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Materialdienst 6/2010
Reinhard Hempelmann

Den eigenen Glauben kennen - den fremden Glauben verstehen

50 Jahre Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen

In den Medien ist die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) als „Fahndungsstelle“ für Religion und „Spürnase“ der Kirche auf dem Markt der Religionen und Weltanschauungen beschrieben worden. Ihre Referenten wurden Religionsexperten genannt, kundig im Blick auf Lehre und Praxis alter und neuer Gurus, im Blick auf moderne Esoterik, neue Religiosität und christliche Sondergemeinschaften, im Blick auf östliche Spiritualität im Westen und die Präsenz nichtchristlicher Religionen in Europa. In der Sprache der Wissenschaft lässt sich die Tätigkeit der EZW als religiöse Aufklärung im doppelten Sinn beschreiben: als Aufklärung über den fremden und den eigenen Glauben.

Zum Aufgabenfeld

In ihrer Ordnung vom 3. Juli 1964 sind Auftrag und Aufgabe der EZW in die Worte gefasst worden: „Sie beobachtet die religiösen und weltanschaulichen Strömungen der Zeit und fördert die Klärung theoretischer und praktischer Fragen, die sich daraus ergeben.“1 Die Neufassung der Ordnung vom 10. Mai 1996, die der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Zusammenhang des Umzugs von Stuttgart nach Berlin beschloss, wiederholt und präzisiert die Aufgabenstellung: „Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen ist die zentrale wissenschaftliche Studien-, Dokumentations-, Auskunfts- und Beratungsstelle der Evangelischen Kirche in Deutschland für die religiösen und weltanschaulichen Strömungen der Gegenwart.“ Sie „hat den Auftrag, die Entwicklungen im religiös-weltanschaulichen Bereich zu beobachten und ihre Bedeutung für die Evangelische Kirche in Deutschland zu klären. Sie trägt dazu bei, die Darstellung des christlichen Gottes- und Weltverständnisses im Gegenüber zu anderen Gottes- und Weltverständnissen zur Geltung zu bringen (evangelische Apologetik), und bemüht sich um Koordination der Arbeit zu religiös-weltanschaulichen Fragen im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland.“2

Unter veränderten Bedingungen und mit neuem Namen sollte mit der Gründung der EZW fortgesetzt werden, was in Berlin 1921 als Apologetische Centrale begonnen worden war und 1937 ein durch die Nationalsozialisten erzwungenes Ende gefunden hatte. Von Anfang an wurde Apologetik dabei weniger als Verteidigung, sondern vor allem als Antwortgeben verstanden. Begegnen, beobachten, beschreiben, verstehen, deuten und aus der Perspektive des christlichen Glaubens Stellung beziehen: Dies sind grundlegende Schritte apologetischer Arbeit. Ausdruck fand und findet die Aufgabenstellung der EZW in einem weiten Arbeitsprofil, das von wissenschaftlicher Forschung bis zu praktischer Beratung und seelsorgerlicher Hilfestellung reicht. Erkenntnisse und Arbeitsergebnisse werden in Vorträgen, auf Studientagungen, in Medienkontakten – für die Berlin in anderer Weise als Stuttgart ein besonders geeigneter Standort ist – und in einer umfangreichen Publizistik weitergegeben. Enge Arbeitsbeziehungen bestehen zu den Weltanschauungsbeauftragten der evangelischen Landeskirchen und den Kolleginnen und Kollegen, die für dieses Arbeitsfeld im Bereich der katholischen Kirche im deutschsprachigen Bereich (Schweiz und Österreich eingeschlossen) verantwortlich sind. Die Anliegen christlicher Apologetik finden ebenso in zahlreichen Freikirchen Resonanz. Innerhalb der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche (VELKD) befasst sich der „Arbeitskreis Religiöse Gemeinschaften“ mit weltanschaulichen Fragen. Er gibt das „Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen“ heraus, das inzwischen in 6. Auflage erschienen ist.3 In dem Arbeitskreis wirken zahlreiche landeskirchliche Beauftragte mit, auch aus Kirchen, die der Union Evangelischer Kirchen (UEK) angehören.

Angesichts der Breite des Arbeits- und Themenfeldes von Weltanschauungsarbeit ist diese auf Kooperation mit anderen kirchlichen und wissenschaftlichen Stellen angewiesen, ebenso auf Kontakte mit Eltern- und Betroffeneninitiativen. Die Internationalität neuer religiöser Bewegungen und weltanschaulicher Strömungen erfordert ein vermehrtes Bemühen, deren wissenschaftliche Erforschung in anderen Ländern wahrzunehmen und vom Umgang anderer Kirchen mit religös-weltanschaulicher Vielfalt zu lernen. Dies gilt insbesondere auch im Blick auf den Prozess des Zusammenwachsens der Staaten in der Europäischen Union.

Mitarbeiter(innen) und Themen

Blickt man auf 50 Jahre zurück, so wären viele Namen und verschiedene Generationen zu nennen, die sich an dem Auftrag beteiligten, religiöse und weltanschauliche Entwicklungen zu beobachten, zu beschreiben und Hinweise für eine Bewertung und Urteilsbildung zu geben. Neben den Leitern der EZW Kurt Hutten (1960–1968), Helmut Aichelin (1968–1980), Reinhart Hummel (1981–1995) und Michael Nüchtern (1996–1998) sind die wissenschaftlichen Referentinnen und Referenten bzw. Mitarbeiter zu nennen: Siegfried von Kortzfleisch (1961–1969), Wilhelm Quenzer (1966–1985), Hannelore Schilling (1967–1977), Michael Mildenberger (1970–1982), Hans-Diether Reimer (1971–1991), Ingrid Reimer (1971– 1991), Hans-Jürgen Ruppert (1981–2001), Werner Thiede (1991–1997), Hansjörg Hemminger (1985–1996), Gottfried Küenzlen (1982–1994), Andreas Fincke (1992–2007), Ulrich Dehn (1995–2006). Alle Genannten sind auch abgesehen von ihrer Beauftragung durch die EKD im Themenfeld Religions- und Weltanschauungsfragen publizistisch vielfältig in Erscheinung getreten.

