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Materialdienst 4/2010

Apostolische Gemeinschaften

Die Konfessionsgruppe der apostolischen Gemeinschaften versteht sich als Mittelweg zwischen katholisch-anglikanischer Kirche und Protestantismus. Diese Gemeinschaften betonen den apostolischen Dienst als urchristliches Amt und sehen darin ihren unverzichtbaren Beitrag zur Ökumene. Von der mitgliederstarken Neuapostolischen Kirche (NAK) haben sich im Laufe der Zeit mehrere kleinere apostolische Gemeinschaften abgespalten. Obwohl ihre Lehren sich in zentralen Punkten von der NAK unterscheiden, werden sie häufig mit dieser verwechselt. Vor dem Hintergrund der Entstehung und Weiterentwicklung der apostolischen Gemeinschaften werden die Unterschiede zwischen ihnen deutlicher.

Die Entstehung der apostolischen Gemeinschaften ist kompliziert. Für die zahlreichen Spaltungen sind theologische Gründe (Prophetentum, Wiederkunft Christi), unterschiedlich stark ausgeprägte Leitungshierarchien sowie persönliche Rivalitäten verantwortlich. Im Allgemeinen werden die im Folgenden dargestellten vier Hauptlinien unterschieden, in denen im 19. und 20. Jahrhundert durch Apostel und Propheten neue Gemeinden und Kirchen ins Leben gerufen wurden.

Katholisch-apostolische Gemeinden (KAG)

In Großbritannien wurden unter dem Einfluss einer schottischen endzeitlichen Erweckungsbewegung zwischen 1832 und 1835 zwölf Männer durch prophetische Worte als Apostel bezeichnet. Diesen wurde die Christenheit in zwölf Auftragsgebieten („Stämmen“) zugeteilt. Die Apostel sahen ihre Hauptaufgabe in der Einheit und Vollendung der Kirche. Sie wollten Christus bei seiner Wiederkunft die Kirche als „geschmückte Braut“ (Offb 21,2) entgegenführen. Die Wiederkunft Christi erwarteten sie noch zu ihren Lebzeiten. Auf Reisen in ihre Auftragsgebiete griffen sie die Traditionen der dortigen Kirchen auf und trugen das Wertvollste in einer eindrucksvollen Liturgie zusammen. 1836/1837 verfassten die zwölf Apostel ein „Testimonium“, in dem sie den gegenwärtigen Unglauben der Christenheit anprangerten und zur Umkehr aufriefen. Nur die apostolische Kirche vermittle und garantiere die Rettung in der Endzeit. Zum Wesen der Kirche gehören nach Meinung dieser Apostel vier von Christus eingesetzte Grundämter (Eph 4,11). Besonders dem Apostelamt maßen sie eine entscheidende ökumenische und eschatologische Bedeutung bei. 1847 wurde die apostolische Handauflegung („Versiegelung“) eingeführt, die zunächst nicht den Rang eines Sakramentes hatte und nur an erwachsenen Gemeindegliedern vollzogen wurde. Nach apostolischem Verständnis bekommen die getauften Gläubigen durch die Versiegelung die besondere Kraft des Heiligen Geistes und seine Gaben mitgeteilt.

Als im Laufe der Zeit immer mehr Apostel verstarben, ohne dass sich die Wiederkunft Christi ereignete, beschlossen die übrigen, ihren Irrtum bezüglich der Wiederkunft Christi einzugestehen und keine neuen Apostel zu berufen. In Deutschland bestehen heute noch 60 Katholisch-apostolische Gemeinden mit ca. 3000 Mitgliedern. Die Gottesdienste werden von Diakonen oder Laienhelfern gehalten. Für den Empfang der Sakramente und alle Amtshandlungen halten die Mitglieder sich an Gemeinden anderer christlicher Bekenntnisse in der Nähe ihres Wohnsitzes, an deren kirchlichem Leben sie oft aktiv teilnehmen.

