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Materialdienst 9/2010
Annette Kick

Endzeitliche Liebesströme

Eine Erweckungsversammlung von "Wort+Geist"

„Die herrlichen Auswirkungen der Anwesenheit Jesu Christi im Glaubenden warten darauf entdeckt zu werden. Für jeden Einzelnen steht ein neues Leben voll göttlicher Liebe, echter Freude und außergewöhnlicher Freiheit bereit.“ Mit diesen Worten wirbt im Internet die umstrittene neupfingstlich-charismatische Bewegung Wort+Geist, deren Zentrum sich im bayerischen Röhrnbach befindet. Mittlerweile gibt es im deutschsprachigen Raum rund 30 Gemeinden. Der MD berichtete bereits über die problematische Entwicklung der Bewegung um den „Völkerapostel“ Helmut Bauer (5/2009, 177ff; 9/2009, 348f). Die Weltanschauungsbeauftragte der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Annette Kick, hat eine Erweckungsversammlung der Stuttgarter Tochtergemeinde besucht und ihre Eindrücke niedergeschrieben. In einem zweiten Beitrag liefert sie einen Erklärungsversuch für die Suggestionskraft Bauers und die zunehmenden Radikalisierungstendenzen von Wort+Geist.


„Apostel“ Helmut Bauer und die Sängerin „Contessa“ sind für den 28./29.11.2009 bei einer Erweckungsveranstaltung im Wort+Geist-Zentrum Stuttgart angekündigt. Die „Stuttgarter“ Gemeinde hat ihren Sitz in einem alten Fabrikgebäude am Rande des 40 km von Stuttgart entfernten Ortes Kirchentellinsfurt. Geleitet von ihrem „Pastor“ Georg Karl war sie einst eine Tochtergemeinde der Biblischen Glaubens-Gemeinde Stuttgart und wurde erst vor einigen Jahren von Wort+Geist übernommen.

Etwa 250 Personen, altersmäßig sehr gemischt, strömen zum Fabrikgebäude. Innen bietet sich ein überraschendes Bild: Vom Treppenhaus an, über den Vorraum bis hinein in den Gottesdienstraum stehen gleich- und gemischtgeschlechtliche Paare, die sich in innigen Umarmungen befinden. Nur wenige, vermutlich Neulinge, sitzen auf den Stühlen. Die Mehrheit wird in einen Reigen von Umarmungen, Streicheln, Lachen, Küssen hineingenommen, begleitet von ohrenbetäubender Musik. Es handelt sich um einen intensiven Austausch von Zärtlichkeiten und innigen Blicken, der bei vielen in einer Art Verzückung endet: in Form von Zittern, Weinen, Lachen, Schwanken, gemeinsamem Zu-Boden-Gehen. Eine etwa 35-jährige, sehr aufgedreht wirkende Frau reiht eine innige Begegnung an die andere. Unter anderem umarmt sie abwechselnd einen ihr offenbar unbekannten Mann und seine Partnerin. Für eine Weile setzt sie sich jeweils auf ein Knie der beiden, wie ein Kind bei seinen Eltern. Selbst während der Predigt Bauers bietet diese Frau sehr eindrucksvolle Umarmungsschauspiele. Bauer sagt: „Ich habe heute Morgen auf dem Parkplatz eine Frau getroffen, die gestern schon da war. Sie sagte mir aber, dass es sie erst heute Morgen auf dem Parkplatz erwischt habe. Wo ist sie?“ Die Frau meldet sich mit lautem Lachen und stürzt sich in die nächsten Arme. Sie will sich wohl immer wieder bestätigen lassen, dass das mit dem Liebesstrom tatsächlich „funktioniert“.

Nach einer langen, mit lauter Musik untermalten Eingangsphase begrüßt „Pastor“ Karl die Gäste mit hysterischem Lachen und Stöhnen: „Ahhh, spürt ihr es? Schon gestern Abend war hier alles bis zum Rand mit Liebe ausgefüllt. Und heute soll es noch mehr werden, die Vollendung! Unvorstellbar!“ Allgemeines Schreien, Johlen, Lachanfälle. Endlich schreitet Bauer mit einem Tross von Begleitern durch den Raum, in Siegerpose. Viele stürzen ihm nach, versuchen ihn zu berühren. Schnell bildet sich ein Knäuel von etwa zwölf Personen, die ihn und einander während des nun folgenden Lobpreises unentwegt verzückt umarmen und streicheln. Schaut man auf diesen sich bewegenden Knäuel von glückselig lächelnden Gesichtern und innig sich umarmenden Körpern, fühlt man sich auf eine orgiastische Party versetzt. Musik und Liedtexte des Lobpreises stören diesen Eindruck nicht wesentlich. Denn sie transportieren keine Inhalte, nur eine wohlig erotisierte Stimmung: „Deine Liebe in mir“; das Du, der Geber dieser Liebe wird nicht besungen, dafür umso enthusiastischer die Wirkungen: Sie macht „stark“, „schön“, „frei“, „vollkommen“, „strahlend“, sie „fließt aus mir“. Contessa, die Sängerin der Lobpreisband, zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie während des Gottesdienstes immer wieder in extrem lautes, langes und schrilles Lachen ausbricht. Nach dem Lobpreis löst sich der Knäuel um Bauer allmählich auf. Eine Frau ist völlig versteift und muss zu ihrem Platz getragen werden. Da es nicht gelingt, sie auf ihren Stuhl zu setzen, wird sie einfach auf den Boden gelegt.

Aus dem sich auflösenden Knäuel ist nun das genüssliche Glucksen und Lachen von Bauer zu hören: „Ahhh, das ist ein Gottesdienst! Ganz anders als die Gottesdienste, in die man fröhlich hineingeht und depressiv herauskommt, diese Geisterdienste!“ „Ja, jetzt seid ihr gefüllt. Macht’s euch schön gemütlich. Dann komme ich mit dem Wort zu euch.“ Er lässt sich eine Bibel bringen und liest Phil 4,6: „Sorgt euch um nichts ...“ Von einer Auslegung des Verses oder gar des Zusammenhangs kann aber keine Rede sein.

Bauer wirkt gar nicht wie ein fanatischer Prediger. Seine ruhige, sonore Stimme, die bayerische Dialektfärbung, das fröhliche Lachen – nicht hysterisch oder aggressiv wie bei vielen seiner Nachahmer –, der einfache Wortschatz, die gemütliche Beleibtheit, auch eine gewisse erotische Ausstrahlung – all das vermittelt den Eindruck von einem Menschen, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht, dem man vertrauen kann. Er scheint das Leben in vollen Zügen zu genießen und verspricht allen ein ebenso schönes Leben. Die weltfremdesten Lehren klingen aus dem Mund eines solchen Mannes glaubhaft.

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