Heute ist die Arbeit in vier Referatsbereichen zusammengefasst: 1. Grundsatzfragen, Strömungen des säkularen und religiösen Zeitgeistes, pfingstlich-charismatisches Christentum (Reinhard Hempelmann), 2. Islam und andere nichtchristliche Religionen, neue religiöse Bewegungen, östliche Spiritualität, interreligiöser Dialog (Friedmann Eißler), 3. Esoterik, Okkultismus, Spiritismus, Satanismus (Matthias Pöhlmann), 4. Christliche Sondergemeinschaften (z. B. Neuapostolische Kirche, Jehovas Zeugen, Mormonen), Psychoszene, Scientology (Michael Utsch). Für das zeitlich befristete Aus- und Fortbildungsprojekt Curriculum Religions- und Weltanschauungsfragen ist seit 2009 Claudia Knepper als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Zu erwähnen sind ebenso diejenigen Mitarbeiterinnen, die zu Stuttgarter Zeiten und seit 1995/1996 in Berlin die Arbeit der Einrichtung mit großem Engagement in den Bereichen Haushalt, Internetauftritt, Bibliothek, Dokumentation, Versand, Abonnentenbetreuung, Telefondienst etc. unterstützt haben. Ein Kuratorium, dem neun bis elf Mitglieder aus den Bereichen Wissenschaft (vor allem Theologie), Politik, Publizistik und Kirche angehören, gibt der EZW Richtlinien für die Arbeit, fördert sie in der kirchlichen und säkularen Öffentlichkeit und wirkt bei der Aufstellung des Haushaltsplanes mit.

Huttens Erbe

Wichtige Anregungen zur Gründung gingen vom ersten Leiter der EZW, Kirchenrat D. Dr. Kurt Hutten, aus. Hutten war 59 Jahre alt, als er 1960 vom Rat der EKD mit der Leitung der EZW betraut wurde. Durch zahlreiche Publikationen war er als erfolgreicher Autor bereits bekannt geworden. Als Pressepfarrer der württembergischen Landeskirche hatte er viele Jahre die Evangelische Pressekorrespondenz herausgegeben, war Schriftleiter des württembergischen Evangelischen Gemeindeblattes gewesen, zeitweilig auch des Deutschen Pfarrerblattes. Bereits ab April 1933 hatte er neben seiner Tätigkeit als Geschäftsführer des Presseverbandes als Zusatzaufgabe die Schriftleitung des „Materialdienstes“ übernommen, der später als „Materialdienst der EZW“ erschien. Bis Ende 1971 war der Materialdienst „seine“ Zeitschrift, die er nicht nur redigierte, sondern auch verfasste. Er informierte in ihr über säkulare Strömungen, Okkultbewegungen, Kommunismus und Religion, weltanschauliche Bewegungen, Sekten etc. Mit Recht hat Hans-Jürgen Ruppert darauf hingewiesen, dass die Jahrgänge dieser Zeitschrift, von 1933 bis 1941 und dann in Fortsetzung 1951 bis 1971, ein „zeitgeschichtliches Dokument von höchstem Rang darstellen“.4 Zeitgenossenschaft, wie Hutten sie praktizierte, ist freilich immer ein Wagnis. Seine Veröffentlichungen in den 1930er Jahren zeigen ihn auch als jemanden, der in den Geist seiner Zeit verstrickt war und die notwendige kritische Distanz zur Ideologie des Nationalsozialismus und der völkischen Religiosität nicht einhielt.

Der im Zusammenhang seines 65. Geburtstages publizierte Sammelband „Die Presse als Kanzel“5 dokumentiert die Breite seiner Themen und weist darauf hin, dass Hutten die Pressearbeit als Möglichkeit nutzte, das Evangelium von der freien Gnade Gottes auch den Distanzierten, den Skeptikern und Fragenden zu verkündigen. Er tat dies mit einer besonderen Zugewandtheit zum Adressaten und Leser und verkörperte dabei kirchliche Presse- und Weltanschauungsarbeit in einer Person.

Die rechtfertigungstheologische Orientierung

Hutten war Autor zahlreicher Bücher, Aufsätze und Kleinschriften, die eine große Bandbreite an Themen behandeln, teilweise in hohen Auflagen erschienen sind und in verschiedene Sprachen übersetzt wurden. Sein klassisches Werk „Seher, Grübler, Enthusiasten“, erstmalig 1950 veröffentlicht, hat 18 Auflagen erlebt (seit der 12. unverändert) und zeigt Hutten als exzellenten Beobachter und Interpret der „traditionellen Sekten und religiösen Sonderbewegungen“,6 die er mit Sorgfalt, Fairness und kaum zu übertreffender Anschaulichkeit in ihren Anliegen, Praktiken und Glaubenssystemen beschreibt. Es war nicht allein die Abwehr des Sektiererischen, die ihn dabei zuerst und vor allem bestimmte, sondern eine selbstbewusste, eigene theologische Perspektive, die auf Polemik weitgehend verzichtete und mit der Bereitschaft verbunden war, den fremden, anderen Glauben von innen her zu verstehen.

