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Materialdienst 9/2010
Lutz Lemhöfer

Ein gebrochener Held tritt ab

Eine Krimi-Reihe aus Schweden als weltanschauliche Momentaufnahme

Seit den Tagen des seligen Sherlock Holmes hat es vielleicht keine Krimi-Gestalt zu so viel Popularität gebracht wie ein mittelalter, mittelschwerer, leicht cholerischer Kommissar aus der schwedischen Provinz: Kurt Wallander, Polizist im südschwedischen Ystad, eine Erfindung des schwedischen Autors Henning Mankell. Von den Romanen, in denen er ermittelt, sind mittlerweile allein im deutschsprachigen Raum 17 Millionen Bücher und Hörbücher verkauft worden; 30 Millionen sollen es weltweit sein.1 Dabei hatte der Rowohlt-Verlag 1993 das erste Manuskript dieser Reihe zurückgewiesen. Ein knappes Jahr nach dem spektakulären Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen wollte man keinen Roman, in dem Asylbewerber als Mordverdächtige auftauchen und sich eine Bürgerwehr gründet. „Mörder ohne Gesicht“ erschien wenig beachtet im kleinen Berliner Verlag edition 9. Erst 1998, mit der Publikation von „Die fünfte Frau“ im Zsolnay-Verlag begann in Deutschland die steile, bis heute anhaltende Erfolgsgeschichte von Henning Mankell und Kurt Wallander.

Jetzt freilich ist die Reihe unwiderruflich zu Ende: Der gerade erschienene zehnte Band „Der Feind im Schatten“ ist der definitiv letzte um den scharfsinnigen Grantler aus der Provinz Schonen. Dabei ist das Ende nicht spektakulär, aber tragisch und nicht revidierbar. Kurt Wallander, mittlerweile über 60 Jahre alt, ist amtlich bereits zu Beginn auf Eis gelegt. Er hat bei einem Restaurant-Besuch seine Pistole liegen gelassen; das ist nicht nur hochgradig peinlich, sondern führt zu seiner Suspendierung, einer Auszeit, die Wallander noch durch Urlaub verlängert.

In dieser Zeit wird er privat in eine Ermittlung hineingezogen. Seine Tochter Linda, nach manchen Irrwegen jetzt selbst Polizistin, ist mit einem erfolgreichen jungen Banker liiert und erwartet ein Kind von ihm. Wallander wird zum 75. Geburtstag von dessen Vater eingeladen und fährt unwillig hin. Der „Schwiegervater“ seiner Tochter, ein ehemaliger U-Boot-Kommandant, wirkt unruhig und ist wenige Tage später verschwunden: Entführung? Mord? Mit militärischem Hintergrund? Wallander ermittelt privat und stößt auf ungeklärte Ereignisse der schwedischen Nachkriegsgeschichte: Mehr als einmal wurden zur Zeit des Kalten Krieges fremde U-Boote in den Hoheitsgewässern des neutralen Schwedens gesichtet. Der plötzlich zur Verwandtschaft zählende U-Boot-Kommandant war nah dran, aber geheimnisvolle Befehle von „ganz oben“ verhinderten die Aufklärung. Haben diese Gespenster der Vergangenheit mit dem Verschwinden des Mannes und der bald darauf entdeckten Ermordung seiner Ehefrau zu tun? Wallander lässt sich auf die – amtlich von anderen betriebene – Ermittlung ein und findet dank Glück und Intuition schließlich die Lösung.

Zugleich begegnet er in dieser verdichteten Zeit überraschend sehr realen Gespenstern aus seiner Vergangenheit: seiner mittlerweile dem Alkohol verfallenen früheren Ehefrau Mona oder auch der kurzzeitig heftig geliebten Baiba, einer Polizistenwitwe aus dem lettischen Riga. Außerdem lernt er im bald geborenen ersten Enkelkind Klara ein Stück Zukunft kennen, dem er sich mit Staunen nähert. Alles könnte trotz Rückschlägen gut werden, wenn nicht rätselhafte kurzzeitige Gedächtnisverluste ihn immer wieder aus der Bahn schleudern würden. Als er gegen Schluss plötzlich die erwartete und geliebte kleine Klara nicht mehr erkennt, wird schmerzhaft deutlich: Der geniale Ermittler sieht dem Dämmerzustand von Alzheimer entgegen – tragisch und zugleich denkbar unheldisch. Hätte man sich z. B. den alterslosen James Bond als zukünftigen Demenz-Patienten vorstellen können?

Antiheld und Kämpfer für Gerechtigkeit: Kurt Wallander

So sehr das Ende schmerzt, es passt zu Kurt Wallander, dem tapferen und gescheiten, aber auch übergewichtigen und misanthropischen Anti-Helden. In allen Romanen verkörpert er beides: den Mann von nebenan, mit privaten Sehnsüchten und Problemen, mit Licht und (mehr) Schatten in seinen privaten Beziehungen, und zugleich den zähen Kämpfer für die Gerechtigkeit, manchmal nah der Resignation, aber nie zynisch, dabei leidenschaftlich und schonungslos gegen sich und andere, wenn es gilt, ein Verbrechen aufzuklären.

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Anmerkung

1 Siehe www.schwedenkrimi.de/specials.

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