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Materialdienst 12/2015
Kai Funkschmidt

Erlösung durch Ernährung

Veganismus als Ersatzreligion (Teil II)

Teil I des folgenden Beitrags erschien in MD 11/2015, 403-412.

Eine ganze Reihe von Merkmalen illustrieren, wie sich der Veganismus zu einer lebensbestimmenden religionsartigen Weltanschauung entwickeln kann.

Individuelles Heil und Heilung

Berichte von gesundheitlicher Erholung bis hin zu Wunderheilungen gehören seit dem 19. Jahrhundert zum Standardrepertoire der veganen Literatur. Fast alle Veganer berichten von einer Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit und Ausdauer sowie von Verbesserungen ihres körperlichen und geistigen Wohlbefindens – „wir [waren] seitdem nie mehr krank“1. Deswegen ist die Werbung mit Hochleistungssportlern so wichtig. Zwar fehlen, wie oben gesehen, für die gesundheitlichen Vorteile wissenschaftliche Belege, doch den Glauben ficht das nicht an.

Auch von Heilungswundern liest man immer wieder. So berichtet der vegane Koch Eric Lechasseur, seine Frau und er seien 1993 durch die Umstellung auf vegane Ernährung von Krebs bzw. von schweren Allergien geheilt worden.2 Noch viel optimistischer ist der vegane Kochbuchverleger Ralf Joest: „Seit Kurzem wissen wir, dass vegane Ernährung … den Alterungsprozess deutlich verlangsamt.“ Noch besser: „Im Moment laufen wissenschaftliche Tests, ob sich die Altersuhr sogar auf diese Weise zurückdrehen lässt, was, wissenschaftlich belegt, möglich und nachweisbar ist.“3 Demnach verhieße also der Veganismus dem Menschen sogar eine Annäherung an irdische Unsterblichkeit. Joest sagt nicht, welche wissenschaftlichen Studien seinen Optimismus begründen.

Universales Heil

Veganismus „macht Sie gesund, glücklich und zufrieden. Diese Idee rettet die Welt, sie beseitigt den Hunger und schafft Frieden“4, verspricht Jan Bredack, Gründer der Veganz-Supermärkte. Für Ethik-Veganer soll Veganismus durch die Reduktion bzw. Elimination der menschlichen Tiernutzung Klimarettung, Frieden, Umweltschutz, ein Ende des Hungers und ein Zeitalter weltweiter Harmonie für Tiere und Menschen herbeiführen. Der Esoterik-Veteran Rüdiger Dahlke nennt sein Werk zum Thema Veganismus dementsprechend „Peace Food“, womit er sowohl Weltfrieden als auch einen persönlichen Frieden für Leib und Seele meint. Es geht hierbei ums Ganze. „Wir wollen eine vegane Welt, keinen veganen Club!“5 Typisch ist die in veganen Foren verbreitete Fotomontage eines Titelblatts der Bild-Zeitung mit der Schlagzeile: „Endlich! Die Welt ist gerettet! 7 Milliarden Menschen ernähren sich vegan!“

Mit solchen Heilserwartungen korrespondiert in einer dualistischen Weltsicht die Deutung aller Weltprobleme als Auswirkungen des nichtveganen Lebens: „eine nichtvegane welt gefährdet eindeutig unseren gesamten planeten. dafür steht der raubbau im regenwald, der welthunger und die unfähigkeit der verteilung von lebensmitteln an alle menschen, die zerstörung unserer böden durch eine landwirtschaft, die lieber tierfuttermittel statt nahrung für alle menschen produziert […und] die todeszonen rund um die weltmeere sind ein produkt des nichtveganen konsums.“6

Bekehrung

Schon der Gründer des „Nazoräischen Urchristentums“,7 Carl Anders Skriver, sprach von der Entscheidung für ein veganes Leben als einem „Erwachen“. Bis heute erzählen Veganer ihre Entscheidung oft als Umkehr vom falschen zum richtigen Leben, nicht wenige können sie sogar nach Art evangelikaler Christen auf einen genauen Tag datieren. Die Lektüre von Jan Bredacks Autobiografie erinnert unwillkürlich an Augustins „Confessiones“: Es ist eine klassische Bekehrungsgeschichte, in der das vergangene Leben in den düstersten Farben geschildert werden muss, damit die Umkehr als echte 180-Grad-Wende absticht, die alles zum Guten wendet. Bredack war demnach früher rechtsextrem, feige, ein erfolgsverliebter Mercedesmanager und karriereversessener Egoist, der hemmungslos und gedankenlos konsumierte, Planet und Mitmensch ausbeutete. „Früher war Bredack selbst eine Art Priester und seine Glaubensrichtung der Kapitalismus.“8 Doch dann wird durch eine vegetarische Freundin sein Denken angeregt, und plötzlich verwandelt sich der Hedonist in einen Verkünder der neuen veganen Wahrheit.

