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Materialdienst 5/2016
Michael Utsch

Die Satsang-Szene boomt

Kritische Anmerkungen

Vorträge über östliche Weisheitslehren finden seit einigen Jahren auch in Deutschland vermehrt statt. Mehr noch als Wissensvermittlung bildet persönliche Lebensberatung einen festen Bestandteil dieser Veranstaltungen.

Nach einer Weile des Schweigens mit oder ohne (Live-)Musik folgt bei Satsang-Abenden eine in der Regel kurze Ansprache des Meisters oder der Meisterin.1 Frage-Antwort-Runden, bei denen die Fragen entweder auf der Bühne oder aus dem Auditorium gestellt werden können, nehmen dann den größten Raum ein. Neben Fragen zum spirituellen Weg werden oft Ratschläge für Liebesbeziehungen oder das Berufsleben erbeten. Ohne Details zu erfragen oder therapeutisch vorzugehen, versucht der spirituelle Lehrer, bei dem Fragenden die Identifikation mit dem erfahrenen Leid zu durchbrechen. Häufig wird zurückgefragt, wer es denn genau sei, der das Leid erfahre. In der Gegenwart eines erleuchteten Meisters soll das (göttliche) Selbst erwachen und das alte Ego mit seinen Bedürfnissen verschwinden, so kann man eine weit verbreitete Haltung der Satsang-Szene zusammenfassen. Als Markenzeichen und Merkmal zur Unterscheidung von anderen neureligiösen Strömungen ist dabei das Versprechen anzusehen, „das Heil schon im Diesseits finden zu können“2.

Das Wort „Satsang“ stammt aus dem Sanskrit (sat = Wahrheit, sangha = Versammlung) und bezeichnet das Zusammensein mit einem Guru als verkörperter Wahrheit. Die Satsang-Bewegung als westlich-therapeutische Variante der hinduistischen Advaita-Philosophie („Nicht-Zweiheit“) hat sich auf dem Markt alternativer Lebenshilfe fest etabliert. Im Zentrum der Bewegung steht die individuelle Suche nach „Erleuchtung“. Dieser angeblich anhaltende Bewusstseinszustand soll durch spirituelle Lehrer übermittelt werden können.3

Als Beleg für den Boom und die Ausbreitung dieser Form von Lebenshilfe kann auf das Internetportal „Jetzt-tv.net“ hingewiesen werden. Es ist seit November 2006 online und hat mittlerweile über 2000 Videomitschnitte und zum Teil auch Live-Satsangs veröffentlicht. Manche Satsang-Anbieter bieten zudem persönliche Beratung per Skype an. Interessenten können sich von zu Hause aus zum Satsang zuschalten, um dem spirituellen Lehrer live eine Frage zu stellen.

In Berlin haben Ludmilla Rudat und Roland Heine, die in der Schöneberger Akazienstraße einen „Raum für Transzendenz und Selbsterforschung“ betreiben, vor Kurzem ein „Netzwerk Erleuchtung“ mit dem Ziel gegründet, das Thema „vom hohen Sockel herunter zu holen und es als natürlichen Zustand und Grundrecht eines jeden Menschen in den Alltag zu überführen – Erleuchtung ist für alle da“.4 Nach einem erfolgreichen Erleuchtungskongress im Jahr 2015 wird nun vom 27. April bis zum 5. Mai 2016 zu einem weiteren Online-Kongress mit bekannten Satsang-Lehrern wie Samarpan, Om C. Parkin und Pyar eingeladen.5 Ebenfalls im Sommer 2015 hatte in Berlin ein „Forum Erleuchtung“ zu „Friedensgesprächen“ eingeladen. Über 40 spirituelle Lehrer gaben Weisheiten über persönlichen, zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Frieden weiter – darunter auch die Leiter der Schweizer „Kirschblütengemeinschaft“, Samuel und Danièle Widmer.6

Spirituelle Weisheit ist zunehmend auch virtuell verfügbar. Fast 10000 Teilnehmer nahmen nach Veranstalterangaben an dem Online-Kongress „Erwache“ teil. Thomas und Katharina Nestelberger hatten dazu 32 spirituelle Lehrer für Skype-Interview-Beiträge gewinnen können; die Teilnehmer konnten die Lehrer auch direkt befragen. Nach Ende des Kongresses können nun 25 Stunden Videomaterial für 90 Euro heruntergeladen werden, und ein Folgekongress ist in Planung.7

Von spirituellen Suchern, die bei verschiedenen Lehrern hineinschnuppern, sind feste Anhänger zu unterscheiden, die in regelmäßigen Gruppentreffen die Lehren ihres Meisters erlernen und anwenden wollen. Häufig schart sich um einen spirituellen Meister ein innerer Kreis langjähriger Schüler, dessen Mitglieder ihren Lehrer bei der Weiterbildung und Seminarorganisation unterstützen.

Der Psychologe Cederic Parkin („Om“) zählt zu den bekanntesten Lehrern der Nondualität in Deutschland.8 Die spirituelle Gemeinschaft („Große Sangha“) um Parkin zählt mehrere hundert Mitglieder. In Deutschland, der Schweiz und Frankreich treffen sich etwa 20 regionale Gruppen („Sanghas“), um sich gegenseitig auf dem inneren Weg zu unterstützen.

Der Psychologe Christian Meyer leitet in Berlin ein spirituelles Zentrum und ist als Satsang-Lehrer aktiv.9 In seinem Buch „7 Schritte zum Aufwachen“ hat er ein Programm vorgelegt, durch dessen Anwendung seinen Schülern „Erleuchtung“ in diesem Leben in Aussicht gestellt wird. Dazu treffen sich an über 20 Orten in Deutschland sogenannte Bewusstheitsgruppen, in denen die Lehre dieses Psychologen in Übungen zu zweit auf die eigene Person angewendet wird.

Gefahren der Lehrer-Schüler-Beziehung

Je verbindlicher und geschlossener eine Gruppe ist, desto größer sind die Gefahren der Vereinnahmung und Kontrolle – zumal wenn der Schüler davon überzeugt ist, im Satsang mit der Wahrheit zusammenzusein.

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Anmerkungen

1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden im Folgenden nicht beide Geschlechtsformen genannt, obwohl selbstverständlich Frauen und Männer gleichermaßen gemeint sind.
2 Levin Sottru, Advaita-/Satsang-Bewegung, in: Michael Klöcker/Udo Tworuschka, Handbuch der Religionen, 35. Ergänzungslieferung, VIII-27, München 2013, 10.
3 Vgl. Claudia Knepper, Satsang-Bewegung, in: MD 10/2010, 389-392.
4 http://netzwerk-erleuchtung.blogspot.de (Abruf der in diesem Beitrag angegebenen Internetseiten, sofern nicht anders angegeben: 6.4.2016).
5 www.erleuchtungskongress.de.
6 www.jetzt-tv.net/index.php?id=forumerleuchtung.
7 www.erwache.com.
8 Vgl. Michael Utsch, Satsang-Lehrer wieder in die Kirche eingetreten, in: MD 1/2014, 27f.
9 www.zeitundraum.org.

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