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Materialdienst 2/2016
Kai Funkschmidt

"Weiß er nicht, dass sie ihn umbringen werden?"

Frankreichs islamischer Antisemitismus

Mit Kippa in Paris

Vier Wochen nach den Terroranschlägen auf „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt im Januar 2015 spazierte der israelische Journalist Zvika Klein schweigend mit Kippa durch Paris. Ein Kollege mit versteckter Kamera und ein Leibwächter folgten unauffällig. Den Film veröffentlichte Klein am nächsten Tag bei der israelischen Tageszeitung Ma’ariv.1 Darin ist zu sehen, wie er beleidigt, bedroht und vor ihm ausgespuckt wird. Im Artikel beschreibt er weitere Reaktionen. Er wird angespuckt, und ein kleiner Junge sagt entgeistert zu seiner vollverschleierten Mutter: „Was macht er hier? Weiß er nicht, dass sie ihn umbringen werden?“ Als eine Gruppe sich anschickt, sie anzugreifen, flüchtet das Team.

Die meisten Reaktionen gab es in den von islamischen Einwanderern dominierten Stadtteilen der Pariser Banlieue. Zeitweise habe er sich hier gefühlt wie in Ramallah, rundherum wurde nur noch arabisch gesprochen und war nur arabische Kleidung zu sehen. Die Episode war schnell vergessen. Insbesondere jenseits der französischen Grenzen hatten schon vorher die toten Journalisten von „Charlie Hebdo“ viel mehr Aufmerksamkeit erweckt als die Morde im koscheren Supermarkt. Dabei illustrierte Kleins Aktion ein großes Problem: Mit der islamischen Einwanderung hat sich eine geradezu selbstverständliche und nicht selten gewaltbereite Form der Judenfeindschaft jenseits des Terrorismus verbreitet. Sie nimmt zu und wird weithin verdrängt.

Geschichte der islamisch-jüdischen Beziehungen

Der Islam hat von Anfang an eine Geschichte mit dem Judentum. Im Mittelalter lebten mehr Juden unter islamischer als unter christlicher Herrschaft, und dort lag das kulturelle und geistige Zentrum des Judentums. Jahrhundertelang war jüdisches Leben unter islamischer Herrschaft meist sicherer als unter christlicher, wobei diese Aussage naturgemäß nach Zeit und Ort differenziert werden kann. Juden waren wie alle religiösen Minderheiten bestimmten zeitüblichen Restriktionen unterworfen, konnten aber sicher leben. Anders als in Europa waren Juden in islamischen Regionen nur eine unbedeutende Minderheit unter vielen.

Die rare antijüdische Polemik in islamischen Schriften war meist das Werk zum Islam konvertierter Christen (und Juden), die eine christliche Judenfeindschaft mitbrachten. Ab dem 18. Jahrhundert berichten europäische Reisende regelmäßig von alltäglichen Demütigungen von Juden im Osmanischen Reich,2 aber noch immer waren organisierte Angriffe fast immer von Christen angestoßen und entstanden aus der Rivalität verschiedener Dhimmi-Gruppen.3 Bisweilen wirkten europäische Diplomaten dabei anstachelnd.

Erst im späten 19. Jahrhundert wurde diese Judenfeindschaft im Islam nach und nach inkulturiert. Nun diente die Idee einer jüdischen Weltverschwörung als Erklärung des eigenen Niedergangs.4 Die „Protokolle der Weisen von Zion“ und „Mein Kampf“ wurden früh ins Arabische übersetzt. Mit der Zeit wurden die „aus Europa importierten Bestandteile des Antisemitismus – der Rassismus und die Weltverschwörungstheorie – mit den antijüdischen Kernbeständen der islamischen Tradition und einer islamistisch inspirierten Koran-Auslegung verknüpft“5, d. h. nun aus den eigenen Glaubensgrundlagen begründet.

Mit der Gründung Israels 1948 gerieten erstmals Muslime unter jüdische Herrschaft, eines winzigen Volkes, das nie ein ernsthafter Gegner gewesen war. Diese narzisstische Kränkung machte den Nahostkonflikt zum Kristallisationspunkt islamischer Judenfeindschaft in aller Welt. Als 1968 eine UNESCO-Kommission 127 Schulbücher aus UN-Flüchtlingscamps im Nahen Osten untersuchte, empfahl sie, zwei Drittel wegen ihrer antijüdischen Propaganda sofort einzuziehen, weil hier Geschichte ausschließlich mit der Absicht gelehrt werde, „to convince young people that the Jewish people as a whole has always been and will always be the irreconcilable enemy of the Muslim community“6. Der Konflikt wurde nicht mehr politisch, sondern religiös begründet und in die islamische Frühzeit verlegt. Der UNESCO-Bericht wurde nie veröffentlicht, sondern kursierte nur als internes Dokument.

Judenhass wird heute in der gesamten arabischen Welt von Schulen, Universitäten, Medien und Regierungen verbreitet und beeinflusst auch die Muslime Europas. Die Auswirkungen lassen sich am Beispiel Frankreichs gut beobachten.

Die gegenwärtige Situation in Frankreich

In Frankreich leben etwa 500000 Juden (0,6 %) und fünf bis sechs Millionen überwiegend maghrebinische Muslime (8-10 %). Das ist jeweils die größte Gemeinde Europas. Die Mehrheit der Juden wurde seit 1945 aus Nordafrika nach Frankreich vertrieben.

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Anmerkungen

1 www.nrg.co.il/online/1/ART2/676/488.html (die in diesem Beitrag angegebenen Internetadressen wurden zuletzt abgerufen am 9.1.2016). Filmausschnitte auf YouTube.
2 Vgl. Lewis: Jews of Islam (1987), 164-168.
3 Ebd., 147.
4 Vgl. Heinisch/Scholz: Europa (2012), 136.
5 Küntzel: Islamischer Antisemitismus (2007), 41.
6 UNESCO Document 82 EX/8 Annex I „Commission on Textbooks Used in UNRWA/UNESCO schools, 22/11/1968)“ par.III, 4 (http://unesdoc.unesco.org/images/0000/000011/001186eb.pdf).
7 Offizielle Zählungen sind in Frankreich verboten. Zur Zusammensetzung des Islam vgl. L‘Islam dans la République (2000), 26.

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