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Materialdienst 3/2016

Helena Blavatsky

Helena Blavatsky (1831 – 1891) war die Gründerin der „Theosophie“ und wurde als „Stammutter der Esoterik“, als die „Sphinx des 19. Jahrhunderts“, aber auch als seine größte Scharlatanin bezeichnet. Damit sind ihre religionsgeschichtliche Bedeutung sowie Merkmale ihres Lebens, ihrer Persönlichkeit und ihrer Wirkung auf die Zeitgenossen angedeutet.

Reisen und Leben im Zeichen des Spiritismus

Helena Petrovna Blavatsky, die sich selbst gern HPB, in späteren Jahren auch „Madame“ nennen ließ, wurde als Tochter des deutsch-russischen Offiziers Peter von Hahn und der Schriftstellerin Helena von Fadejew am 12. August 1831 in der heutigen Ukraine geboren. Ihre Lebensbeschreibung steht unter dem Vorbehalt, dass viele Jahre davon in einem undurchdringlichen Netz aus Fakten und Fiktionen verborgen sind, das sie Jahrzehnte später eigenhändig durch autobiografische Schriften kunstvoll gewoben hat. Das Geheimnis, das die „Sphinx“ umwehte, ist wesentlich selbstgemacht.

Zuerst fiel das lesewütige, eigenwillige und fantasievoll fabulierende kleine Mädchen durch mediale Fähigkeiten auf, indem es per „automatischem Schreiben“ Briefe einer (keineswegs toten) Tekla Lebendorff produzierte. Das Leben des Kindes war zunächst durch berufliche Versetzungen des Vaters recht unstet. Später lebte sie beim Großvater, dem Gouverneur von Saratow, und lernte hier unter den Kalmücken den tibetischen Buddhismus kennen.

Schon früh war sie sich zum Leidwesen der Familie über ihre Ablehnung erotischer Liebe im Klaren. „In mir ist nichts von einer Frau“, sagte sie von sich selbst, „die Frau findet ihr Glück im Erwerb übernatürlicher Kräfte. Liebe ist nur ein böser Traum.“ Trotzdem heiratete die 17-Jährige 1848 den General Nikifor Blavatsky – jedoch nur, um kurz danach aus der Ehe auszubrechen und eine fast 25-jährige Reisetätigkeit aufzunehmen.

Über diese Zeit ist nichts Sicheres bekannt, weil Blavatsky alle Originaldokumente vernichtet hat. „Niemand sollte wissen, wo ich war.“ Die nach 1875 entstandenen Reiseschilderungen klingen fantastisch abenteuerlich. Sie erleidet Schiffbruch, tritt als Pianistin mal mit Clara Schumann, mal mit dem Royal Philharmonic Orchestra auf, arbeitet als Kunstreiterin und als Matrose; es folgen ein durch jenseitige Intervention abgewendeter Selbstmord und lebensbedrohliche Krankheiten; einem ungarischen Opernsänger rettet sie das Leben, mit Garibaldi kämpfend wird sie 1867 verwundet. Diese Schilderungen belegen zumindest, was die Sehnsuchtsorte und -rollen der Sucherin waren. Neben Europa habe sie jeweils längere Zeit in Nord-, Süd- und Mittelamerika, in Ägypten, Indien, Tibet und unter Indianern gelebt. Sie habe Voodoo studiert und sei mit den Mormonen nach Westen gezogen.

Von 1858 bis 1863 war sie, das ist belegt, bei ihrer Familie in Russland, wo sie mit spiritistischen Séancen lokale Prominenz erlangte; darauf folgten weitere zehn Reisejahre. Verifizierbar ist davon fast nichts, widerlegbar vieles, und HPB selbst äußerte sich später diplomatisch: „Erzählen? Ja, du liebe Zeit, genauso gut könnte ich Ihnen eine Reihe von Träumen erzählen, die ich in meiner Kindheit hatte“ (Ruppert, 6). Als ihre Schwester einmal nachhakt, ob sie gewisse Orte wirklich besucht habe, erwidert sie: „Ich bin mir meines Besuches nicht so sicher als des Sehens – natürlich sah ich sie“ (Ruppert 8).

