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Materialdienst 6/2010
Lutz Lemhöfer

Satire zwischen religiösem und politischem Tabubruch

Was aus dem historischen Beispiel George Grosz zu lernen ist

Satire oder Blasphemie? Das gezeichnete Titelbild des Satiremagazins „Titanic“ vom 26. März 2010 hat in Zeiten von Missbrauchsvorwürfen für einen Eklat gesorgt. Es zeigt einen Priester, der vor einem Kruzifix kniet, an dem Christus mit hochrotem Kopf hängt. Verärgerte Bürger reagierten mit Drohanrufen und Strafanzeigen. Wie ist satirische Religionskritik generell einzuschätzen? An einem historischen Beispiel entwickelt der katholische Weltanschauungsexperte Lutz Lemhöfer kirchliche Beurteilungshilfen.


„Was darf Satire?“, hat einer der berühmtesten Publizisten des vorigen Jahrhunderts, Kurt Tucholsky, einst gefragt und gleich die Antwort gegeben: „Alles“. Juristisch stimmte das schon damals, in der Weimarer Republik, nicht. Es gab den Gotteslästerungsparagrafen im Strafgesetzbuch (§ 166), der damals so lautete: „Wer dadurch, daß er öffentlich in beschimpfenden Äußerungen Gott lästert, ein Ärgernis gibt, oder wer öffentlich eine der christlichen Kirchen oder eine andere mit Korporationsrechten innerhalb des Bundesgebietes bestehende Religionsgesellschaft oder ihre Einrichtungen oder Gebräuche beschimpft, desgleichen wer in einer Kirche oder an einem anderen zu religiösen Versammlungen bestimmten Orte beschimpfenden Unfug verübt, wird mit Gefängnis bis zu 3 Jahren bestraft.“1 Dieser Paragraf stand keineswegs nur auf dem Papier, er wurde gegen Kritiker von Kirche und Religion durchaus folgenreich angewendet. Der berühmteste Prozess dieser Art fand in insgesamt fünf Verhandlungen von 1928 bis 1931 statt: der Prozess um George Grosz’ Zeichnung „Christus mit der Gasmaske“. Ich möchte diesen im In- und Ausland heftig diskutierten Prozess zum Ausgangspunkt nehmen, um anhand des Gerichtsgutachtens des Katholiken Walter Dirks Maßstäbe zu entwickeln, wie satirische Religionskritik aus kirchlicher Sicht sinnvoll bewertet werden kann. Diese Maßstäbe taugen m. E. auch für die Gegenwart.2

Der Fall

Der Zeichner und Maler Georg Ehrenfried Groß (1893–1959), der sich aus Protest gegen deutschen Nationalismus und Militarismus seit 1916 amerikanisiert George Grosz nannte, gehörte zu den Berühmtheiten der linken Kulturszene im Berlin der Weimarer Republik.3 Einerseits wurde er zu den Dadaisten gezählt, andererseits war er mit seinen scharfen satirischen Darstellungen von Militär, Politik und feiner Gesellschaft („Das Gesicht der herrschenden Klasse“, so der Titel eines seiner bekanntesten Werke) ein außerordentlich bissiger Sozialkritiker mit Feder und Pinsel. Mehrfach hatte er dadurch den Staatsanwalt auf den Plan gerufen. Bereits 1921 wurde er wegen Beleidigung der Reichswehr in der Mappe „Gott mit uns“ zu einer Geldstrafe von 300 Reichsmark verurteilt. 1924 folgte die zweite Verurteilung wegen der Mappe „Ecce homo“ mit der Begründung „Angriff auf die öffentliche Moral“. Stein des Anstoßes waren drastische sexuelle Darstellungen.

1927/28 schließlich fertigte Grosz 300 Zeichnungen für einen Trickfilm an, der während der Aufführung des Stücks „Der brave Soldat Schwejk“ durch Erwin Piscator im Berliner Theater am Nollendorfplatz im Bühnenhintergrund gezeigt wurde. Man muss sich das wohl so vorstellen, dass die Zeichnungen jeweils kurz im Hintergrund der Theaterszene aufblitzten. „Hintergrund“ hieß denn auch die Mappe mit 17 Zeichnungen, die zusätzlich gedruckt im Malik-Verlag erschien. Grosz hat die Zeichnungen oder mindestens die Entwürfe offenbar teilweise während der Proben aufs Zeichenpapier geworfen. Der Regisseur der „Schwejk“-Aufführung, Erwin Piscator, erinnerte sich später: „Grosz saß neben mir. Plötzlich setzte er seinen Zeichenstift an. Es entstand ein Kreuz. Ich sehe es vor mir, wie im Nacherlebnis eines Traums: den unglaublich sicheren Duktus seiner Hand, die kristallklare Präzision, mit der sie den Stift über das Papier führte: einen Leib, einen gekrümmten Leib, Symbol des geschundenen Menschenkörpers. Christus. Plötzlich zieht Grosz ihm über die wunden Füße Soldatenstiefel, löst die linke Hand, reißt sie nach oben, gibt ihr ein zweites Kreuz. Das eine hatte bisher nicht ausgereicht. Warum also nicht ein zweites. Und dann: Über das Gesicht, über das zweitausend Jahre alte Leidensgesicht stülpt er eine Gasmaske. Christus mit der Gasmaske. Ein neuer Christus.“4

Von den Theaterbesuchern nahm keiner Anstoß, aber als die Grafik mit dem Untertitel „Maul halten und weiter dienen!“ gedruckt auf den Markt kam, schlug die Staatsanwaltschaft zu. Nicht etwa ein Kirchenvertreter, sondern der sozialdemokratische Polizeipräsident von Berlin hatte Anzeige erstattet und ließ drei Bilder beschlagnahmen: zwei Darstellungen geifernder Kriegsprediger und eben den Christus mit der Gasmaske. Die Begründung lautete: „Diese Zeichnungen allein und in Verbindung nebst der Unterschrift stellen öffentliche Beschimpfungen von Einrichtungen der christlichen Kirche (Christus-Verehrung, Predigtamt, Priestertum) im Sinne des Paragraphen 166 des Strafgesetzbuches dar:“5

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Anmerkungen

1 Zit. nach undatiertem Prozessbericht des „Berliner Tageblatts“ im Privatarchiv Walter Dirks.
2 Zur Thematik erschien 2009 der EZW-Text: Jan Badewien (Hg.), Religionsbeschimpfung. Freiheit der Kultur und Grenzen der Blasphemie, EZW-Texte 203, Berlin 2009.
3 Vgl. Uwe Schnede, George Grosz. Der Künstler in seiner Gesellschaft, Köln 1989.
4 Lothar Fischer, George Grosz mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek 1989, 97f.
5 Rosamunde Neugebauer von der Schulenburg, George Grosz, Macht und Ohnmacht satirischer Kunst, Berlin 1993, 148f.

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