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Materialdienst 12/2015
Liane Wobbe

Afghanische Hindugemeinden in Deutschland

Mit Jhulelal von den Ufern des Indus über Afghanistan nach Deutschland

Im Afghan Hindu Mandir in Hamburg, einem der ältesten afghanischen Hindutempel in Deutschland, sind an der Nordwand des Kultraumes in weiß gekachelten Schreinen hinduistische Götterstatuen wie Ganesha, Radha und Krishna, Shiva, Parvati, Durga und Hanuman aufgereiht. In der ersten Vitrine befindet sich eine weiße Marmor­figur, dargestellt ist ein alter, bärtiger Mann, der im Yogisitz auf einer Lotusblume sitzt. Diese Blume entspringt einem Fisch, der auf dem Fluss Indus schwimmt. Der Alte trägt auf dem Kopf eine Krone, in den Händen hält er ein aufgeschlagenes Buch. Wenn gläubige Hindus diesen Schrein betreten, ziehen sie eine Glastür vor der Figur hoch und berühren respektvoll seine Füße. Dann schwenken sie vor der Götterstatue einen Teller, auf dem sich Süßigkeiten aus Mehl, Milch, Kardamom, Mandeln und Nelken sowie eine fünfflammige, von Butterschmalz getränkte Lampe und eine Kokosnuss befinden. Der Gott, dem dieses Ritual gebührt, wird Jhulelal genannt.

Besucht man an einem Dienstag- oder Donnerstagabend den Sri Ganesha-Hindutempel in Berlin, dann hat man die Möglichkeit, an einer Zeremonie für verschiedene Hindugötter teilzunehmen, die von einer besonderen musikalischen Darbietung begleitet wird.1 Nach der alltäglichen Abendpuja2 , die ein Priester aus Südindien zelebriert, singen einige Frauen und Männer enthusiastisch Bhajans (Hymnen) für die Götter und begleiten den Gesang mit Trommeln und Rasseln. Die Frauen tragen Schleier, die Männer Turbane oder lose Taschentücher, die an den Ecken verknotet sind, auf dem Kopf. Nach dem Gesang für die Götter gehen die Gläubigen in Richtung Tempelschrein und führen eine eigene Arati-Zeremonie (Lichtzeremonie) durch: Jeweils zwei Frauen oder zwei Männer schwenken einen Teller mit der Arati-Flamme vor Ganesha, und alle singen „Jai jai jagadishe hare“. Am Ende essen die Tempelbesucher gemeinsam die mitgebrachten Speisen.

Bei diesen Gläubigen handelt es sich nicht um Mitglieder der indischen Gemeinde, in deren Besitz sich der Sri Ganesha-Hindutempel befindet, sondern um Hindus aus Afghanistan, die mit ihren Familien seit etwa drei Jahren in Berlin leben. Doch woher kommen afghanische Hindus ursprünglich, und worin unterscheiden sie sich von anderen Hindus?

Herkunft afghanischer Hindus

„Wir afghanischen Hindus sind ursprünglich die ältesten Afghanen, die an ihrer Religion noch festhalten und als eine religiöse Minderheit leben.“3 Afghanistan wird in der Öffentlichkeit als ein Land wahrgenommen, das hauptsächlich vom Islam bestimmt ist. Von den derzeit geschätzten ca. 32 Millio­nen Einwohnern gehören 99 % zur muslimischen Bevölkerung, die sich wiederum in ca. 80 % Sunniten und ca. 19 % Schiiten aufteilt. Alle anderen religiösen Gruppen machen weniger als 1 % aus.4 Und unter diesen befinden sich zwei sowohl religiös als auch ethnisch bedeutende Gruppen, die in den Bevölkerungsdarstellungen des Landes entweder gar nicht auftauchen oder nur am Rande erwähnt werden. Es handelt sich hierbei um die ethnisch-religiösen Minderheitengruppen der Hindus und Sikhs, deren Vorfahren vor allem aus den Provinzen Sindh und Pandjab im heutigen Pakistan stammen.