Mit dem Tod des Vaters versiegt ihre Reisefinanzierung. Auf sich gestellt tritt Blavatsky in ihre entscheidende Lebensphase ein, als sie sich 1873 in New York niederlässt. Hier beginnt ihre literarisch-philosophische Schaffensperiode. Schon ab 1863 hat sie sich schrittweise zwar nicht von der spiritistischen Praxis, wohl aber von der Theorie entfernt. Sie spürte, dass es sich nicht um Kommunikation mit Totengeistern, sondern um Manifestationen eines ihr innewohnenden (männlichen) zweiten Selbst handelt. Trotzdem wird sie sich noch lange spektakulär als spiritistisches Medium eines Geistes namens „John King“ betätigen. In der spiritistischen Bewegung trifft sie in New York den engsten Gefährten ihrer entscheidenden letzten Lebensphase: Oberst Henry Steel Olcott (1832 – 1907).

Entstehung der Theosophie zwischen Ägypten und Indien

Die Begegnung mit Olcott intensiviert die Beschäftigung mit der kosmologischen Deutung spiritistischer Phänomene, die hinter deren spektakulärer Fassade nach letztem Sinn sucht. Nicht Tote, sondern ein höheres „Selbst“, später dann höhere „Meister“ sprechen zu ihr bzw. durch sie und geben Aufschluss über die tiefsten Geheimnisse der Welt – Okkultismus im eigentlichen Sinne.

Zur Förderung und Ergründung dieser neuen Erkenntnis gründen HPB und Oberst Olcott 1875 in New York die „Theosophische Gesellschaft“ (TG). Und plötzlich wird die bisher so unstet lebende Blavatsky von Arbeitswut gepackt. Ihr höheres, erleuchtetes Selbst bzw. ihre „Meister“ geben ihr in tagelangen Schreibmarathons ein magnum opus ein, mit dem sie schlagartig berühmt wird: Es ist die 1877 in zwei Bänden veröffentlichte, 1200 Seiten starke „Isis Unveiled“ (Entschleierte Isis). Das Werk beansprucht schon im Titel (Teil I Wissenschaft und Teil II Religion/Theologie) die Lösung eines Problems, das den Okkultismus seit der Aufklärung beschäftigte, nämlich eine Verbindung von Religion und Wissenschaft herzustellen, ja beide zu überbieten, ein „Generalschlüssel zu den Mysterien der alten und modernen Wissenschaft und Theologie“ zu sein. Es traf den Nerv einer Zeit, in der die Evolutionslehre die Einzigartigkeit des Menschen und die plötzlich unübersehbare religiöse Vielfalt die Gewissheit des Christentums erschüttert hatten. „Zwischen den beiden aneinandergeratenen Titanen, Wissenschaft und Theologie, steht ein verwirrtes Publikum, das rasch allen Glauben an des Menschen persönliche Unsterblichkeit, an eine Gottheit, welcher Art auch immer, verliert und schnell auf die Ebenen rein tierischer Existenz absinkt. So ist das Bild zur Stunde“ (Isis Unveiled, zit. nach Botheroyd, 39). Das Werk propagiert zwei bis heute gültige esoterische Grundprinzipien: a) eine auf Reinkarnation beruhende universale Weltentwicklungstheorie, also eine ins Kosmische gesteigerte Evolutionslehre, und b) eine universale Urweisheit, einen Kern aller Religionen, Philosophien und Wissenschaften der Menschheitsgeschichte. HPB fand beide Erkenntnisse im alten Ägypten. Die Autorin bzw. „Schreiberin“ bezeichnete das Werk später selbst als verworren und unstrukturiert, eine Einschätzung, der nicht zu widersprechen ist.

1879 – die öffentliche Ablehnung nahm zu, denn ihre spiritistischen Vorführungen wurden bisweilen als Tricks entlarvt – verließ Blavatsky Amerika und reiste mit Olcott nach Indien, wo die TG sich mit reformhindustischen Strömungen verband, die Lehre systematisierte und ihr bis heute bestehendes Hauptquartier in Adyar bei Madras bezog.