Die Neuapostolische Kirche (NAK)

Die Apostel der Katholisch-apostolischen Gemeinden lehnten die Neuberufung von Aposteln ab und trafen die Entscheidung, die Bewegung „auslaufen“ zu lassen. Der Berliner „Prophet“ Heinrich Geyer (1811-1896), einer der damals bekanntesten und wichtigsten Amtsträger der KAG in Deutschland, war damit nicht einverstanden. Er berief 1860 während einer Apostelversammlung zunächst heimlich zwei neue Apostel, die jedoch vom Apostelkollegium nicht anerkannt wurden. Die eigenmächtigen Berufungen und weitere Lehrkonflikte führten später zum Ausschluss Geyers aus den KAG. Im Jahr 1863 gründete er eine eigene apostolische Gemeinde.

Einer der ersten neuen deutschen Apostel war Friedrich Wilhelm Schwarz (1815-1895), unter dessen Einfluss sich diese Gemeinde weiter von den Wurzeln der KAG entfernte, weil die ökumenische Einstellung zu anderen Konfessionen sowie die charismatischen Gaben zurückgedrängt wurden. Die reichhaltige, von den KAG übernommene Liturgie und die priesterlichen Gewänder wurden durch schlichte Formen ersetzt. Schwarz’ Nachfolger wurde Friedrich Krebs (1832-1905), der die Bedeutung der Bezeichnung „Stammapostel“ veränderte. In den KAG stand jeder Stammapostel einem Gebiet („Stamm“) vor. Krebs hob das Gleichheitsprinzip unter den Aposteln auf und zentralisierte die Bewegung auf sich hin. Seine Einführung in das Stammapostelamt neuer Prägung im Jahr 1897 kann als die Geburtsstunde der Neuapostolischen Kirche angesehen werden. Unter seinen Nachfolgern entwickelte sich die NAK zu einer der zahlenmäßig stärksten Religionsgemeinschaften im deutschsprachigen Raum.

Apostelamt Juda (AJ) und Apostelamt Jesu Christi (AJC)

Ein Merkmal aller apostolischen Gemeinschaften ist die baldige Erwartung der Wiederkunft Christi. Bisher haben sich aber alle getroffenen prophetischen Ankündigungen als falsch erwiesen. Deshalb sind auch andere Lösungswege eingeschlagen worden. Die zugespitzte Erwartung der Wiederkunft Christi ist dem Apostelamt Juda fremd. Nach Überzeugung dieser apostolischen Kleingruppe, die sich auch „Gemeinschaft des göttlichen Sozialismus“ nennt, ist die Wiederkunft Christi bereits geschehen. Christus sei in seinem Leib, in der Gemeinde, lebendig. Wegen dieser Überzeugung wurde 1902 der Zehdenicker Bezirksälteste Julius Fischer (1967-1923) aus der NAK ausgeschlossen. Kritisiert wurde weiterhin, dass er gesellschaftskritische Elemente in die Lehre mit aufgenommen hatte. Allerdings blieben die altkirchlichen Glaubensbekenntnisse und der lutherische Katechismus davon unberührt. Die Gemeinschaft ist heute überaltert und hat etwas mehr als 2000 Mitglieder.

Nach dem Tod Fischers im Jahr 1923 kam es zu Nachfolgestreitigkeiten. Dadurch entstand das Apostelamt Jesu Christi – es ist sozusagen ein „Enkelkind“ der NAK. Die lehrmäßigen Unterschiede zum AJ sind gering. Die Entwicklungen im Osten und im Westen Deutschlands verliefen unterschiedlich. Nach der Wiedervereinigung blieben zwei getrennte Kirchenhauptämter in Cottbus und Berlin mit insgesamt ca. 19000 Gemeindegliedern bestehen. Durch die besondere Situation der Kirchen in der DDR hatte sich das AJC (Ost) wieder auf die übrigen christlichen Kirchen zubewegt und war Gastmitglied in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der DDR geworden. Diese ging nach der Wiedervereinigung in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) auf. So wurde das AJC (Ost) die bisher einzige apostolische Gemeinschaft, die auf Bundesebene als Gastmitglied in der ACK mitarbeitet. Die Gemeinschaft hat heute ca. 2800 Mitglieder. 2006 kam es zu einer neuen Abspaltung. Die neu entstandene Alt-Apostolische Kirche machte die ökumenische Öffnung des AJC rückgängig und hat sich der südafrikanischen Old Apostolic Church angeschlossen.

