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Materialdienst 4/2010
Franz Winter

Starb Jesus in Japan?

Zur Tradition um ein japanisches "Jesus"-Grab

Das Schicksal aller bedeutenden Religionsgründer scheint zu sein, für die nachfolgenden Generationen zum Objekt aller erdenklichen Hypothesen und Interpretationen zu werden. Diese Beobachtung trifft auch auf Jesus zu, dessen Leben Gegenstand zahlreicher und vielfältiger Darstellungen wurde. Dabei kristallisierten sich zwei Bereiche heraus, die besonderes Interesse weckten. Zum einen bildeten sich Spekulationen um die biographische „Lücke im Leben Jesu“, da die neutestamentlichen Texte in ihrem Fokus auf die Schlussphase des Lebens die Zeit seiner Jugend und des Erwachsenwerdens aussparen und auch in Bezug auf seine frühe Kindheit nichts Wesentliches berichten. Es finden sich schon in der frühchristlichen Literatur einige Texte, die die neutestamentlichen Darstellungen ergänzen sollten (wie beispielsweise die „Kindheitsevangelien“ Jesu). Ein zweites Interessensfeld stellt der Kreuzestod dar, wobei die Frage nach einem möglichen Überleben thematisiert wurde. Hier bildeten sich schon in der Antike in gnostischen Kreisen diverse Spekulationen heraus, in denen unter anderem die Idee eines Stellvertreters am Kreuz eine Rolle spielte, die beispielsweise in das islamische Jesusbild einfloss.

Das Interesse einerseits an der Jugendzeit, andererseits an den Vorgängen rund um den Tod am Kreuz begegnen auch in der neuzeitlichen Diskussion um die Biographie Jesu, wobei insbesondere das 19. Jahrhundert einen idealen Nährboden für die Entstehung neuer Ansätze darstellte. Die massive Infragestellung der bislang allgemein akzeptierten Überlieferung in Bezug auf den Gründer des Christentums und nicht zuletzt der Impuls durch die Entdeckung der asiatischen Religionen provozierten neue Antworten auf die alten Fragen. Die bekannteste Ausprägung erfuhren diese Überlegungen in der so genannten „Jesus-in-Indien“-Tradition, die sich in vielfach geänderter Form in gut verkauften populärwissenschaftlichen Darstellungen bis in die jüngste Zeit immer noch großer Beliebtheit erfreut. Dabei steht der Gedanke einer Reise des jugendlichen Jesus nach Indien und seiner Ausbildung in allen möglichen religiösen Traditionen im Zentrum der Spekulationen.1 Als zweiter bis heute wirksamer Zweig der Spekulation erwies sich schließlich die These vom Aufenthalt Jesu in Indien (bzw. Kaschmir) nach seiner Kreuzigung, die im Wesentlichen auf den Begründer der islamischen Ahmadiyya-Bewegung, (Mirza) Ghulam Ahmad (1839-1908), zurückgeht. Beide Traditionen wurden immer wieder miteinander verwoben.

Die Jesus-in-Japan-Tradition

Neben der Jesus-in-Indien-Tradition gibt es nun eine weithin unbekannte, jedoch um nichts weniger interessante Variation dieser Thematik, die den Gründer des Christentums mit dem fernen Japan verbindet. Im Westen bekannt ist diese Neuauflage in erster Linie durch die Bemühungen eines kleinen Ortes im Norden der Hauptinsel Honshu, die Existenz eines „Jesus-Grabes“ für sich zu beanspruchen, das heute auch als willkommener möglicher Anziehungspunkt für Touristen beworben wird.2 Es geht um den kleinen Ort Shingo, früher Herai genannt, der in der Nähe der Großstadt Aomori liegt. Dort wird eine Grabstätte Jesu samt zugehörigem Museum gezeigt,3 und der Ort selbst bezeichnet sich als „Heimatdorf Jesu“.