Doch wie kam es zu deren Niederlassung in einem islamisch geprägten Land? Archäologische Funde und historische Texte weisen auf eine hinduistische und buddhistische Kultur Afghanistans bereits in vorislamischer Zeit hin. Afghanistan galt als Schnittstelle zwischen West-, Süd- und Zentralasien. Vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis ins 5. Jahrhundert n. Chr. gerieten Teile des Landes, bedingt durch die Herrschaft der Kushana-Dynastie, unter den Einfluss buddhistischer und hinduistischer Religionsformen.5 Obwohl einige afghanische Hindus bis heute der Meinung sind, dass sie von hinduistischen Vorfahren aus vorislamischer Zeit abstammen, ist die heutige Präsenz von Hindus und Sikhs in Afghanistan vermutlich in weitaus späterer Zeit anzusiedeln. So geht die erste Etappe der Niederlassung hinduistischer Gemeinschaften auf den Anfang des 18. Jahrhunderts zurück. Der in dieser Zeit regierende König Ahmad Shah holte Hindu- und Sikhfamilien aus den heute pakistanischen Provinzen Multan und Sindh als Händler ins Land. Die zweite Etappe fällt in das Jahr 1947, in welchem die Teilung zwischen Indien und Pakistan erfolgte. Aufgrund der Erklärung Pakistans zu einem islamischen Staat flohen viele Hindus und Sikhs nach Indien oder Afghanistan. Dabei entwickelten sich Kabul und Kandahar zu den wichtigsten Zentren für Hindus in Afghanistan.

In dem muslimisch geprägten Land erlebten die Hindufamilien verschiedene Regierungszeiten, die ihre Entwicklung in sozialer, wirtschaftlicher und religiöser Hinsicht abwechselnd förderten oder hemmten. Während in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Lebensbedingungen von Hindu- und Sikhfamilien relativ gut waren, sahen sich diese von Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts der Unterdrückung durch eine muslimisch dominierte Politik ausgesetzt. 1901 kam es unter König Habibullah sogar zur Anordnung einer Kleidermarkierung. Hindumänner sollten einen gelben Turban tragen, Hindufrauen einen gelben Schleier. Kinder aus Hindufamilien durften nur eine Hindugrundschule besuchen. Unter König Amanullah (1919 – 1929) wurde diese erniedrigende Situation von einer Zeit relativ freier Religionsausübung abgelöst. Eine besonders günstige Periode für die Entwicklung der Hindugemeinschaften in Afghanistan trat von Beginn der 1950er bis Mitte der 1980er Jahre ein. In dieser Zeit kam es in verschiedenen Städten Afghanistans zur Herausbildung einer eigenen Infrastruktur mit Tempeln, Läden, Imbissen und Verbrennungsplätzen. So gelang ihnen die Bewahrung einer eigenständigen Identität innerhalb einer muslimischen Gesellschaft. Hindus und Sikhs gehörten sogar zu den eher wohlhabenden Kreisen der Bevölkerung.

Bereits mit der Machtübernahme der Sow­jetarmee 1979 und dem daraufhin einsetzenden Bürgerkrieg erfolgten erste kritische Zeiten für diese ethnisch-religiöse Minderheit, und es kam zu einigen Übersiedlungen nach Deutschland und in andere westliche Länder. Eine zweite, weitaus größere Fluchtwelle setzte ein, als die Mujaheddin im Jahr 1992 die Macht im Land übernahmen und Hindus und Sikhs einer direkten Verfolgung ausgesetzt waren. Als sich die Lage für Hindus und Sikhs unter der darauffolgenden Herrschaft der Taliban zu einer nie dagewesenen Situation der Unterdrückung entwickelte, kam es zur dritten großen Fluchtwelle nach Indien, in die USA und nach Europa.6 In dieser Zeit richteten erstmalig in Indien und im Westen lebende Journalisten ihre Aufmerksamkeit auf diese Minderheit. So berichtet die indische Zeitschrift „Hinduism Today“ 1994 von Zerstörungen der Hindutempel in Kabul, Kandahar und Jalalabad und massiven Ressentiments vonseiten der muslimischen Bevölkerung.7 Im Mai 2001 erschienen im „Spiegel“ und in der „taz“ zwei Artikel, in denen es um die Kennzeichnungspflicht religiöser Minderheiten zur Zeit der Taliban ging. Demnach wurden Hindus dazu verpflichtet, ein daumengroßes, gelbes Unterscheidungszeichen zu tragen, um Bestrafungen bei Nichteinhaltung muslimischer Pflichten zu entgehen.8 2001 hatten bis auf 1000 alle Hindus Afghanistan verlassen und waren vor allem nach Indien, in die USA oder nach Deutschland geflohen.