Apostolische Gemeinschaft (AG)

1951 verkündigte der amtierende NAK-Stammapostel Johann Gottfried Bischoff im Alter von 83 Jahren die „Botschaft“, dass er nicht sterben werde, bevor Jesus komme und seine Auserwählten zu sich nähme. Diese zum Dogma erhobene Lehre verursachte erheblichen Wirbel und rief auch in den eigenen Reihen Kritik hervor. Wegen seines fortgesetzten Widerspruchs wurde der Stammapostelhelfer Peter Kuhlen, der eigentlich als Nachfolger Bischoffs vorgesehen war, 1955 sämtlicher Ämter enthoben und aus der NAK ausgeschlossen. Mit Kuhlen verließen etwa 10000 NAK-Gemeindemitglieder aus dem Apostelbezirk Düsseldorf ihre Kirche. Sie gründeten bald darauf eine eigene Kirche, die sich heute Apostolische Gemeinschaft nennt. Derzeit gehören ihr in Deutschland etwa 6000 Mitglieder in 79 Gemeinden an. In drei regionalen Arbeitsgemeinschaften Christlicher Kirchen (ACKs) ist die AG im Gaststatus vertreten.

Die AG ist Mitglied in der Vereinigung Apostolischer Gemeinden“ (VAG), die als Dachverband von vier europäischen (Niederlande, Schweiz, Frankreich, Deutschland = AG) und vier außereuropäischen (Australien, Südafrika, Indien, Philippinen) apostolischen Gemeinschaften fungiert.

Differenzierungen

Die KAG vertreten ein Selbstverständnis, das sich in seinen zentralen Punkten mit dem ökumenischen Verständnis deckt: Zum Leib Christi gehören alle im Namen des dreieinen Gottes getauften Christen, Glied am Leib Christi wird man durch diese Taufe, und jeder, der Jesus als seinen Herrn bekennt, hat den Heiligen Geist (1. Kor 12,3).

Bei der NAK haben sich auf dem Weg der Abgrenzung von den KAG wesentliche Veränderungen ergeben: ein soziologischer Wandel von vielen Akademikern bei den KAG zu Handwerkern und Angestellten bei der NAK, ein Verlust der ökumenischen Einstellung (die NAK als „exklusive Endzeitkirche“), die Einführung eines streng hierarchisch verstandenen Stammapostelamts und ein Wandel im Sakramentsverständnis. Die Taufe wird als „Anwartschaft zur Empfangnahme“ des Heiligen Geistes gesehen. Zur Erlangung der Gotteskindschaft ist nach Überzeugung der NAK die Versiegelung durch einen Apostel nötig, durch die der Heilige Geist gespendet werde. Seit einiger Zeit ist bei der NAK eine vorsichtige Öffnung gegenüber den ökumenischen Kirchen zu beobachten. Wohin diese Entwicklung führen wird, muss sich noch zeigen.