Bereits der Titel seines Standardwerkes deutet an, dass hier der Weg einer dialogisch orientierten Apologetik beschritten wird. Die kritische Auseinandersetzung mit religiösen Gegenwelten fand ihre Begründung in theologischen, nicht in moralischen Kategorien. Bereits im Vorwort zur ersten Auflage heißt es programmatisch: „Unsere Kirche steht auf der Grundlage der Bekenntnisse der Reformation. Sie ist gewiß, daß in der Botschaft von der Rechtfertigung durch den Glauben die zentrale Wahrheit der Heiligen Schrift ausgesprochen und der Schlüssel zum Verständnis des Gotteswortes gegeben ist. Von diesem Standort her habe ich auch eine Beurteilung der dargestellten Gemeinschaften versucht.“7 Das sind klare Worte. Sie benennen die Perspektive der Darstellung des anderen Glaubens. Es war die Kenntnis des biblischen Zeugnisses und seine neue Erschließung durch die reformatorische Theologie, die sein theologisches Denken bestimmten. „Der Punkt also, an dem die Antithetik der Sekten einsetzt, ist die zentrale Botschaft der Reformation: die Rechtfertigung, sola gratia, sola fide, gestützt auf das Zeugnis der Schrift, sola scriptura.“8 In seiner kritischen Auseinandersetzung mit religiösen Gemeinschaften und weltanschaulichen Strömungen fragte er danach, wie diese ihre Haltung zur Rechtfertigungsbotschaft bestimmen. Er fragte danach, ob die für das christliche Selbstverständnis grundlegende Perspektive gewahrt bleibt, dass Gottes Gnade unverdientes Geschenk ist, für den Menschen unverfügbar, dass kultisches und sittliches Handeln wohl Antwort auf Gottes heilvolle Nähe sind, diese aber nicht begründen oder gar garantieren können.

Im Gespräch mit Menschen

In einer ungewöhnlichen Offenheit und Bereitschaft zur Verständigung hat Hutten das Gespräch mit jenen Menschen gesucht, die in seinem Buchtitel als Seher, Grübler und Enthusiasten bezeichnet werden. Was er über die Siebenten-Tags-Adventisten, die Christliche Wissenschaft, die Mormonen, die Gemeinde Gottes (Fritzlar), die Gralsbewegung, die Neue Kirche etc. schrieb, wurde diesen zur Kenntnis gegeben. Es regte zu intensiven Dialogen und Begegnungen an. „Wenn in der vorliegenden Darstellung etwas falsch oder lückenhaft gezeichnet worden ist, so bin ich für die Richtigstellung nur dankbar. Das Ziel ist und bleibt, ein möglichst vollkommen der Wirklichkeit entsprechendes Bild von den behandelten Gemeinschaften zu geben.“9 Die Reaktionen der Gruppen veränderten in den verschiedenen Auflagen seines Standardwerkes das, was er über sie schrieb. Zugleich verstand er sein Buch keineswegs nur als Beitrag zur Urteilsfähigkeit der christlichen Gemeinden, sondern als Hilfe für suchende und zweifelnde Menschen. Seine Sprache suchte die grenzüberschreitende Kommunikation. Sie war nicht allein im kirchlichen Binnenbereich verständlich.

Die Darstellung religiöser Gemeinschaften und weltanschaulicher Strömungen, der christlichen Sondergemeinschaften, der großen Okkultkonfessionen (Spiritismus, Astrologie, Esoterik und Ufologie) und die Behandlung des Verhältnisses von Kirche und Sekte ist in Huttens Schriften bezogen auf grundlegende Reflexionen zu ihren jeweiligen Entstehungsbedingungen. Welche Suchbewegungen und Sehnsüchte beeinflussen die Entstehung neuer religiöser Gemeinschaften? Welche Glaubensthemen finden in der kirchlichen Normalfrömmigkeit keine hinreichende Berücksichtigung und werden auch deshalb von religiösen Sondergemeinschaften ins Zentrum ihrer Frömmigkeitspraxis gestellt? „Die Sekten sind ja nicht im luftleeren Raum entstanden, sondern in der Mitte der Kirche. Sie sind Töchter der Kirche. Und die Kirche als Mutter muß sich fragen, ob sie nicht selbst schuld daran trage, daß diese Töchter entstanden und so aus der Art schlugen.“10

Gleichzeitig wird herausgearbeitet, dass zahlreiche weltanschauliche Strömungen und religiöse Gemeinschaften als Protest zu interpretieren sind gegen das geheimnisleere Wirklichkeitsverständnis einer durch den Säkularismus geprägten Kultur und die kirchlichen und theologischen Kompromisse mit ihr. Religiöse Gegenwelten, seien sie esoterisch, christlich enthusiastisch oder wie auch immer geprägt, enthalten immer auch ein legitimes Kritikpotenzial gegen modernitätsverträgliche Deutungen des Christlichen und den Ausschluss der Kategorie des Wunderbaren und des Geheimnisvollen aus dem Glaubensvollzug der Frömmigkeit. In einem bemerkenswerten Text aus dem Jahre 1964, der vielfältige Verbreitung fand, skizziert Hutten die „Sehnsucht nach der Überwelt“ als Reaktion auf den „Kahlschlag des Säkularismus“,11 die Ausdruck findet in sehr verschiedenen Bewegungen: im christlichen Fundamentalismus, der „Reaktion des Trotzes“, in der Pfingstbewegung, „die durch Erfahrungsbeweise die Integrität des biblischen Weltbildes sichern will“, in okkultistisch-gnostischen Weltdeutungen (Spiritismus, Astrologie, Ufologie, esoterische Gnostik).12 in einem 1964 dem Rat erstatteten Bericht heißt es zu Letzteren: „Dieses ganze Gebiet steht in voller Blüte und es vollzieht sich eine schleichende, nicht spektakuläre Auswanderung aus der christlichen Glaubenswelt.“13 Das Vertrauen, das Hutten im Gespräch mit religiösen Gemeinschaften gewann, führte dazu, dass er vom Rat der EKD Anfang der 1970er Jahre zum „Beauftragten für religiöse Minderheiten“ ernannt wurde. Verstehende Apologetik, wie er sie auffasste, sollte auch ein Beitrag zur Klimaverbesserung im historisch belasteten Verhältnis zwischen den Kirchen und den außerkirchlichen Gemeinschaften sein. So verstand er sich nicht nur als Anwalt der Wahrheit der Rechtfertigungsbotschaft, sondern auch als Fürsprecher für die Rechte religiöser Minderheiten.

