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Materialdienst 3/2016
Harald Lamprecht

Die inoffizielle Wahrheit

Warum sind Verschwörungstheorien attraktiv?

Sind die weißen Streifen am blauen Himmel, die hinter Flugzeugen aufscheinen, wirklich nur harmlose Kondensstreifen, oder werden dort heimlich Chemikalien versprüht? Wurden die Anschläge am 11. September 2001 wirklich von islamistischen Terroristen begangen? Oder haben da die Geheimdienste mitgemischt? Waren die Amerikaner tatsächlich auf dem Mond, oder sind die Bilder in einem Filmstudio entstanden? Ist der Klimawandel nur eine große Propagandalüge? Gibt es am Südpol noch geheime unterirdische Militärbasen des Nazireiches, die das Kriegsende verpasst haben? Verschwörungstheorien sind populär. Sie erfreuen sich der Akzeptanz in wachsenden Bevölkerungskreisen – mit weitreichenden negativen Folgen für die Gesellschaft.

Wesen und Struktur

Der Blick hinter die Kulissen

Die Grundaussagen einer jeden Verschwörungstheorie lauten kurz gefasst: 1. Die Wirklichkeit ist anders, als sie erscheint. Misstraue der offiziellen Darstellung. 2. Es gibt eine kleine, aber einflussreiche Gruppe, die im Hintergrund die Fäden zieht, selbst aber unerkannt bleiben möchte. 3. Sie manipulieren bewusst die öffentliche Meinung, um ihre wahren Ziele zu verschleiern.

Diese Grundbausteine bestimmen alle Verschwörungstheorien, wobei der primäre Impuls zunächst in der Ablehnung der „offiziellen“ Darstellung zu Ereignissen und Zusammenhängen liegt, zu denen „alternative“ Sichtweisen angeboten werden. Insofern können Verschwörungstheoretiker mit dem Pathos der Kämpfer für Meinungsfreiheit auftreten, die einen Partisanenkampf gegen eine übermächtige Struktur zur Unterdrückung fremder Meinungen führen. Eine solche Akzentuierung kann auch dort wohlwollende Aufmerksamkeit verschaffen, wo die vertretenen Inhalte eher abstrus erscheinen.

Die Frage nach den Verschwörern und ihrem Wesen bleibt demgegenüber eher im Hintergrund. Sie ist auch das schwächere Glied in der Argumentationslogik, denn man müsste ja erklären können, wie eine solch kleine Gruppe zu solcher Macht gelangen konnte. Weil das nicht leicht ist, wird dieser Teil der Theorie oft weit weniger detailliert ausgefaltet und mehr in Andeutungen belassen, welche die Fantasie weiter ausschmücken darf. Stattdessen wird die Hauptenergie auf angebliche oder tatsächliche Widersprüchlichkeiten in der „offiziellen“ Wahrheit gelenkt. Die vorgeschlagenen Alternativen müssen genau betrachtet weder logischer noch widerspruchsfreier sein. Es genügt in den meisten Fällen, den Zweifel an der etablierten Darstellung zu säen. Ist das Vertrauen in die gängige Deutung erst einmal erschüttert, saugt das entstehende Erklärungsvakuum die Verschwörungstheorie wie von selbst in die Plausibilität – egal, ob sie es nun verdient oder nicht.


Hyperrational

Verschwörungstheorien sind nicht einfach irrational. Sie zeichnen sich im Gegenteil oft dadurch aus, dass sie eine bis ins Irreale gesteigerte Rationalität postulieren. Die Grundvoraussetzung, von der sie argumentativ ausgehen, besagt, dass die Wirklichkeit immer logisch ist und in strenger Determination abläuft. Alles, was geschieht, hat seinen Sinn und seinen Verursacher. Den gilt es zu erkennen. Dann erschließt sich auch die Logik hinter dem scheinbar Unlogischen. Es gibt also die Erwartung einer absolut lückenlosen logischen Geschlossenheit hinter allem Geschehen als Normalzustand. Zufall und Paradox werden aus der Weltgeschichte ebenso wie aus dem eigenen Leben per Definition ausgeschlossen. Wo sie dennoch auftreten, gilt dies als Beweis dafür, dass Verschwörer am Werk sind – denn diese machen auch Fehler. In dem Film „Matrix“ heißt es z. B., Déjà-vu-Erlebnisse seien Zeichen dafür, dass die Programmierer gerade etwas an der „Matrix“ ändern, welche eine perfekte Illusionswelt für die Menschen darstellt, die zu Lieferanten von Bioenergie versklavt wurden.


Gute und Böse

Der große Erklärungswert von Verschwörungstheorien besteht auch darin, dass sie die Welt sortieren und vereinfachen. Es gibt letztlich nur noch drei Bevölkerungsgruppen:

a) Die Verschwörer: Das ist die kleine Gruppe geheimer Drahtzieher hinter allem Weltgeschehen. Deren Benennung richtet sich nach dem jeweils vertretenen Feindbild (Juden, Freimaurer, Pharmakonzerne, Regierung, Finanzkapital, Illuminaten u. Ä.). Unterscheidungen innerhalb der Gruppe in gute und böse Regierungsmitglieder sind in dem Konzept nicht vorgesehen. Verschwörer sind immer gleich böse. Die nehmen nur die besten Leute. Ebenso ist klar: Die Verschwörer sind getrieben von der Gier nach Macht. Andere Motive gibt es nicht oder sind bestenfalls vorgeschoben.

b) Die Unwissenden: Das ist die große Masse des Volkes. Sie werden von den Verschwörern dumm gehalten, beherrscht und manipuliert – und zwar so geschickt, dass sie es nicht bemerken und sich einbilden, sie hätten Freiheit und Demokratie. Stattdessen kontrollieren die Verschwörer letztlich alles, mindestens aber die öffentliche Meinungsäußerung.

c) Die Wissenden: Das ist die kleine Gruppe derjenigen, welche die Verschwörung erkannt und durchschaut haben. Sie bilden die Elite, zu der natürlich zuerst der Verschwörungstheoretiker selbst gehört sowie – sofern er welche hat – seine engsten Freunde. Weil sie für die Verschwörer gefährlich sind, werden sie hart verfolgt, und es wird versucht, sie mit Repressionsmaßnahmen mürbe zu klopfen. Das erklärt alle Konflikte mit Polizei und Justiz, welche diese aufrechten Kämpfer für die Wahrheit zu erdulden haben. Jedes Knöllchen fürs Falschparken kann so einen höheren Sinn bekommen. Die Wissenden bezeichnen sich auch als „Truther“, welche die eigentliche Wahrheit (engl. truth) hinter den Dingen zu erkennen meinen, und vernetzen sich konspirativ auf diversen Internetplattformen.

Mit dieser Einteilung in Gute und Böse ist die Welt eindeutig sortiert. Ambivalenzen und Zweifel, die das Leben unsicher machen könnten, entfallen angesichts der zwingenden Logik der Theorie.

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