Seit den 1970er Jahren hat die AG Amts-, Kirchen- und Sakramentsverständnis theologisch neu ausgerichtet. Der Stammapostel wird als oberstes Leitungs- und Lehramt anerkannt, der jedoch nicht heilsnotwendige Bedeutung innehat. Die Mitgliedschaft wird durch einen Beitritt erklärt und ist nur von der Taufe und nicht mehr, wie früher, von der Versiegelung abhängig. Auch die VAG kennt neben der Taufe und dem Abendmahl als drittes Sakrament die Versiegelung. Sie wird allerdings seit 2005 nicht mehr an Kindern durchgeführt, sondern wie die evangelische Konfirmation im jugendlichen Alter. Außerdem ist sie – ein Novum in apostolischen Gemeinden – nicht mehr an das Apostelamt gebunden. In der VAG dienen Sakramente der Heilsverkündigung, nicht der Heilsvermittlung. Das Heil kommt nach diesem Verständnis aus dem Glauben, nicht aus dem Vollzug der Sakramente. Seit 2004 können auch Frauen in kirchliche Ämter ordiniert werden. Die VAG hat in ihrer erst 55-jährigen Geschichte einen starken Veränderungsprozess durchlaufen, der von dem katholisch-anglikanischen Erbe über ein exklusives, fundamentalistisches Glaubensverständnis in neuapostolischem Sinn zu einer eher protestantisch geprägten Gemeinschaft führte.

Quellen

Neuapostolische Kirche International (Hg.), Fragen und Antworten über den neuapostolischen Glauben, Zürich 1992
Trubach, Horst (Hg.), Was glauben die anderen? 27 Selbstdarstellungen, 41993
Vereinigung Apostolischer Gemeinden (Hg.), Was wir glauben, Bd. 1, Zürich 1984
Vereinigung Apostolischer Gemeinden (Hg.), Was wir glauben, Bd. 2, Flamatt 1990
Vereinigung der Apostel der apostolischen Gemeinden (Hg.), Sakramente in apostolischen Gemeinden, Düsseldorf 2005
Zeitschrift: Der Herold. Monatsschrift der Vereinigung der Apostolischen Gemeinden, seit 1954, 56. Jahrgang 2010

Sekundärliteratur

Fincke, Andreas, Die Neuapostolische Kirche, in: Panorama der neuen Religiosität, Gütersloh 22005, 522-533
Hutten, Kurt, Seher, Grübler, Enthusiasten, Stuttgart 151997, 497-512
Krech, Hans / Kleiminger, Matthias (Hg.), Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, Gütersloh 62006, 262-271, 347-367
Lieberth, Detlef, Die Apostolische Gemeinschaft. Geschichte, Identität, Wandlungsprozesse, in: Raedel, Christoph (Hg.), Jahrbuch für Freikirchenforschung 18, Wuppertal 2009, 239-246
Obst, Helmut, Apostel und Propheten der Neuzeit, Göttingen 42000
Obst, Helmut, Apostelgemeinden, in: Gasper, Hans u. a. (Hg.), Lexikon christlicher Kirchen und Sondergemeinschaften, Freiburg i. Br. 2009, 51-53
Obst, Helmut / Cyranka, Daniel (Hg.), Was ist die Kirche? Das Selbstverständnis apostolischer Kirchen und Gemeinschaften als Kirche Jesu Christi, Halle 2005
Schröter, Johannes Albrecht, Die Katholisch-apostolischen Gemeinden in Deutschland und der Fall Geyer, Bielefeld 32004
Schröter, Johannes Albrecht, Katholisch-apostolische Gemeinden, in: Hans Gasper u. a. (Hg.), Lexikon christlicher Kirchen und Sondergemeinschaften, a.a.O., 130-131
Wissen, Volker, „Zur Freiheit berufen“. Ein Porträt der „Vereinigung Apostolischer Gemeinden (VAG)“ und ihrer Gliedkirchen, Remscheid 2008
Wissen, Volker, Theologische Entwicklungen der Vereinigung Apostolischer Gemeinden (VAG) von 1956 bis heute, Remscheid 2007

Internet

www.apostolic.de
www.apostolisch.de
www.apostelamt-jesu-christi.info
www.apostelamt-juda.de
www.apostolische-geschichte.de
www.herold.apostolisch.de

Michael Utsch

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