In der heutigen Situation werden gern dialogische und auf Kritik und Unterscheidung drängende Ansätze der Beschäftigung mit religiösen Gemeinschaften gegeneinander ausgespielt. Die säkular und religiös geprägte „Sekten- und Kultkritik“ der Gegenwart, deren Gegenstandsfeld breit und unbestimmt geworden ist, hat die Fachkenntnis Huttens nicht erreichen können. Sie ist auch der Vorsicht und Differenziertheit seiner Urteile meist nicht gefolgt. Die in den letzten Jahrzehnten beobachtbare Popularisierung der Sektenthematik hat allerdings dazu beigetragen, ein Problembewusstsein für verletzende und konfliktträchtige Formen von Religiosität zu schaffen. Sie hat aber auch zu einer Vernachlässigung und Verdrängung der religiösen Dimension in der „Sektenthematik” geführt. Natürlich ist es wichtig, über religiöse Gegenwelten in sozialwissenschaftlicher, rechtlicher, politischer Hinsicht intensiv nachzudenken. Huttens Texte erinnern uns an die Unverzichtbarkeit theologisch-aplogetischer Beschäftigung mit alternativen religiösen und weltanschaulichen Systemen und ihren Gemeinschaftsbildungen. Darin liegt ihre zentrale, auch heute beherzigenswerte Botschaft.

Weltanschauungsarbeit als Gratwanderung

In bemerkenswerter Kontinuität wurde Huttens Erbe weitergeführt, gleichermaßen von den jeweiligen Leitern und den Referenten der EZW. Angesichts der Weite des Gegenstandsfeldes, mit dem sich die EZW befasste (u. a. Szczesnys Humanistische Union, Deschners Christentumskritik, Gottesvergiftung, tibetischer Buddhismus, türkischer Islam, New Age, Anthroposophie und Theosophie, Reinkarnation, neue religiöse Bewegungen, Scientology), wurde von ihrer Seite immer wieder die Notwendigkeit unterstrichen, in der Diskussion über weltanschauliche Entwicklungen und die Ausdrucksformen neuer Religiosität zu abwägenden Urteilen und differenzierenden Perspektiven zu kommen. Komplexe Phänomene lassen sich nicht einer geschlossenen Beurteilung zuordnen. Sie sperren sich gegen grobe Schematisierungen. Es ist deshalb zu einfach, pauschal abgrenzende Sichtweisen zu entwickeln und christliche Weltanschauungsarbeit vornehmlich als Kritik des falschen Glaubens zu profilieren. Die Versuchung dazu ist real, ebenso aber auch die Neigung, aus einer relativistischen Perspektive heraus die Unterschiedlichkeit religiöser Orientierungen zu vernachlässigen und auf Urteile gänzlich zu verzichten.

In dem seit Jahrzehnten zu beobachtenden diffusen und polemischen Beziehungsgeflecht zwischen „Kult“ und „Antikult“, zwischen sogenannten Sekten, ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen einerseits und der Aussteiger- und Kritikerszene andererseits, kann es – jedenfalls aus der Perspektive der EZW – christliche Apologetik und Weltanschauungsarbeit nur als Gratwanderung geben. Sie darf sich weder auf die Inschutznahme der Kulte, Religionsgemeinschaften, weltanschaulichen Gemeinschaften, Anbieter auf dem Psychomarkt konzentrieren, noch auf einen bloßen Abwehrkampf gegen alles religiös Fremde und Andersartige reduzieren. Sie sollte sich auch in Stil und Sprache am christlichen Liebesgebot orientieren und in weltanschaulichen Auseinandersetzungen Fairness walten lassen. Es kommt darauf an, beides zusammenzuhalten: dialogische Offenheit und Standfestigkeit, Gesprächsbereitschaft und den Mut zur Unterscheidung, gegebenenfalls auch zum Protest gegenüber krankmachender und verletzender Religiosität.

In der EZW geschah und geschieht Weltanschauungsarbeit im Zusammenspiel verschiedener Motive, die nicht gegeneinander gerichtet sind, sondern zusammengehören. Aus der jeweiligen Gewichtung der Motive ergibt sich das Profil. Weltanschauungsarbeit ist bestimmt durch: ein hermeneutisches Motiv, das auf Verstehen anderer Glaubensauffassungen zielt, ein religionskritisches, das auf Protest gegenüber vereinnahmenden Formen von Religion und Religiosität gerichtet ist, ein seelsorgerliches Motiv, das Ratsuchende im Blick hat, ein Toleranzmotiv, insofern es um das öffentliche Eintreten für die Freiheit der Religionsausübung und das Gespräch mit religiös-weltanschaulichen Minderheiten geht, ein analytisches Motiv, das auf die Wahrnehmung des Kontextes des christlichen Zeugnisses zielt, ein theologisch-apolgetisches Motiv, insofern es um die Artikulation des unterscheidend Christlichen geht.

