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Materialdienst 1/2010
Christian Ruch

Kritische Anmerkungen zur Geschichtsaufarbeitung in der Neuapostolischen Kirche

Die Neuapostolische Kirche (NAK) geriet in den letzten Jahren wie sonst nur wenige Glaubensgemeinschaften unter inneren und äußeren Reform- und auch Rechtfertigungsdruck. Ihre einst ziemlich rigiden Strukturen werden zunehmend in Frage gestellt – einerseits vor allem von der jüngeren Generation in den eigenen Reihen, andererseits aber auch von ehemaligen Mitgliedern, die über eine exzellente Vernetzung im Internet verfügen. Zu den Kritikpunkten zählt in nicht unerheblichem Maße die Geschichte der NAK in der DDR und zur Zeit des Nationalsozialismus. Ein weiteres heikles Thema ist die bis heute heftig umstrittene „Botschaft“, die Stammapostel Johann Gottfried Bischoff zu Weihnachten 1951 verkündet hatte. Er hatte behauptet, dass Jesus noch zu seinen Lebzeiten wiederkommen würde, doch der Stammapostel verstarb, ohne dass sich die Wiederkunft Christi ereignet hätte. Die Reformkräfte innerhalb und die Kritiker außerhalb der NAK erhoffen sich eine Revision der Bewertung der „Botschaft“ – dies schon deshalb, weil es in der Amtszeit Bischoffs zu einer der größten Abspaltungen in der Geschichte der NAK gekommen war: Der Stammapostel hatte 1955 einen seiner Kritiker ausgeschlossen, den rheinländischen Bezirksapostel Peter Kuhlen. Allerdings waren Kuhlen rund 25000 NAK-Mitglieder gefolgt und hatten eine eigene apostolische Gemeinschaft gegründet. Der Riss, den dieses Schisma verursachte, verlief quer durch viele neuapostolische Familien und hinterließ großes persönliches Leid.

„Black Box“ GNK

Am 21. Oktober 1999 rief Stammapostel Richard Fehr die AG „Geschichte der Neuapostolischen Kirche“ (GNK) ins Leben. Sie sollte „die Geschichte der NAK historisch einwandfrei nachvollziehbar darstellen und auch solche Aspekte aufnehmen, die für die Kirche unbequem sein könnten. Die Darstellung soll objektiv sein und alle Fragen tabufrei beleuchten. Dabei soll der Gedanke berücksichtigt werden: Wenn wir diese Aufgabe nicht wahrnehmen, werden andere es tun“.1

Was die GNK selbst betrifft, scheint der Kirchenleitung jedoch bis heute nicht daran gelegen zu sein, „tabufrei“ zu agieren. Denn es wurde und wird nicht transparent gemacht, wie die GNK arbeitet, wie viele Mitglieder sie hat und wer zu diesen zählt. Selbst für NAK-Insider scheint die Zusammensetzung der GNK nicht ersichtlich zu sein; das Gremium ist also eher eine Art undurchschaubare „Black Box“. Auch als die GNK am 4. Dezember 2007 ihren ersten Bericht vorlegte (siehe unten), wurde auf eine Nennung der Mitglieder und auf Angaben zu ihrer Qualifikation als historisch Forschende verzichtet. Bekannt wurde lediglich, dass mit der Leitung der Arbeitsgruppe Apostel Walter Drave betraut worden war. So schrieb das Magazin „glaubenskultur“, eine Zeitschrift relativ (selbst-)kritischer NAK-Mitglieder, im Juli 2004, also fast fünf Jahre nach Einsetzung der Arbeitsgruppe: „Die Leitung der NAK-AG Geschichte liegt bei Apostel Walter Drave. Nach glaubenskultur-Informationen ist die Gruppe nicht mit externen wissenschaftlichen Mitarbeitern besetzt, die eine neutrale wissenschaftliche Darstellung garantieren könnten.“2

Ein „Informationsabend“ mit Folgen

Nachdem die NAK am 24. Januar 2006 in Uster bei Zürich einen ersten „Informationsabend“ veranstaltet hatte3, der via Satellit europaweit übertragen worden war und aufgrund der an ihm verkündeten theologischen Lehränderungen ein ebenso großes wie positives Echo hervorgerufen hatte4, waren die Erwartungen sehr hoch, als für den 4. Dezember 2007 ein zweiter „Informationsabend“ angekündigt wurde. Würde sich eine Art „Uster II“ ereignen? Solche Hoffnungen wurden jedoch bitter enttäuscht, denn was präsentiert wurde, entpuppte sich als eine riesige Enttäuschung und für die Führung der NAK als verheerendes Fiasko.

Unter dem Titel „Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955. Entwicklungen und Probleme. Zusammenschau“ legte die GNK ein mehr als 50 Seiten umfassendes Dokument vor, das die Ergebnisse der historischen Recherche präsentieren sollte. Doch schon das Vorwort ließ Ungutes ahnen, erging es sich doch vor allem in einer eigentümlich aggressiv-defensiven Haltung: „Glaubt man den Positionen, wie sie von einigen Internetseiten unkritisch und unkommentiert kolportiert werden, dann sind der Stammapostel Bischoff und seine Botschaft als die Ursachen für zum Teil bis in die Gegenwart  hineinreichende Missstände zu betrachten.“5 Äußerungen wie jene des EZW-Referenten Andreas Fincke seien jedoch „als unwissenschaftlich zu charakterisieren“.6

Für sich selbst nahm die GNK dagegen sehr wohl eine wissenschaftliche Vorgehensweise in Anspruch: „Die abgelieferten Untersuchungen basieren unter Beachtung und Anwendung geschichtswissenschaftlicher Verfahrensweisen auf Quellenbefunden; die vorgestellten Ergebnisse und Thesen sind somit sorgfältig und quellenkritisch belegt und resultieren nicht aus ‚Geschichte vom Hörensagen’ oder vorgefassten Urteilen. Sollten andere als die nachfolgend vorgestellten Ergebnisse geltend gemacht werden, so sind diese vor dem Hintergrund der genannten Ausarbeitungen bzw. der Quellenlage zu beurteilen.“7 Zur Quellenlage wurden jedoch nur äußerst dürftige Angaben gemacht.

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Anmerkungen

1 Die Neuapostolische Kirche von 1938 bis 1955. Entwicklungen und Probleme. Zusammenschau; Stand 6. November 2007, 4 (im Folgenden „Zusammenschau“), www.nak.org/fileadmin/download/pdf/ Infoabend_041207_Geschichte_Internetversion.pdf. (Die in diesem Beitrag angegebenen Internetseiten wurden zuletzt am 8.11.2009 abgerufen.)
2 www.glaubenskultur.de/artikel-389.html.
3 Siehe dazu: Informationsabend in Uster: Lehränderungen weltweit per Satellit übertragen, 24.1.2006, www.nak.org, Rubrik: NAK International, 2006.
4 Siehe z.B. Andreas Fincke, Lehrkorrekturen, in: MD 3/2006, 108f.
5 Zusammenschau, 2f.
6 Ebd., 4.
7 Ebd., 5.

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