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Materialdienst 1/2010
Reinhard Hempelmann

Wie ökumenefähig ist die Neuapostolische Kirche?

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Im 12. Kapitel des ersten Korintherbriefes bezeichnet Paulus die Kirche als Leib Christi, als Ort der heilvollen Gegenwart Christi. Damit unterstreicht er die Verbindung zwischen Christus und Kirche und lenkt das Augenmerk auf das Zentrum des Heilsgeschehens, auf das Kreuz und die Auferweckung des Gekreuzigten. Die Kirche ist Werkzeug Christi zur Kommunikation mit der Welt. Mit dem Gleichnis vom Leib und den vielen Gliedern unterstreicht Paulus, dass es in der Kirche eine große Vielfalt an Gaben und Diensten gibt, dass Gott seine Kirche reich beschenkt hat. Gleich an zwei Stellen zählt er Geistes- und Gnadengaben auf. Die erste Liste (Verse 8-10) nennt ausschließlich Funktionen, die zweite (Verse 28-29) fügt Gemeindeämter (Apostel, Propheten, Lehrer) hinzu: „Und Gott hat in der Gemeinde eingesetzt erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer, dann Wundertäter, dann Gaben, gesund zu machen, zu helfen, zu leiten und mancherlei Zungenrede. Sind alle Apostel? Sind alle Propheten? Sind alle Lehrer? Sind alle Wundertäter?“

Paulus kennt keine ausdifferenzierte Ämterhierarchie. Ämter sind Dienste, ausgerichtet auf die Verkündigung des Evangeliums, den Aufbau der Gemeinde und den Dienst in der Welt. Die von der korinthischen Gemeinde an den Apostel gerichteten Fragen (vgl. 1. Kor 12,1) nach den Geistesgaben (pneumatika) werden von ihm so beantwortet, dass er die Geistesgaben mit den Worten diakoniai (Dienste) und charismata (Gnadengaben) erläutert. Der zuletzt genannte Begriff setzt die Geistesgaben mit der Gnadentat Gottes in dem gekreuzigten Jesus in Beziehung und stellt die Verbindung zwischen paulinischer Charismenlehre und Rechtfertigungstheologie dar. Die Charismen sind eine Konkretion der Gnade. Vielfalt und Einheit der Gaben werden in trinitarischer Perspektive begründet und gesehen (1. Kor 12,4-6).

Auch andere Schriften des Neuen Testaments kennen Aufzählungen von Diensten und Ämtern, so der Epheserbrief. Hier ist die Rede von „Aposteln, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrern“ (Eph 4,11). In der Auslegungsgeschichte des Textes stieß in einzelnen Gruppen gerade diese Aufzählung auf besonderes Interesse. Waren hier – so wurde in erwecklich und endzeitlich geprägten Kreisen gefragt – wichtige Ämter bzw. die Ämterhierarchien für die Geschichte der Kirche und der Kirchen vorgezeichnet? War es ein grundlegender Fehler der christlichen Kirchen, auf eine weitere Ausbildung des Apostelamtes, das im ersten Korintherbrief und im Epheserbrief zuerst genannt wird, aber auch des Prophetenamtes verzichtet zu haben? Müsste die Kirche Jesu Christi, die die Kontinuität zu ihrem Ursprung wahren will, nicht insbesondere das Apostelamt wieder aufrichten?

Wo ist Kirche?

Die christlichen Kirchen kennen eine Vielzahl von Ämtern und Diensten. Zwischen protestantischen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche ist die Ämterfrage ein zentrales Thema ökumenischer Diskussion und ein wesentliches Hindernis auf dem Weg zu einer vollen Kirchengemeinschaft. Einig sind sich die ökumenisch verbundenen Kirchen allerdings darin, dass die Apostolizität der Kirche ihr Kennzeichen nicht in der Etablierung eines besonderen Apostelamtes hat.
Es waren bibeltheologische Gründe, die die christlichen Kirchen veranlassten, das Apostelamt nicht beizubehalten:

• Das Neue Testament bezeichnet diejenigen Zeugen des Evangeliums als Apostel, deren Wirken eine kirchengründende Bedeutung hatte. Bei Paulus und bei Lukas bezieht sich der durchaus unterschiedliche Apostelbegriff auf einen begrenzten Kreis.

