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Materialdienst 1/2016
Reinhard Hempelmann

Verschärfungen des religiösen und weltanschaulichen Pluralismus

Der weltanschauliche Wandel in pluralistischen Gesellschaften lässt sich nicht mithilfe eines einzigen Mottos beschreiben. Bezeichnend ist vielmehr die Gleichzeitigkeit, das Nebeneinander unterschiedlicher Entwicklungen: fortschreitende Säkularisierung und „Rückkehr der Religionen“ (Martin Riesebrodt), Relativierung und Fundamentalisierung religiöser Wahrheit, Individualisierung und neue Gemeinschaftsbildung. Die religiös-weltanschauliche Gegenwartskultur ist gekennzeichnet durch gegenläufige Tendenzen:

• Kulturaustausch und Internationalisierungsprozesse führen dazu, dass Toleranz und Intoleranz gleichzeitig wachsen. Aus diesen Entwicklungen beziehen gleichermaßen kulturrelativistische Plädoyers wie auch die These von einem zu erwartenden Zusammenprall der Kulturen (Clash of Civilizations) ihre Plausibilität.1

• Fortschreitende Säkularisierungsprozesse kennzeichnen die weltanschauliche Situation. Andererseits hat sich das ereignet, was – reichlich unbestimmt – als „Respiritualisierung“ oder als „neue Aufmerksamkeit für Religion“ in der Moderne bzw. zweiten Moderne oder Postmoderne bezeichnet wird.2 Bereits nach 1968 – hier das Einschnittsdatum – spricht man vom Aufkommen neuer religiöser Bewegungen oder der Suche nach einer neuen Religiosität, die sich inhaltlich weithin an christlichen Orientierungen vorbei vollzieht. Zugleich tritt die vor allem durch Migrationsprozesse bedingte buddhistische und vor allem muslimische Präsenz zunehmend in das Licht der Öffentlichkeit.3

• Der Privatisierung des Religiösen stehen Prozesse der Popularisierung von Religion gegenüber. Zugleich breiten sich religiös-säkulare Mischphänomene aus. Der Spiritualitätsbegriff hat dabei eine Brückenfunktion. Religiöses wird säkular „verpackt“, beispielsweise als Entspannungstechnik oder Therapieangebot, oder Nichtreligiöses umgibt sich aus strategischen Gründen mit dem Schein des Religiösen.

• Einer Tendenz zur Ausbreitung naturalistischer Weltanschauungen in humanistischen und atheistischen Bewegungen steht der „wachsende politische Einfluss religiöser Orthodoxien“ gegenüber.4 In der heutigen Gesellschaft ist beides da: Religion in den verschiedensten Ausformungen und nicht weniger vielgestaltige Religionsdistanz und Religionskritik. Beides wird sichtbar: religiöses und pointiert antireligiöses Eiferertum.

• Im Blick auf religiöse Endgültigkeitsansprüche wird die Forderung nach Wahrheitsverzicht und Selbstrelativierung erhoben. Andererseits lässt sich im Kontext pluralistischer Gesellschaftssysteme eine intensive Suche nach Gewissheit beobachten. Die Kompliziertheit und „neue Unübersichtlichkeit“ des Lebens verstärkt die Suche nach Verbindlichkeit, Klarheit und Wahrheit.

• Religiöse Identitätssuche erfolgt in gegenläufigen Mustern: als Anpassung an Individualisierungsprozesse in Formen spirituellen Wanderns mit einem konsumorientierten, wenig organisierten und synkretistisch geprägten Religionsvollzug, aber auch als Protest gegen die moderne Individualisierung, als Ich-Aufgabe und Ich-Verzicht, u. a. in religiösen Gruppen, die von ihren Mitgliedern radikale Hingabe und ein genormtes Verhalten erwarten.

• Auch in den Diskursen zur aktuellen Flüchtlingskrise zeigen sich gegenläufige Reaktionen: Die bemerkenswerte Willkommenskultur wird kontrastiert von Bewegungen, die Ängste der Menschen für politische Zwecke instrumentalisieren, und von Brandanschlägen auf geplante oder gar bewohnte Asylbewerberheime.

Zur Signatur pluralistischer Gesellschaften gehört es, dass verschiedene religiöse und weltanschauliche Orientierungen gleichzeitig nebeneinander existieren. Sie divergieren in ihrer Ausrichtung und stehen in einem Verhältnis der Koexistenz und Konkurrenz.5 Mithilfe von Begriffen wie „Multioptionsgesellschaft“ (Peter Gross), „Erlebnisgesellschaft“ (Gerhard Schulze), „Säkulare Gesellschaft“ (Charles Taylor), „Einwanderungsgesellschaft“ werden charakteristische Entwicklungen zur Sprache gebracht, die sich alltagsbezogen veranschaulichen lassen. Religiöse Orientierungen werden von vielen auf individuellen Wegen gesucht und sind häufig mit einem Hunger nach erlebbarer Transzendenz verbunden. Außergewöhnliche Ergriffenheitserfahrungen sind gefragt. Mystik und Spiritualität bekommen einen wachsenden Stellenwert. Es kann und muss darüber gestritten werden, ob das mit Spiritualität Gemeinte zum Thema Religion oder zum Thema Säkularisierung gehört.