Spurensuche in EZW-Texten

Intensiv mit den Phänomenen der Technikfaszination und des wissenschaftlichen Fortschritts einerseits und neuer Religiosität andererseits befasste sich Helmut Aichelin, der 1968 die Nachfolge Huttens angetreten hatte. 1970 formulierte er unter dem Motto „Abschied von der Aufklärung“ folgendes Ergebnis seiner Studien: „Fragt man abschließend, wie diese neu aufbrechende Religiosität in ihrer schillernden Vielfalt einzuordnen und zu beurteilen ist, so steht man vor nicht geringen Schwierigkeiten. Negativ abgrenzend kann vielleicht nur soviel gesagt werden, daß sie auf der Suche nach einem tieferen Sinn und Ziel, als es die wissenschaftlich-technische Welt zu bieten vermag, die Vorstellung einer durchschaubaren und in sich geschlossenen Wirklichkeit durchbricht. Negativ abgrenzend wird man hinzufügen müssen, daß ihr weitgehend die gedankliche Klarheit oder gar der Dogmatismus einer Lehre fremd ist – vielleicht abgesehen von vagen Vorstellungen einer kommenden Weltreligion eines kosmischen Humanismus ... Was sich allein zunächst anbietet, ist das Stichwort vom Synkretismus, der Mischung aus allen Religionselementen einer Zeit, wie wir ihn etwa in der späten Antike kennen. Auch der heute vorliegende Synkretismus umfaßt nicht nur einen Querschnitt durch unsere eigene Zeit, sondern in ausgeprägtem Maße einen Längsschnitt durch alle Zeiten.“14

Reinhart Hummel kam 1981 als Experte für neureligiöse Bewegungen zur EZW. Von 1966 bis 1973 war er Rektor des theologischen Colleges einer lutherischen Kirche in Orissa/Indien gewesen. Seine Habilitation im Fach Religions- und Missionswissenschaft hatte er über „Indische Mission und neue Frömmigkeit im Westen“ geschrieben. Damit war ein wichtiges Thema vorgezeichnet, mit dem er sich als Leiter der EZW beschäftigte. Die Hindu-Gurus konnte er gewissermaßen „als Kollegen von der Konkurrenz betrachten, die, wie die christlichen Missionare zuvor auch, Kulturgrenzen überschritten, in fremden Kulturen Wurzeln zu schlagen versuchten und dabei oft die gleichen Fehler machten wie die christliche Mission“.15 Während seiner Zeit deutete sich bereits ein nicht zu übersehender Wandel bei den Schwerpunktthemen an. Die Begegnung der Religionen und der religiöse Pluralismus rückten ins Zentrum der Aufmerksamkeit. In seinen Texten hob er den inneren Zusammenhang von Dialog, Mission und guter Nachbarschaft mit Andersglaubenden hervor. „Es darf keinen Absolutheitsanspruch von Dialog oder Zusammenleben oder Mission geben. Wir müssen vielmehr lernen, diese drei in eine fruchtbare Beziehung zu setzen.“16 Zum Dialog mit dem Islam bemerkte er, dass ein von muslimischer Seite immer wieder geforderter christlicher Missionsverzicht „die stillschweigende Anerkennung des islamischen Endgültigkeitsanspruchs bedeuten“ würde und „weder von muslimischer Seite als Voraussetzung für den Dialog und gute Beziehungen verlangt, noch von christlicher Seite geleistet werden“ sollte.17

Zentrales Thema von Michael Nüchtern während seiner Zeit bei der EZW war das Phänomen säkularer Religiosität: „Wenn die Profanität sich mit religiösen Begriffen und Strukturen weiht, kehrt sie eine Bewegung, die vor allem für das Christentum grundlegend ist, um: Nicht der Göttliche entäußert sich in seiner Göttlichkeit (Phil 2), wird menschlich und irdisch, sondern Weltliches vergöttlicht sich.“18 Gegenüber der Weihe des Profanen brachte er zur Geltung, dass kein Mensch über sein Leben verfügen kann: „ich kann nicht alles, ich bin auf Erden und nicht im Himmel ... Die Weisheit der christlichen Frömmigkeit ist die Überzeugung, dass unentfremdetes Leben nicht herstellbar, nicht käuflich ist, aber sehr wohl erfahrbar – immer wieder.“19

Wenig bekannt dürfte sein, dass eine ganze Reihe bekannter Wissenschaftler und Publizisten Autoren von EZW-Texten waren. Der Religionssoziologe Thomas Luckmann war 1964 Referent der zweiten Studientagung der EZW und Autor der EZW-Information 12. Als Fazit seiner Gegenwartsanalyse wies er darauf hin, „daß sich hinter der ‚Säkularisierung’ der modernen Zeit ein verzweigter Vorgang verbirgt, der eine ‚lose’ nicht-instititutionalisierte Sozialform der Religion hervorzubringen im Begriff steht und der in einer Weltanschauung mit einem Minimum an Werttranszendenz seine symbolische Form findet. In ihr vermengen sich 1. Reste der klar objektivierten traditionellen religiösen Sinnstrukturen (,säkularisiert’, wenn man so will); 2. ,neu-religiöse’, sich kaum erst abzeichnende, erst im Prozeß einer sozial-kulturellen Objektivierung befindliche Themen, eine Mythologie des autonomen Individuums; 3. und situationsgebundene, rein in der Privatsphäre und der Nichtobjektivierung steckende quasi-mythologische, sogenannte numinale Sinnzusammenhänge.“20 In diesen Überlegungen werden Grundgedanken seines erstmals 1967 in New York erschienenen Klassikers „The Invisible Religion“ (Die unsichtbare Religion, deutsch 1991) vorweggenommen.21