Situation für Hindus und Sikhs in Afghanistan heute

Über die Leiden des Krieges hinaus, mit denen alle Bewohner des Landes konfrontiert waren und teilweise noch sind, war und ist diese Minderheit aufgrund ihrer religiösen und kulturellen Andersartigkeit zusätzlichen Ausgrenzungspraktiken und Unterdrückungsmanövern ausgesetzt. Wenige Presseberichte thematisieren ihre Situation nach dem Sturz der Taliban. Diese reichen von einer Einschätzung, dass sie einen geachteten Status innerhalb einer muslimisch geprägten Gesellschaft wiedererlangt habe, bis hin zu der Einschätzung, dass die Diskriminierung immer noch anhalte. Nach Aussagen einiger Muslime in Deutschland sollen Hindus in Afghanistan akzeptiert sein, sogar stärker als Christen oder schiitische Hazara. Manche noch in Afghanistan verbliebene Hindus sowie Hinduflüchtlinge in Deutschland sprechen dagegen von einer immer noch währenden Anfeindung vonseiten der Muslime aufgrund ihres „Indisch-Seins“. So geht aus einem Artikel im „Wall Street Journal“ vom Januar 2015 hervor, dass Afghanistan zwar die Rechte der Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften anerkenne, Hindus und Sikhs aber selbst unter der demokratischen Regierung Aschraf Ghanis immer wieder willkürlichen Anfeindungen aus dem Volk ausgesetzt seien.9

Am 24. Juni 2005 wurde von der Innenministerkonferenz der Bundesrepublik Deutschland der Beschluss gefasst, Afghanen aus Deutschland wieder in ihre Heimat zurückzuführen. Da sich die Lebensbedingungen in Afghanistan für Hindus und Sikhs in religiöser, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht aber keineswegs verbessert, teilweise sogar verschlechtert haben, waren und sind sie bemüht, hier eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. So setzte sich besonders der Zentralrat der Afghanischen Hindus und Sikhs in Deutschland massiv für einen Abschiebestopp afghanischer Hindu- und Sikhfamilien ein.10

Nach mehreren Gerichtsverfahren hat der Hessische Verwaltungsgerichtshof am 2.4.2009 in Kassel entschieden, aufgrund der äußerst schlechten Lebensverhältnisse sowie der immer noch währenden religiösen Repressalien durch die muslimische Bevölkerungsmehrheit in Afghanistan afghanische Hindus nach den Bedingungen der Genfer Flüchtlingskonvention in Deutschland als Flüchtlinge anzuerkennen. Dieses Urteil hatte auch Einfluss auf die Rechtsprechung anderer Bundesländer. So sind die Verwaltungsgerichte heute überwiegend bereit, dieser Minderheit den Flüchtlingsstatus bzw. eine Aufenthaltserlaubnis zu gewähren.11 Laut Chellaram Merzadah, Leiter der afghanischen Hindugemeinde „Hari Om Mandir“ in Köln, wurden in den letzten Jahren keine afghanischen Hindufamilien mehr abgeschoben. Dennoch leben viele von ihnen in der Angst, wieder nach Afghanistan zurückkehren zu müssen.12