Die Grundthese der Jesus-in-Japan-Tradition, die sich typologisch auf weite Strecken mit der Jesus-in-Indien-Tradition vergleichen lässt, kann folgendermaßen zusammengefasst werden: Jesus soll einen Gutteil seiner Jugendjahre in Japan verbracht haben und dort in religiösen Traditionen ausgebildet worden sein. Nach Japan sei er auch nach der Kreuzigung (bei der nicht er, sondern sein Bruder Isukiri gekreuzigt wurde) zurückgekehrt und im hohen Alter gestorben. Dort habe er eine Familie gegründet, deren Nachkommen noch in Shingo zu finden seien. Die älteste der drei Töchter Jesu (die er neben einem früh verstorbenen Sohn hatte) soll in die dort ansässige Sawaguchi-Familie eingeheiratet haben. Die Behauptungen sind seit den 1930er Jahren bekannt und stehen im Zusammenhang mit einer spezifischen Texttradition.

Propagierung einer überlegenen Kultur

Religionsgeschichtlich lassen sich die Angaben auf Spekulationen im Zusammenhang mit den sogenannten Takeuchi-Dokumenten zurückführen. Dabei handelt es sich um eine angeblich uralte Sammlung von Texten, die im Zentrum einer religiösen Bewegung namens Amatsukyo stehen. Deren Begründung ist mit der Person des Takeuchi Kiyomaro (1874-1965) zu verbinden, der als der wichtigste Ideenlieferant dieser Vorstellungen zu gelten hat. Er war Priester des „Koso Kotai Jingu“-Schreins, der sich ursprünglich in der Nähe von Shinmei (in der Präfektur Toyama) befand und heute in Isohara (in der Präfektur Ibaraki) gelegen ist. Wichtigster Inhalt der von der Bewegung propagierten Lehre ist der Gedanke der absoluten Überlegenheit Japans über alle Nationen und der Anspruch, dass der japanische Tenno nicht nur der Herrscher über Japan, sondern über die ganze Welt sei. Die Bewegung erfuhr trotz ihrer Attraktivität für hohe Militärs und nationalistisch orientierte Adelige und ihrer Orientierung am Tenno in der restriktiven Zeit der 1920er und 1930er Jahre zum Teil massive Verfolgungen. Takeuchi Kiyomaro wurde mit anderen Mitgliedern 1936 wegen Majestätsbeleidigung eingesperrt. Die Gruppe organisierte sich nach dem Zweiten Weltkrieg neu, wurde aber 1950 als ultranationalistische Bewegung aufgelöst. 1952 schließlich erfuhr sie als „Koso Kotai Jingu Amatsukyo“ eine Wiederauflage und wurde ins staatliche Register der Religionsgemeinschaften eingetragen. Die Bewegung organisiert sich in erster Linie im Kontext des schon genannten Schreins und propagiert die Inhalte der Takeuchi-Texte weiter. Die Nachfolge des 1965 verstorbenen Takeuchi Kiyomaro übernahm dessen Sohn.4 Die Originale der Takeuchi-Dokumente und auch die zentralen Verehrungsgegenstände sollen im Zuge der staatlichen Verfolgungen konfisziert und schließlich im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen sein.

Die Texte stellen die ausführliche Legitimation des angesprochenen Anspruchs dar und können als die zentrale Referenzschrift der Gruppe angesehen werden.

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Anmerkungen

1 Im deutschen Sprachraum wurde insbesondere Anfang der 1980er Jahre in diese Richtung publiziert. Vgl. dazu die Angabenin meinem Artikel „Das Neue Testament, der Buddhismus und der ‚arische Mythos’“, in MD 8/2008, bes. 313f; dort auch weiterführende Literatur.
2 Vgl. z. B. Hans H. Krüger, Liegt Jesus in Herai begraben?, in: Wiener Zeitung vom 18.11.2005 (www.wienerzeitung.at), oder Duncan Bartlett, The Japanese Jesus trail, BBC-News vom 9.9.2006 (http://news.bbc.co.uk).
3 Eine Beschreibung mit viel Bildmaterial findet sich auf www.zetetique.org/herai_en.html.
4 Vgl. die Angaben in der Encyclopedia of Shinto, Artikel „Koso Kotai Jingu Amatsukyo“ (http://eos.kokugakuin.ac.jp/modules/xwords/entry.php?entryID=615). Dort findet sich auch ein Photo des Eingangsbereichs des Schreins. Dieser ist jedoch für Besucher nicht geöffnet, wie überhaupt der Zugang zu Vertretern der Amatsukyo schwierig zu sein scheint (persönliche Mitteilung von Peter Knecht, Nagoya).

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