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Materialdienst 1/2010

Kosmophobie und das Ende aller Zeiten

In der Geschichte des neuzeitlichen Christentums haben Sondergruppen und Sekten immer wieder konkrete Berechnungen für das Weltende und den Tag des Jüngsten Gerichts angestellt. Ein neues Datum ist jetzt aus esoterischer Perspektive zur Diskussion gestellt worden: der 21.12.2012. Hintergrund der Ansage ist die Zeiteinteilung des Kalenders der Maya. Zu diesem Zeitpunkt soll eine Periode in der Geschichte des Kosmos zu Ende gehen.

Moderne Medien haben die Weltuntergangsprophezeiung popularisiert. In dem amerikanischen Katastrophenfilm „2012“, der vor einigen Wochen auch in deutschen Kinos angelaufen ist, sind das Grauen der Weltvernichtung und die Suche nach Rettung medial mit aufwendigster Technik inszeniert worden. Wie schon im Zusammenhang der Jahrtausendwende ist damit ein medienwirksames Thema etabliert, das die Menschen in den nächsten Jahren beschäftigen kann.

Es zeichnet sich ab, dass dieses Thema auch in evangelikalen und pfingstlich-charismatischen Kreisen intensiv diskutiert wird, vor allem in den Vereinigten Staaten, aber auch darüber hinaus. Die erfolgreichen Endzeitautoren Tim LaHaye und Jerry B. Jenkins, die seit 1995 eine ganze Serie von Endzeitromanen („Left Behind“) publiziert haben, äußern sich skeptisch gegenüber dem konkreten Datum 2012. Sie unterstreichen jedoch die Berechtigung ihres Endzeitdenkens, das biblischen Texten einen Fahrplan für die Ereignisse der Endzeit entnimmt, konkrete Katastrophenszenarien darstellt und Hinweise für die Nähe der endzeitlichen Ereignisse nennt (Weltregierung, Weltwährung, Bedrohung Israels).

Endzeitliche Perspektiven liegen dem neuzeitlichen Menschen offensichtlich nahe. Die Zeit wird allenthalben als kurz erfahren. Allen Dingen kommt nur ein verkürzter Aufenthalt in der Gegenwart zu. Es gibt ein Bewusstsein der Gefahr. Krisenzeiten waren häufig von euphorischen oder düsteren Zukunftserwartungen begleitet. Nicht als breite Strömung, aber in bestimmten säkularen und religiösen Milieus wird ein apokalyptischer Weltpessimismus gepflegt und gelebt. Amerikanische Wissenschaftler sprechen von „Kosmophobie“, von Weltangst. Die Angst entzündet sich gleichermaßen an medialen und realen Phänomenen. Nahrung empfängt die düstere Weltbetrachtung von den Verwundungen der Welt und den inflationären Erfahrungen des Bösen. Sie kann an Stimmungslagen, Zeitströmungen und Unsicherheiten anknüpfen. Das allgemeine Krisenbewusstsein der westlichen Welt, die grundsätzlichen Veränderungen der politischen Landschaft mit dem Einschnittsdatum 1989, die Terroranschläge am 11. September 2001, die militärischen Auseinandersetzungen in Afghanistan und im Irak, die keineswegs überstandene Finanzkrise und der Klimawandel haben die Abgründe geschichtlicher Entwicklungen offengelegt. Die Erfahrung des Bedrohtseins ist neu ins Bewusstsein gelangt. Apokalyptische Bilderwelten sind nähergerückt.

Das Thema der biblischen Apokalyptik ist allerdings nicht der Weltuntergang, sondern das Kommen Gottes. Die Worte vom Ende der Welt wollen nicht Angst machen, sondern die Verängstigten trösten. Die Hoffnungsaussagen der Bibel gründen in der Erfahrung der Glaubenden, dass der Gekreuzigte von Gott auferweckt wurde und lebt. Sie sind nicht durch den neugierigen Blick in die Zukunft und in Abwendung von der Leidensgeschichte der Welt gewonnen. Die Erwartung des Reiches Gottes entlässt nicht aus irdischen Verpflichtungen. Sie fördert die Liebe zum Leben, die Hoffnungsfähigkeit im Leiden und die Dankbarkeit für die Gaben der Schöpfung. „Es gibt Christen, die es für zu fromm halten, auf eine bessere irdische Zukunft zu hoffen. Sie glauben an das Chaos, die Unordnung, die Katastrophe als den Sinn des gegenwärtigen Geschehens und entziehen sich in Resignation oder frommer Weltflucht der Verantwortung für das Weiterleben, für den neuen Aufbau, für die kommenden Geschlechter. Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht. Dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht” (Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, München 1970, 25f).

Reinhard Hempelmann

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