Der Theologe und Publizist Heinz Zahrnt setzte sich 1968 in einem EZW-Text mit der Theologie nach dem „Tode Gottes“ auseinander und wandte gegen sie ein, dass in ihr die Offenbarung Gottes zur „Depotenzierung Gottes“ wird. „Hier wird Gott nicht durch Christus vertreten, sondern ersetzt, so, wie in einem Betrieb ein Nachfolger seinen Vorgänger ersetzt. Die Menschwerdung bedeutet hier nicht das Kommen, sondern das Gehen Gottes – dieser Gedanke aber stammt nicht aus dem Neuen Testament, sondern von Ernst Bloch, der in der letzten Zeit fast zum protestantischen Kirchenvater geworden zu sein scheint ... Auf diese Art erhält die Verdrängung Gottes durch die Aufklärung ihre letzte Vollendung und ihre theologische Legitimation.“22

1973 publizierte die EZW ein Votum Eberhard Jüngels, „Theologie in der Spannung zwischen Wissenschaft und Bekenntnis“, das dieser ein Jahr zuvor für ein Gespräch zwischen den Mitgliedern des Rates der EKD und verschiedenen Theologiedozenten verfasst hatte. In dem Votum finden sich zum Thema Christentums- und Dogmenkritik die bemerkenswerten Sätze, dass „die den christlichen Glauben verneinenden und bestreitenden alten und neuen Unternehmungen ... ihrerseits keine weltliche Zukunft (hätten), wenn nicht das in ihnen Verneinte und Bestrittene, in der Konfrontation mit dem Zeitgeist und geprägt durch ihn, sich behauptete. Alle diese Unternehmungen zehren von der Substanz dessen, was sie verneinen. Umgekehrt freilich bezeugen sie so zugleich den unerschöpflichen Reichtum dessen, was man getrost das Dogma nennen kann“23

Ein anderes Beispiel ist die 1987 von Martin Riesebrodt verfasste EZW-Infomation mit dem Titel „Protestantischer Fundamentalismus in den USA. Die religiöse Rechte im Zeitalter der elektronischen Medien“24 Riesebrodts Profilierung als Fundamentalismusforscher zeichnet sich hier bereits ab. Grundlegende Überlegungen, etwa die an Max Weber angelehnte Unterscheidung zwischen einem „Fundamentalismus der Weltbeherrschung“ und einem „Fundamentalismus der Weltflucht“, behalten auch in späteren Publikationen ihre Bedeutung.25

Carl Heinz Ratschow war Hauptredner beim 25-jährigen EZW-Jubiläum. Er thematisierte die Rechtfertigungslehre als Kriterium christlicher Identität und diakritisches Prinzip in der Begegnung der Religionen.26 Eine wesentliche Grundlage für Verständnis und Wahrnehmung der Religionen ist für Ratschow die reformatorische Unterscheidung zwischen Gesetz und Evangelium und die mit ihr gegebene differenzierte Wahrnehmung göttlichen Handelns als Welthandeln und Heilshandeln. Religionen gehören demnach zum Welthandeln Gottes und sind als Lebensvollzüge unter dem Gesetz des Schöpfers zu verstehen. Allerdings werden sie nicht pauschal unter die Kategorie des Gesetzes subsumiert, wie die christliche Religion auch nicht ausschließlich als Evangelium entfaltet wird. Die Erfassung der Religionsthematik mit den Kategorien Gesetz und Evangelium ermöglicht es, Kontinuität und Diskontinuität im Verhältnis zwischen christlichem Glauben und anderen Religionen zum Ausdruck zu bringen. Die Unterscheidung zwischen Welt- und Heilshandelns Gottes lässt die christliche Existenz als eine angefochtene und bleibend vom Gesetz und der Sünde betroffene in den Blick kommen.

Zur religiösen Gegenwartskultur

Welche Zeitströmungen und charakteristischen Entwicklungen lassen sich heute wahrnehmen? Neben der vielfach beobachteten und erforschten Säkularisierung und Individualisierung der Religion kommt zunehmend das Phänomen ihrer Revitalisierung in den Blick. In der postsäkularen Gesellschaft gibt es eine neue Aufmerksamkeit für Religion und Religiosität. Manche sprechen von einer Re-Spiritualisierung oder einer Wiederkehr der Religion. Religion kehrt wieder in neuen religiösen Bewegungen, in der Präsenz anderer Religionen, in alternativer christlicher – zum Beispiel charismatischer – Frömmigkeit, in der Spiritualisierung moderner Therapie, in der Ausbreitung japanischer und chinesischer Heilungspraktiken und buddhistischer Meditation, in fundamentalistischen Religionsformen, die den Hintergrund gewaltsamer Konflikte darstellen. Zum Phänomen der Wiederkehr der Religion wird auch die esoterisch geprägte Patchwork-Religiosität gerechnet, die in Sachen Religion aus mehreren Quellen schöpft, Rituale aus verschiedenen Traditionen aufgreift, dabei Mythos und Magie rehabilitiert und dem Okkultismus und der Astrologie Attraktivität verleiht. Ganz neu ist diese neue Religiosität im 21. Jahrhundert freilich nicht, wie man anhand der EZW-Publizistik leicht zeigen könnte. Der Zeitgeist ist vergesslich. Ihm fehlt das historische Bewusstsein.

Bereits die Vielfalt der Ausdrucksformen heutiger Religiosität unterstreicht die Notwendigkeit von Klärungen und Unterscheidungen. Manche Phänomene, die als Indiz für die Wiederkehr der Religion gelten, könnten auch als Hinweis auf eine fortschreitende Säkularisierung interpretiert werden. Heutige Religionsfaszination verkennt nicht selten den bindenden Charakter der religiösen Überlieferung und versteht Religionen und Weltanschauungen anders, als diese sich selbst verstehen. Zu fragen ist deshalb: Welche Religion kehrt wieder? Welche Formen von Religiosität gewinnen Resonanz und neue Anziehungskraft? Religiosität kann unterdrücken und befreien, verletzen und heilen. Auch der religiöse Mensch kann Gott verfehlen und seine Freiheit verlieren.

