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Materialdienst 2/2016
Jehovas Zeugen

Umzug der Weltzentrale

(Letzter Bericht: 1/2016, 24-26) Seit mehr als 100 Jahren haben die Zeugen Jehovas im New Yorker Stadtteil Brooklyn residiert. Im Dezember 2015 hat die Religionsgemeinschaft begonnen, mehrere Gebäude und Grundstücke zum Verkauf anzubieten. Jetzt sind begehrte Lagen im New Yorker Stadtteil Brooklyn zu erwerben. Von einem Anwesen mit fast 70000 Quadratmetern Nutzfläche bietet sich eine ungehinderte Sicht auf die Brooklyn-Bridge. Auf den Häuserblocks ist die 4,5 Meter hohe Leuchtschrift „Watchtower“ angebracht, mit der die „Wachtturm“-Zeitschrift beworben wird. Dieser für viele New Yorker vertraute Anblick wird nun nach dem Verkauf der Immobilien verschwinden.

Die Religionsgemeinschaft kaufte ihr Zentrum 1969 für drei Millionen Dollar von einem Pharmaunternehmen. Das Gebäude der Weltzentrale, ein nahgelegenes Wohnhaus und ein mehr als 12000 Quadratmeter großes Grundstück werden nun einzeln vom „Watchtower Real Estate Office“ zum Kauf angeboten. Rund eine Milliarde Dollar kann die Religionsgemeinschaft nach Schätzungen von Immobilienexperten erlösen.

In Vorbereitung auf den Umzug ihrer Zentrale nach Warwick, etwa eine Stunde nördlich von New York City, kaufte die Gemeinschaft bereits Hotels und andere Immobilien, um dort die zahlreichen Freiwilligen unterzubringen, die sich am Bau des neuen Zentrums beteiligen. Allerdings haben Anfang des Jahres Medienberichte über eine Kontaminierung des Baugrunds in Warwick aus einem früheren Nickelabbau für Unruhe gesorgt. Ob der Bauzeitplan eingehalten werden kann, scheint nun fraglich zu sein, weil erst Umweltgutachten erforderlich sind und die Verantwortlichen die Schäden beseitigen müssen.

Insider vermuten, dass die hohen Erlöse aus den Verkäufen zuerst dazu dienen werden, die finanziellen Probleme der Religionsgemeinschaft auszugleichen. Im Mai 2015 hat ein Mitglied der Leitenden Körperschaft bestätigt, dass es zwischen Ausgaben und Einnahmen der Wachtturmgesellschaft eine „erhebliche“ negative Differenz gebe. Empfindlich hohe Strafgelder für nachgewiesene Missbrauchsfälle dürften eine Ursache für den radikalen Sparkurs der Organisation sein. Hohe Einsparungen werden ab Januar 2016 durch die nur noch zweimonatliche Erscheinungsweise der Zeitschriften „Wachtturm“ und „Erwachet!“ erzielt. Die Führung der Religionsgemeinschaft sieht sich offensichtlich auch gezwungen, weitere Einsparungen vorzunehmen, vor allem bei hauptamtlichen Beschäftigten. Deshalb wurde überraschend die Abschaffung des Amts des Bezirksaufsehers verfügt. Den Betroffenen in den USA wurde bereits lapidar mitgeteilt, dass ihre Positionen gestrichen seien und sie nicht länger benötigt würden. Ebenso wurden Anfang des Jahres über 100 langjährige Bethel-Mitarbeiter in New York entlassen, denen nun zum Teil die Obdachlosigkeit droht. (Die in einem sogenannten Bethel – „Haus Gottes“ – lebenden „Vollzeitdiener“ erhalten freie Kost und Logis sowie ein Taschengeld.) Wie das Aussteiger-Portal jw.exit berichtet, befinden sich viele der Betroffenen in der Altersgruppe der 40- bis 50-Jährigen und sind ohne eigenen Wohnsitz und ohne berufliche Qualifikationen. Es wird kritisiert, die früher praktizierte Regel, dass die Organisation für diejenigen Mitarbeiter bis an ihr Lebensende sorgt, die auf mehr als 15 Jahre Dienst im Bethel zurückblicken können, sei nun hinfällig.

Auch eine andere Tatsache sorgt für Irritationen: Neben der neuen Weltzentrale in Warwick wird im britischen Chelmsford ein großes neues Zweigbüro errichtet. Kurz vor Weihnachten wurde an alle Versammlungen in Großbritannien und Irland ein eindringlicher Spendenbrief versandt, in dem die Mitglieder zu finanzieller Großzügigkeit angehalten wurden. In den Schreiben wird zugegeben, dass die Leitende Körperschaft zwar „die meisten Zweigbauprojekte annulliert oder reduziert hat, aber unser Projekt jetzt ohne jede Verzögerung weitergehen soll“. Auch dieses Schreiben weist auf die Finanzprobleme der Gemeinschaft hin. Und im Zweigbüro in Selters im Taunus fragt man sich besorgt: Benötigt Europa zwei Zweigbüros? Was wird aus dem Bethel im Taunus?

Michael Utsch

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