Afghanische Hindugemeinden in Deutschland

Mittlerweile leben in Deutschland ca. 10000 bis 15000 afghanische Hindus und Sikhs , von denen die meisten Kriegsflüchtlinge sind. Afghanische Hindus gelten nach indischen und sri-lankischen Hindus als dritte ethnische Hindugemeinschaft in Deutschland. Auf acht Städte verteilt existieren derzeit zehn afghanische Hindugemeinden, zwei Sikhgemeinden und ein Dachverband afghanischer Hindus und Sikhs. Dabei bilden die Gemeinden in Köln (seit 1991), Hamburg (seit 1991), Essen (seit 1993) und Frankfurt (seit 2002) die zahlenmäßig stärksten und auch repräsentativsten afghanischen Hinduzentren in Deutschland. Weitaus kleiner sind die Gemeinden in Stuttgart (seit 2000), Kassel (seit 2002), München (seit 2006) und Berlin (seit 2012). Während in Hamburg afghanische Hindus und Sikhs mit zwei eigenen Tempeln, einem Gurdwara (Gebetsstätte der Sikhs) sowie verschiedenen Läden und Restaurants sogar eine eigene Infrastruktur entwickelt haben, besitzt die relativ junge Hindugemeinde in Berlin, die aus etwa 30 Familien besteht, noch kein eigenes Kultgebäude, sondern nutzt den Raum des Sri Ganesha Hindu Tempels der indischen Hindugemeinde.

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Anmerkungen

1 Zu den Puja-Zeremonien im indischen Sri Ganesha-Hindutempel siehe Liane Wobbe, Zwei Hindugötter erobern Berlin. Der Wettlauf von Ganesha und Murugan, in: MD 6/2014, 210-222.
2 Puja: Huldigung, Verehrung. Pujas werden in vielfältigen Formen und zu vielerlei Anlässen durchgeführt.
3 Ischer Dass, Die Gefährten Afghanistans, London 2003, 16.
4 Siehe www.laenderdaten.de/bevoelkerung/einwohner.aspx (die in diesem Beitrag angegebenen Internetseiten wurden zuletzt abgerufen am 30.10.2015).
5 Vgl. Manfred Hutter, Afghanistan und seine vergessenen Hindus, in: Zeitschrift für Religionswissenschaft 17 (2009), 149-164, hier 150-153; zur historischen Darstellung des Einflusses buddhistischer und hinduistischer Religionsformen im heutigen Afghanistan in vorislamischer Zeit siehe auch: Rafi-us Samad, The Grandeur of Gandhara. The Ancient Buddhist Civilisation of the Swat, Peshawar, Kabul and Indus Valleys, New York 2011.
6 Vgl. Liane Wobbe, Hindus in der deutschen Dias­pora. Studien zur Traditionsveränderung von Hindus aus Sri Lanka, Indien und Afghanistan in Deutschland, Dissertationsschrift, Freie Universität Berlin 2007, 32ff.
7 Vgl. Lawina Melwani, Hindus Abandon Afghanistan, in: Hinduism Today, April 1994, www.hinduismtoday.com/modules/smartsection/item.php?itemid=3259.
8 Vgl.: Afghanistan. Gelbe Markierung für Hindus, 23.5.2001, in: Spiegel Online Politik, www.spiegel.de/politik/ausland/afghanistan-gelbe-markierung-fuer-hindus-a-135836.html; Jan Heller, Der daumengroße gelbe Fleck, 26.5.2001, www.taz.de/1/archiv/archiv-start/?ressort=sw&dig=2001%2F05%2F26%2Fa0096&cHash=603c7934a6.
9 Vgl. Margerita Stancati/Ehsanullah Amiri, Facing Intolerance, Many Sikhs and Hindus leave Afghanistan, 12.1.2015, in: Wall Street Journal, www.wsj.com/articles/facing-intolerance-many-sikhs-and-hindus-leave-afghanistan-1421124144.
10 Vgl. EKTA, Broschüre des Zentralrats der afghanischen Hindus und Sikhs in Deutschland, 3/2006, 39; vgl. auch Manfred Hutter, Religionsausübung zwischen Integrationsbemühung und Angst vor Abschiebung, Vortrag 2005, http://afghan-hindu-germany.de/10.html.
11 In den ersten Monaten 2014 wurden für eine Reihe von Hindufamilien aus Afghanistan im Rahmen einiger Mandate der Anwaltskanzlei RA Sprung (Frankfurt) bezüglich des Bleiberechts einige positive Gerichtsurteile erreicht. Siehe dazu www.anwaltsprung.com.
12 E-Mail-Information von Dr. Chellaram Merzadah am 2.9.2015.

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