Nun übernehmen mehrere Geistwesen, „Mahatmas“ genannt, insbesondere „Koot Hoomi“ und „Morya“ das Kommando über die Wahrheitsvermittlung. Sie sind als materiell existente, aber nie direkt erscheinende Wesen nach Art buddhistischer Boddhisattvas zu denken. Diese Mahatmas sollen schon seit dem Beginn ihres Reiselebens mit Blavatsky in Kontakt gestanden haben. Unerklärt bleibt, warum sie das erst jetzt publik macht (Noch in der „Isis“ war der Geist „John King“ entscheidend gewesen). Koot Hoomi und Morya kommunizieren brieflich, bisweilen sogar mit Telegrammen, und beantworten Anfragen. Diese Briefe de- und rematerialisieren sich in einem speziellen Schrank in Blavatskys Haus. Obwohl die TG in Indien aufblüht, kommt es im Zusammenhang dieser „Meisterbriefe“, wie oft in HPBs Leben, bald zu Betrugsvorwürfen. Zuerst erhält Koot Hoomi über „astrale Radio-Wellen“ (Blavatsky) Textpassagen aus dem Buch eines amerikanischen Okkultisten und gibt sie versehentlich ohne Quellenangabe als eigene Worte aus. Und 1884 wird durch Verrat aus HPBs direktem Umfeld bekannt, dass der Postschrank eine offene Rückseite hat. Eine offizielle Untersuchung der britischen „Society for Psychical Research“, die sich der wissenschaftlichen Untersuchung parapsychologischer Phänomene widmete, brandmarkt Blavatsky als Betrügerin,1 der TG laufen die Mitglieder davon und die skandalumwitterte Gründerin verlässt 1884 überstürzt Indien, um nie zurückzukehren. Sie lässt sich bis zu ihrem Tod in Europa nieder.

Nachwirkung und Vermächtnis: „Die Geheimlehre“

Ungebrochen machte sich HPB hier erneut ans Werk und produzierte in kurzer Zeit ihr zweites Hauptwerk „The Secret Doctrine“ (1888, „Die Geheimlehre“), laut Untertitel eine „Synthese von Wissenschaft, Religion und Philosophie“. Auch dieses Buch soll ihr von den Mahatmas (diesmal aber nur geistig) eingegeben worden bzw. eine kommentierende Übersetzung eines unbekannten „Buches Dzyan“ sein. Die Mahatmas greifen freilich in vielen Passagen wörtlich auf die okkulte Literatur zurück. Schon der Entschleierten Isis hatte man nachgewiesen, dass tausende Textstellen aus okkulten Schriften stammten (Coleman). Selbst wenn, was sich nahelegt, HPB heimlich Unmengen okkulter Literatur verarbeitete und kondensierte, ist ihre Leistung angesichts ihres Mangels an formaler Bildung bemerkenswert. Man muss auch von einer Mitautorschaft Olcotts ausgehen. Nun wird die Urweisheit nicht mehr in Ägypten, sondern in den Philosophien des Ostens verortet. Unverändert jedoch bleiben die Grundaussagen und der Anspruch, mit der „Wahrheit“ alle existierenden Religionen und Wissenschaften zu überbieten. Auch die „Geheimlehre“ wird ein Erfolgsbuch und verhindert, dass die TG nach den indischen Skandalen untergeht.

Auffällig wenig wird von einer spirituellen Praxis Blavatskys und ihrer Anhänger berichtet. Abgesehen von spiritistischen Séancen fehlt es an kultischen oder meditativen Vollzügen. Versuche mit Ritualmagie zu Beginn der TG wurden bald wegen Erfolglosigkeit eingestellt. In späteren Jahren propagierte man (einen durch die Brille des mesmeristischen Magnetismus gelesenen) Yoga als Meditationsübung, doch daraus wurde nie eine geordnete Übung der Anhänger. Auch über eine etwaige meditative Praxis Blavatskys ist wenig überliefert. Die stark übergewichtige Frau hat eher tagelang im Bett sitzend und kettenrauchend geschrieben, derweil andere ihre Texte redigierten und die TG organisierten. Manche ihrer Gastgeber, Geheimnisse und spiritistische Mirakel erhoffend, äußerten sich enttäuscht über die Banalität ihres Alltags. Selbst Freunde und Familie beschreiben sie – neben ihrer mystisch-suchenden Seite – als launischen, streitsüchtigen und oft herrischen Charakter. Sie war bei allem Geltungsdrang für eine religiöse Massenverehrung als spirituelle Meisterin ungeeignet. Ihre Theosophie war insgesamt eher von einer ungeordneten Gelehrsamkeit als von lebendiger Spiritualität geprägt. Die wiederholten Phasen des Mitgliederschwunds der TG waren neben den Betrügereien auch diesem Praxisdefizit geschuldet.

