Unglaubwürdigkeit und Verbrechen im Namen der Religion verbunden. Wissen über religiöse Glaubensinhalte oder Traditionen haben die Befragten kaum ... Während sich an verschiedenen Stellen Öffnungstendenzen gegenüber Religion andeuten, die neben der wissenschaftlichen Weltanschauung noch andere, auch religiöse Weltdeutungen zulassen, gilt dies nicht für die christlichen Traditionen“, so Sammet.

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