Allerdings sind auch in einer säkularisierten Kultur viele Menschen auf der Suche nach religiöser Erfahrung. Sie sind nicht allein durch Technikfaszination und die neuen Verheißungen von Genforschung und Neurowissenschaften bestimmt. Auch Menschen, die nicht religiös geprägt sind, erheben Einspruch gegen das geheimnisleere Wirklichkeitsverständnis einer vermeintlich durchschaubaren und beherrschbaren Welt. Die Erfahrungsarmut des Alltags macht empfänglich für die Suche nach dem „ganz Anderen“, für das Geheimnisvolle, von dem man sich erhofft, dass es den Alltag unterbricht und eine weitergehende Perspektive eröffnet. Überrascht über dieses Phänomen waren wohl nur diejenigen, für die feststand, dass Religion in modernen Gesellschaften unausweichlich im Absterben begriffen, dass das Verschwinden der Religion eine natürliche Folge gesellschaftlicher Modernisierung sei. Dass diese Gleichung nicht zutrifft oder zumindest ergänzungsbedürftig ist, kann heute vielfältig beobachtet werden.

Die neue Aufmerksamkeit für Religion und Religiosität bedeutet gleichwohl nicht, dass sich in Europa neue religiöse Erweckungen ankündigen. Dies kann weder im Blick auf das stilistisch überaus vielfältige Christentum bestätigt werden noch im Blick auf die fraglos zunehmende buddhistische und vor allem islamische Präsenz in Deutschland und Europa. Denn das andere gilt auch: Zur religiösen Gegenwartslage gehört nicht nur Religionsfaszination, sondern auch Religionsdistanz. Die Zahl der Konfessionslosen hat zu- und nicht abgenommen. Weder die Säkularisierung noch die Wiederkehr der Religion, sondern die Entwicklung in Richtung eines religiösen Pluralismus ist der charakteristische Vorgang. Der religiöse Wandel in pluralistischen Gesellschaften lässt sich nicht mithilfe eines einzigen Mottos beschreiben. Bezeichnend ist die Gleichzeitigkeit, das Nebeneinander gegenläufiger Entwicklungen: Religionsdistanz und Wiederkehr der Religion, Relativierung und Fundamentalisierung religiöser Wahrheit, Individualisierung und neue Gemeinschaftsbildung. Neue atheistische Bewegungen, die sich seit einigen Jahren mit Vehemenz zu Wort melden und sich angemessen nur auf dem Hintergrund fundamentalistischer Tendenzen in den Religionen begreifen lassen, gehören genauso zu unserer Religionskultur wie das Phänomen einer neuen Aufmerksamkeit für Religion. Der 11. September 2001 provoziert Debatten über problematische Seiten der Aufrichtung religiöser Autoritäten und den Zusammenprall der Kulturen (clash of civilizations). Gewaltpotenziale der Religionen rücken ins Zentrum der Wahrnehmung. Im Namen der Wissenschaft möchte der neue Atheismus eine naturalistische und atheistische Weltanschauung zur Norm erheben.

Die Aufgabe der Kirchen

Die Weichenstellung in Richtung einer weiteren Entwicklung von religiöser Vielfalt ist erfolgt. Migration, religiöse Globalisierung und das Sendungsbewusstsein der nichtchristlichen Religionen verstärken religiöse und weltanschauliche Pluralisierungsprozesse. Religionsfreiheit und Religionsvielfalt sind auch die Folge des christlichen Glaubens und der Christentumsgeschichte. Denn die christliche Glaubensüberzeugung, dass das Zeugnis des Evangeliums sich ohne weltliche Gewalt allein durch die einladende Verkündigung durchsetzt (sine vi humana, sed verbo), hat ihrerseits den gesellschaftlichen Pluralismus mit seiner Gewissensfreiheit und Religionsfreiheit vorbereitet. Allerdings lebt der religiöse Pluralismus einer demokratischen Kultur von gemeinsamen Werten und einem gemeinsamen Rechtsbewusstsein, dessen Bewahrung nicht automatisch geschieht und auch abhängig ist von den religiösen Verwurzelungen des Rechts und der Moral.

Religiöse Vielfalt schafft eine Vielfalt von Gesprächssituationen für das christliche Zeugnis. Der säkulare Zeitgenosse ist nur einer unter anderen. Noch vor wenigen Jahrzehnten sah es so aus, als sei er der einzige Partner im theologisch-hermeneutischen Diskurs. Die religiöse Gegenwartslage zeichnet sich dadurch aus, „dass die christlichen Konfessionskirchen zum ersten Mal seit der Spätantike wiederum mit der Anwesenheit pluraler Religionskulturen konfrontiert sind, mit denen sie im Hinblick auf die individuelle Wahl religiöser Einstellungen konkurrieren“.27 Die Folgerungen, die aus solcher Wahrnehmung gezogen werden, können sehr unterschiedlich sein.