Wie alle derartigen Versuche hat auch die Theosophie keine Vereinigung der bestehenden Religionen gefördert, sondern ihnen lediglich weitere hinzugefügt. Die TG spaltete sich schon zu Lebzeiten Blavatskys mehrfach. In diesen organisatorischen Nachfolgern wird ihre Lehre heute dogmatisiert und sie selbst teils kultisch verehrt. Obwohl Blavatsky gegenüber dem Christentum immer kritisch war, sind sogar christlich-theistische Theosophenschulen entstanden. Eine Randerscheinung war nach 1900 die „Ariosophie“, die aus theosophischen Elementen eine germanische Rassenideologie formte. Wirkmächtiger wurde Rudolf Steiners Anthroposophie. Er hatte seine okkulte Laufbahn als Vorsitzender der deutschen TG begonnen und die Theosophie ebenfalls in einer christlich anschlussfähigen Gestalt weiterentwickelt. Unter HPBs Nachfolgerin Annie Besant spielte die TG eine wichtige Rolle bei der indischen Unabhängigkeitsbewegung (Einfluss auf Nehru und Gandhi).

Am bedeutsamsten aber ist die ideengeschichtliche Nachwirkung in New Age und Esoterik. Die Popularisierung des Buddhismus und des Yoga im Westen, die Idee einer geistigen Evolution von Mensch und Menschheit, die monistische Integration von Wissenschaft und Religion, die Annahme eines allen Religionen gemeinsamen Ur-Kerns, die Faszination der „Weisheit des Ostens“ lassen sich alle zur Theosophie zurückverfolgen.
HPB starb am 8.5.1891 in London. Theosophen begehen den Todestag heute als „White Lotos Day“.

Anmerkung

1 Hodgson-Bericht 1885. Eine 1986 veröffentlichte Revision des Berichts durch die SPR wird von Anhängern als Rehabilitation interpretiert. Tatsächlich kritisiert diese nur die Voreingenommenheit seines Autors, ist aber keine Anerkennung der paranormalen Fähigkeiten Blavatskys.


Literatur

Baier, Karl: Meditation und Moderne. Bd.1, Würzburg 2009, 291-395
Blavatsky, Helena: Isis Unveiled. A Master-Key to the Mysteries of Ancient and Modern Science and Theology, 2 Bde., Pasadena 1972 (Erstveröff. 1877)
Blavatsky, Helena: The Secret Doctrine. The Synthesis of Science, Religion, and Philosophy, 2 Bde., Pasadena 1970 (Erstveröff. 1888), www.theosociety.org/pasadena/ts/tup-onl.htm#blavatsky (Blavatskys Schriften, engl.)
Bochinger, Christoph: „New Age“ und moderne Religion. Religionswissenschaftliche Analysen, Gütersloh 1994
Botheroyd, Sylvia (Hg.): Helena Petrowna Blavatsky. Theosophie und Geheimwissenschaft. Ausgewählte Werke, München 1995
Coleman, William Emmette: The Sources of Madame Blavatsky’s Writings, in: Vsevolod Sergyeevich Solovyoff: A Modern Priestess of Isis, London 1895, App.C, 353-366, www.blavatskyarchives.com/colemansources1895.htm
Cranston, Sylvia [Anita Atkins]: Leben und Werk der Helena Blavatsky. Begründerin der modernen Theosophie, Grafing 21995
Goodrick-Clarke, Nicholas (Hg.): Helena Blavatsky, Berkeley 2004
Die Mahatma-Briefe an A. P. Sinnett und A. O. Hume. In chronologischer Ordnung herausgegeben und kommentiert von Norbert Lauppert, 3 Bde., Adyar 21994
Sellon, Emily B./Weber, Renée: Theosophy and the Theosophical Society, in: Faivre, Antoine/Needleman, Jacob (Hg.): Modern Esoteric Spirituality, London 1992, 311-329
Ruppert, Hans-Jürgen: Helena Blavatsky – Stammutter der Esoterik. Nikolaj Roerich – Frieden durch Kultur, EZW-Texte 155, Berlin 2000
Wehr, Gerhard: Helena Petrovna Blavatsky. Eine moderne Sphinx, Dornach 2005

Kai Funkschmidt

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