Die religiöse Landschaft und ihre Deutung

Religionssoziologen greifen vor allem auf drei Modelle zurück, um die religiös-weltanschauliche Situation der Gegenwart zu charakterisieren. Die Säkularisierungsthese geht davon aus, dass „Prozesse der Modernisierung einen letztlich negativen Einfluss auf die Stabilität und Vitalität von Religionsgemeinschaften, religiösen Praktiken und Überzeugungen ausüben“6. Die zentrale These besagt, dass in modernen Gesellschaften religiöse Bindungskräfte abnehmen und Prozesse einer zunehmenden Verdiesseitigung für das Leben vieler Menschen kennzeichnend sind. Die Individualisierungsthese richtet den Blick auf „die unsichtbare Religion“ („The Invisible Religion“), auf die Umformung traditioneller Kirchlichkeit in eine neue privatistisch, diesseitig und synkretistisch geprägte Religiosität.7 Die Aufmerksamkeit ist nicht auf den Verlust der Religion gerichtet, sondern auf den Wandel ihrer Ausdrucksformen. Das Individuum tritt als Sinnkonsument und Subjekt biografischer und religiöser Inszenierungen in den Vordergrund. Individuelle Religiosität und kirchliche Religion entkoppeln sich. Nicht die Kirchen entscheiden, in welcher Weise die Menschen religiös sind, „sondern die Bürger entscheiden, inwieweit die Kirchen ihre Religiosität mitformen können“8. Vertreter des ökonomischen Marktmodells gehen von der Annahme aus, dass religiöse Pluralisierungsprozesse keinen „negativen Effekt auf die Stabilität religiöser Gemeinschaften, Glaubensüberzeugungen und religiöser Praktiken ausüben“9. Sie sehen es umgekehrt: Je vielfältiger und pluralistischer der religiöse Markt sei, „desto mehr Konkurrenz herrsche zwischen den Anbietern“. Konkurrenz aber übe „einen stimulierenden Einfluss auf die Vitalität von Religionsgemeinschaften aus“10.

Die jeweiligen kritischen Einwände gegen die genannten Perspektiven zur Deutung der religiös-weltanschaulichen Gegenwartskultur sind naheliegend: Gegen die Säkularisierungsthese wird eingewandt, dass in säkularisierten Gesellschaften eine neue Aufmerksamkeit für Religion zu beobachten sei und sich Säkularisierung keineswegs als unausweichliche Folge von Modernisierungsprozessen ereigne. Im Blick auf die Individualisierungsthese wird kritisch bemerkt, dass Individualisierung an gesellschaftliche Vorgaben gebunden bleibe und nicht bedeute, dass das Individuum sich von der Gesellschaft löst. Gegenüber dem Marktmodell kann darauf hingewiesen werden, dass der Abbau religiöser Monopole keineswegs zwangsläufig zu einer Belebung von Religiosität und Kirchlichkeit führt. Die Diskussion der religionssoziologischen Modelle legt den Schluss nahe, dass die zentrale analytische Perspektive zum Verständnis der Gegenwartskultur mit dem Begriff des religiös-weltanschaulichen Pluralismus zum Ausdruck gebracht wird. Säkularisierungs- und Individualisierungstendenzen stellen zentrale Aspekte von Pluralisierungsprozessen dar.

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Anmerkungen

1 Vgl. Samuel P. Huntington, The Clash of Civilizations?, in: Foreign Affairs 72/3 (1993), 22-49, ausführlich: ders., Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München 2002; Bassam Tibi, Europa ohne Identität. Die Krise der multikulturellen Gesellschaft, München 2000.
2 Vgl. Hans Joas, Glaube als Option. Zukunftsmöglichkeiten des Christentums, Freiburg i. Br. 2012.
3 Vgl. dazu Reinhart Hummel, Religiöser Pluralismus oder christliches Abendland? Herausforderung an Kirche und Gesellschaft, Darmstadt 1994; Eilert Herms, Zusammenleben im Widerstreit der Weltanschauungen. Beiträge zur Sozialethik, Tübingen 2007.
4 So mit Recht Jürgen Habermas, Zwischen Naturalismus und Religion, Philosophische Aufsätze, Frankfurt a. M. 2005, 7.
5 Vgl. dazu Christoph Schwöbel, Christlicher Glaube im Pluralismus. Studien zu einer Theologie der Kultur, Tübingen 2003.
6 Detlef Pollack, Religion und Moderne: religionssoziologische Modelle, in: Tobias Mörschel, Macht Glaube Politik? Religion und Politik in Europa und Amerika, Göttingen 2006, 17-48, hier 19. Zum Ganzen vgl. auch Gert Pickel, Säkularisierung und Konfessionslosigkeit im vereinigten Deutschland, in: Reinhard Hempelmann/Hubertus Schönemann (Hg.), Glaubenskommunikation mit Konfessionslosen. Kirche im Gespräch mit Religionsdistanzierten und Indifferenten, EZW-Texte 226, Berlin 2012, 11-36.
7 Thomas Luckmann, Die unsichtbare Religion, Frankfurt a. M. 21993, 132.
8 Vgl. Paul Michael Zulehner, Auswahlchristen, in: Volkskirche – Gemeindekirche – Parakirche, Theologische Berichte 10, Zürich u. a. 1981, 109-137, hier 118.
9 Pollack, Religion und Moderne (s. Fußnote 6), 23.
10 Ebd.

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