Meines Erachtens kommt es im Kontext religiöser Vielfalt darauf an, das christliche Zeugnis erkennbar zur Sprache zu bringen. Zugleich fordert diese Situation dazu heraus, die unterschiedlichen religiösen Geltungs- und Wahrheitsansprüche aufeinander zu beziehen. Dialogfähigkeit setzt die Kenntnis des Eigenen voraus, das Beheimatetsein im christlichen Glauben, die Kenntnis und Wertschätzung der christlichen Tradition. Für das Gespräch der Religionen miteinander ist beides wichtig: Hörfähigkeit gegenüber anderen und Auskunftsfähigkeit im Blick auf die eigenen Glaubensgrundlagen. Verschmelzungswünsche und Harmonisierungsstrategien sind als Antwort auf die Situation religiöser Vielfalt ebenso untauglich wie fundamentalistische Abwehrreaktionen, die von starren Wahrnehmungsmustern ausgehen und vor allem an scharfen Abgrenzungen interessiert sind. Die neue Aufmerksamkeit für Religion und Religiosität erinnert die Kirchen an die Notwendigkeit ihrer eigenen religiösen Profilierung. Aus der Perspektive christlichen Glaubens hat die Unruhe des menschlichen Herzens, die Suche des Menschen nach Gerechtigkeit, Wahrheit und Sinn, ihren Grund in seiner Gottebenbildlichkeit. Der Mensch als Geschöpf Gottes bleibt darauf verwiesen, in das Gespräch mit seinem Schöpfer einzutreten. Die Liturgie der Kirche muss die Sehnsucht der Menschen wahrnehmen, aufgreifen und auf die christlichen Glaubenstraditionen beziehen. Der katholische Theologe Hans Waldenfels hat in seiner „Kontextuellen Fundamentaltheologie“ den Ort des Theologen mit dem eines Menschen an der Schwelle des Hauses, an der Tür, verglichen. Er hört die Argumente beider: derer, die im Hause sind, wie auch derer außerhalb des Hauses.28 Diejenigen, die sich an der apologetischen Arbeit der christlichen Kirchen beteiligen, werden diesen Ort immer wieder aufsuchen. Anders kann es nicht zur Antwort des Glaubens kommen und keine Beteiligung am missionarischen Auftrag der Kirchen geben.

Anmerkungen

1 Ordnung der EZW vom 3.7.1964, dokumentiert in: Matthias Pöhlmann / Hans-Jürgen Ruppert / Reinhard Hempelmann, Die EZW im Zug der Zeit, EZW-Texte 154, Berlin 2000, 83.
2 Ordnung der EZW vom 3.7.1964, Neufassung vom 10.5.1996, dokumentiert ebd., 86.
3 Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, im Auftrag der Kirchenleitung der VELKD hg. von Hans Krech / Matthias Kleiminger, Gütersloh 62006.
4 Die EZW im Zug der Zeit, ebd., 19.
5 Kurt Hutten, Die Presse als Kanzel, Stuttgart 1976.
6 Kurt Hutten, Seher, Grübler, Enthusiasten. Das Buch der traditionellen Sekten und religiösen Sonderbewegungen, Stuttgart 121982.
7 Kurt Hutten, Seher, Grübler, Enthusiasten. Sekten und religiöse Sondergemeinschaften der Gegenwart, Stuttgart 31953, 5f.
8 Kurt Hutten, Die Glaubenswelt des Sektierers. Anspruch und Tragödie, Hamburg 1962, 24.
9 Kurt Hutten, Seher, Grübler, Enthusiasten, a.a.O. (1953), 6.
10 Kurt Hutten, Die Glaubenswelt des Sektierers, a.a.O., 117.
11 Kurt Hutten, Sehnsucht nach der Überwelt. Protestbewegungen gegen den Säkularismus, EZW-Information Nr. 11, Stuttgart 1964, 3. Der Begriff des Säkularismus wird reflektiert verwendet, in Unterscheidung zur Säkularisierung und Säkularisation und in Anknüpfung an George J. Holyoake, der den Begriff 1846 definierte als „Versuch, eine autonome Dimension der Erkenntnis zu schaffen, völlig gereinigt von übernatürlichen, den Glauben einschließenden Voraussetzungen“ (ebd., 1).
12 Ebd., 3ff.
13 Kurt Hutten, Die weltanschaulich-religiöse Lage der Gegenwart, EZW-Information Nr. 10, Stuttgart 1964, 5.
14 Helmut Aichelin, Abschied von der Aufklärung. Zu den Anzeichen einer neuen Religiosität, EZW-Information Nr. 44, Stuttgart 1970, 15.
15 Interview mit Reinhart Hummel, in: MD 5/1995, 137.
16 Ebd., 134f.
17 Reinhart Hummel, Religiöser Pluralismus oder christliches Abendland?, Darmstadt 1994, 133.
18 Michael Nüchtern, Die Weihe des Profanen, in: Reinhard Hempelmann u. a. (Hg.), Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Gütersloh 22005, 94.
19 Ebd., 94f.
20 Thomas Luckmann, Religiöse Strukturen in der säkularisierten Gesellschaft, EZW-Information Nr. 12, Stuttgart 1964, 15.
21 Thomas Luckmann, Die unsichtbare Religion, Frankfurt a. M. 21993.
22 Heinz Zahrnt, Neu nachdenken über Gott. Überlegungen zur Theologie nach dem Tode Gottes, EZW-Information Nr. 33, Stuttgart 1968, 9f.
23 Theologie in der Spannung zwischen Wissenschaft und Bekenntnis, EZW-Impulse Nr. 7, Stuttgart 1973, 13.
24 Martin Riesebrodt, Protestantischer Fundamentalismus in den USA. Die religiöse Rechte im Zeitalter der elektronischen Medien, EZW-Information Nr. 102, Stuttgart 1987.
25 Ebd., 4.
26 Carl Heinz Ratschow, Rechtfertigung. Diakritisches Prinzip des Christentums im Verhältnis zu anderen Religionen, EZW-Information Nr. 96, Stuttgart 1985.
27 Darauf hat mit Recht bereits vor zwölf Jahren der Systematiker Falk Wagner hingewiesen: Gott – Ein Wort unserer Sprache?, in: Theo Faulhaber / Bernhard Stillfried (Hg.), Wenn Gott verloren geht. Die Zukunft des Glaubens in der säkularisierten Gesellschaft, Freiburg i.Br. / Basel / Wien 1998, 222.
28 Hans Waldenfels, Kontextuelle Fundamentaltheologie, Paderborn 1985, 87

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