• Lukas begrenzte die Apostelzahl auf zwölf. Apostel müssen Zeugen des Lebens Jesu und seiner Auferstehung gewesen sein.

• Paulus, der fraglos wichtigste Zeuge im Blick auf Herkunft, Charakter und Verständnis des Apostelamtes, betonte, dass er das Evangelium nicht durch Menschen, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi empfangen hat (Gal 1,12). Apostel sind diejenigen, denen der auferstandene Jesus erschienen ist und die er zum Dienst beauftragt hat.

• Paulus, Petrus und Johannes haben keine Nachfolger bestimmt. Der Dienst der Apostel ist einzigartig und unwiederholbar.

Das reformatorische Kirchenverständnis grenzt sich sowohl gegenüber einem Institutionalismus der Äußerlichkeit ab, der die damalige Kirche bestimmte, als auch gegenüber einem Spiritualismus der Innerlichkeit, der im sogenannten „linken Flügel“ der Reformation begegnete und die äußeren Vermittlungsgestalten des Evangeliums missachtete. Grundlegend sind unter anderem die Aussagen der Confessio Augustana VII, die definitionsartig die Bedingungen für das Kirchesein der Kirche nennen. Die Versammlung der Heiligen (in der lateinischen Version des Textes von CA VII „congregatio sanctorum“) ist die Versammlung der gerechtfertigten Sünder. Die Verkündigung des Evangeliums und die evangeliumsgemäße Feier der Sakramente sind das Geschehen, durch das die Kirche zur Kirche wird. Die Kirche ist eine Schöpfung des Wortes Gottes (creatura verbi). Unterschieden werden die für die Einheit der Kirche konstitutiven und zugleich ausreichenden Voraussetzungen („die reine Predigt des Evangeliums und die evangeliumsgemäße Darreichung der Sakramente“) von den von Menschen eingesetzten „Ceremonien“, die für die Einheit nicht notwendig sind. Gottes heilvolle Nähe ist nicht an besondere Organisationsprinzipien der Kirche gebunden.

Ämter und Dienste müssen von dem Auftrag her verstanden werden, das Evangelium zu verkündigen. Die Apostolizität der Kirche liegt in ihrer Botschaft begründet. Die Überzeugungskraft des Evangeliums kommt aus dem Wirken des Geistes. Im christlichen Zeugnis wird der Unterschied zur Wahrheit, die es bezeugt, gewahrt. Inhaltlich ist das apostolische Zeugnis die Botschaft von der freien Gnade Gottes, die Menschen aufrichtet, tröstet und zum „dankbaren Dienst“ (Barmer Theologische Erklärung II) befreit.
Wo ist Kirche? Sie ist da, wo die Gemeinschaft des Glaubens als Hörgemeinschaft, als Sakramentsgemeinschaft, als Dienstgemeinschaft gelebt wird und Gestalt gewinnt.

Selbstverständnis und Lehre der NAK

Die Wiederaufrichtung des Apostelamtes ist prägendes Merkmal der Neuapostolischen Kirche (NAK).2 Die ersten „Apostel der Neuzeit“ wurden zwischen 1832 und 1835 in England ausgerufen.3 Mit dem Namen „Neuapostolische Kirche“ wird artikuliert, dass sich aus der 1863 vollzogenen Abspaltung von den Katholisch-apostolischen Gemeinden („Alt-apostolischen“ Gemeinden) ein neues Werk entwickelt hat.

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Anmerkungen

1 Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag, der am 21.5.2009 im Zentrum Weltanschauungen auf dem 32. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Bremen gehalten wurde.
2 Vgl. Helmut Obst, Neuapostolische Kirche – die exklusive Endzeitkirche?, Neukirchen-Vluyn 1996.
3 Vgl. Helmut Obst, Apostel und Propheten der Neuzeit. Gründer christlicher Religionsgemeinschaften des 19. und 20. Jahrhunderts, Göttingen 2000.

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