Universaler Geltungsanspruch

Essen ist nicht länger nur eine ethische Fragestellung unter vielen anderen im Leben, sondern es ist die dominierende Frage schlechthin. Es geht um das richtige Leben. Darum ist das Ziel, alle Menschen zu Veganern zu machen. „Weltzukunftsplan“ nannte das die Vegane Gesellschaft Deutschland (VGD) am Eingang der ersten Veganfachmesse in Hamburg 2013. „Es ist nicht deine persönliche Entscheidung. Es ist der einzige Weg, dein Leben ethisch zu führen.“9 Und für die Nichtüberzeugten zitiert man gerne ein Bonmot Christian Morgensterns, das eine jenseitige Vergeltung androht: „Wehe den Menschen, wenn nur ein einziges Tier im Weltgericht sitzt.“

Damit gehen starke dualistische Tendenzen einher. „Laut dieser Vorstellung verteidigt und schützt eine Armee von Gerechten die Unschuldigen vor den Schuldigen.“10 Häufig vergleichen Veganer die heutige Tierhaltung mit Sklaverei und Holocaust (Patterson: „Eternal Treblinka“). Insbesondere Letzteres ist Standard im rhetorischen Arsenal des Veganismus. Man sieht sich also als Veganer in der Nachfolge der Streiter gegen den Nationalsozialismus und der Abolitionisten des 19. Jahrhunderts. Wer sich selbst so versteht, erfährt naturgemäß eine subjektive Aufwertung und erhält eine sinnvolle Erklärung für das Unverständnis und den Widerstand seiner Umgebung. Solche Vergleiche, die den meisten Nichtveganern exzessiv vorkommen, verstärken deren Unverständnis sogar noch, und dies wiederum bestätigt für Veganer die Richtigkeit der eigenen Überzeugung. Denn ist diese Ablehnung nicht die Reaktion, die für die tierquälerische Gegenseite typisch ist und zu erwarten war? Gerade dieser psychologische Mechanismus ist aus manchen religiösen und politischen Extremgruppen bekannt. Außenablehnung ist niemals Ausdruck einer reflektierten Meinung Andersdenkender, sondern stets der „Angst“ und einem „schlechten Gewissen“ geschuldet.

Abgrenzung und Elitebewusstsein

„Mir tut es nicht gut, mit Fleischessern am selben Tisch zu speisen“11, erklärt der Veganer Erwin Kessler im Gespräch mit der Hexe Regula Meyer im Esoterik-Magazin „Spuren“. „[I]ch kann mit fleischfressenden Menschen einfach nichts mehr anfangen“, findet ein anderer.12 Veganismus impliziert ähnlich wie religiöse Speisegebote eine unvermeidliche abgrenzende Wirkung. Aber während sich einige Veganer aus diesem Grund in bestimmten Situationen selbst Ausnahmen genehmigen (Peter Singer z. B. dann, wenn er zu Gast ist), verstärken andere diese Abgrenzung bis hin zur Endogamie.

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Anmerkungen

1 Grube: Vegane Biografien, 160.
2 Vgl. Zilm, Kerstin: Junges Gemüse in Hollywood, in: Die Zeit, 1.11.2013.
3 Interview mit Ralf Joest, 16.10.2013, www.boersenblatt.net/640721.
4 Bredack: Vegan für alle, 9.
5 Mündliche Mitteilung Jack Norris, zit. nach Koeder: Veganismus, 446.
6 Christian Vagedes, 2013, www.vegane-gesellschaft.org/tausende-auf-der-veganfach-in-hamburg-vegan-mehr-als-ein-trend-beginn-eines-ethischen-bewusstseinswandels/calciumtipps#.
7 Skriver: Der Verrat der Kirchen an den Tieren, 39.
8 Macho: „Ich bin der Feind“.
9 Habekuß: Groß werden ohne Fleisch.
10 Koeder: Veganismus, 464. Vgl. auch Achim Stößer: Nur Veganer leben ethisch korrekt, http://vegane-gesellschaft.de/archives/17-Nur-Veganer-leben-ethisch-korrekt.html.
11 Kessler/Meyer: Tiere essen?, 50.
12 Grube: Vegane Biografien, 80.

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