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Materialdienst 4/2010
Tilman Matthias Schröder

Charles Darwin und die protestantische Theologie

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Was Hollywood und Wissenschaftsgeschichte manchmal gemeinsam haben

„Der Mann, der Liberty Valance erschoß“ ist der Titel eines der großen klassischen Hollywood-Western. Die Regie des 1961 gedrehten Films führte der legendäre John Ford. Der Film beginnt mit der Rückkehr eines berühmten US-Senators in seine frühere Heimat, ein kleines Kaff namens Shinebone. Hier will er zusammen mit seiner Frau an der Beerdigung eines dort fast völlig unbekannten Mannes teilnehmen. In Shinebone hatte der Senator vor 30 Jahren seine Karriere als kleiner Rechtsanwalt begonnen, der dadurch berühmt wurde, dass er mutig einem üblen Gesetzesbrecher gegenübertrat, eben Liberty Valance, und ihn im Duell erschoss. Der Zeitungsredakteur von Shinebone wittert hinter dem Besuch des Senators eine interessante Story und drängt auf ein Interview. Und so erzählt ihm der Senator nun die wahre Geschichte von damals, die darin gipfelt, dass nicht er, sondern eben jener Mann, der jetzt beerdigt wird, der eigentliche Held gewesen ist, der wirklich Liberty Valance erschossen hat. Am Ende wirft der Journalist jedoch seine Aufzeichnungen ins Feuer. Das Interview wird nie gedruckt werden. Und er begründet das mit einem Satz, der in die Filmgeschichte eingegangen ist: „Wenn die Wahrheit über die Legende herauskommt, drucken wir trotzdem die Legende.“

Die Legende ist eben keine einfache Lüge oder Verfälschung der wahren Geschichte, sondern sie besitzt eine eigene innere Kraft, die bestimmte Entwicklungen zu legitimieren vermag. Und wenn sich diese Entwicklungen als gut und sinnvoll erweisen, dann sollte man an der ihnen zugrunde liegenden Legende nicht rütteln. Mit dieser Erkenntnis wollte John Ford den klassischen Western als eine notwendige Legende für den Ursprung der amerikanischen Nation gewürdigt wissen. Diese Erkenntnis gibt es aber auch in anderen Bereichen und natürlich auch in der Geschichte, dort sogar in der sich sonst so nüchtern gebenden Wissenschaftsgeschichte.

Im 18. und 19. Jahrhundert beispielsweise setzten Wissenschaftshistoriker bewusst Legenden in die Welt, um den Fortschritt der Moderne dank der Überlegenheit der neuen Naturwissenschaften gegenüber der rückständigen Vergangenheit zu demonstrieren. So wurde behauptet, dass der mittelalterliche Mensch der Meinung gewesen sei, die Erde sei eine Scheibe und an ihren Rändern würden Seefahrer mit ihren Schiffen in die unendliche Tiefe stürzen. Erst die moderne Wissenschaft hätte mit diesem Aberglauben aufgeräumt. Das Bild von der mittelalterlichen Scheibenwelt geistert bis heute umher und findet sich selbst in Schulbüchern und aktuellen Fernsehreportagen der im ZDF gesendeten Discovery-Wissenschaftsfolgen wieder. Natürlich ging die Menschheit seit Ptolemäus aber immer von der Kugelgestalt der Erde aus. Auch ein einfacher Blick auf die Pantokratordarstellungen in mittelalterlichen Kathedralen, bei denen der Weltenherrscher Christus die Weltkugel als Herrschaftssymbol in seiner Hand trägt, könnte jeden schnell von dieser Tatsache überzeugen, aber die Legende lebt und hält sich, einfach weil sie so schön einprägsam ist.

Auch die Darstellung von der Aufnahme der Theorien Darwins durch die Theologie enthält durchaus legendarische Züge. Diese Legende behauptet, dass Darwin gerade in Deutschland auf heftigsten Widerstand von Seiten kirchlicher und theologischer Repräsentanten gestoßen ist, dass es zu einer Kampfsituation gekommen sei, die als eine der Ursachen für das belastete Verhältnis zwischen Naturwissenschaften und Religion gilt. Dieses sogenannte „Konfliktparadigma“ hat sich bis heute mehr oder minder unhinterfragt in vielen populären, aber auch wissenschaftlichen Arbeiten über diese Zeit erhalten und führt in seiner Ausschließlichkeit selbst zum Mythos und pauschalisierenden Bild einer weitgehend antichristlichen Naturwissenschaft auf der einen und einer unflexiblen und zumeist polemischen kirchlich-theologischen Abwehrhaltung auf der anderen Seite.

Wer aber hat ein Interesse daran, dass die Legende lebt? Die Frage ist ja mit Blick auf aktuelle Diskussionen um Darwins Lehre nicht ganz unwichtig. Einerseits gibt es auf Seiten der Naturwissenschaften Vertreter einer religiös indifferenten Haltung oder des „neuen Atheismus“, die ohne weitere Argumentation gerne auf die scheinbar historisch gegebene Situation hinweisen, dass sich Glauben und Wissen schon immer gestritten hätten. Auf die gleiche Situation verweisen dann andererseits manche kirchlich-konservativen Vertreter, um die Notwendigkeit herauszustellen, biblische Wahrheiten vor dem Zugriff einer angeblich weitgehend christentumskritischen Naturwissenschaft retten zu müssen, und die damit auch in Darwin ihr vornehmstes Feindbild sehen. Im Grunde wird hier eine Lagerbildung fortgeführt, die es tatsächlich einmal in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg gegeben hat, die damals aber von beiden Seiten her klare weltanschauliche Züge trug und wenig mit der tatsächlichen Diskussion über Darwin zu tun hatte. Den damaligen Zeitgenossen war das auch weitgehend klar, heute ist dieser entscheidende Punkt jedoch weithin in Vergessenheit geraten. Er soll deshalb jetzt das Thema sein.

Das Schicksal mancher Weltliteratur: oft zitiert, aber nicht gelesen

Am 19. April 1882 starb Charles Darwin. Er wurde in einer großen und feierlichen Trauerzeremonie in Westminster Abbey kirchlich bestattet. Was wussten die Deutschen 1882 von Darwin, was wussten vor allem evangelische Theologen und Kirchenführer von ihm? Im Grunde erschreckend wenig, woraus man freilich auch schließen kann, dass bis zu diesem Zeitpunkt nur wenige in Darwin und seinen Lehren eine ernsthafte Gefahr für den christlichen Glauben gesehen hatten. So sind keine kirchlichen Einwendungen gegenüber der Tatsache bekannt geworden, dass Charles Darwin zu Lebzeiten der am höchsten ausgezeichnete und geehrte ausländische Wissenschaftler in Deutschland geworden war. Er trug die Ehrendoktorwürden zweier deutscher Universitäten, war Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften und hatte den preußischen Orden „Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste“ verliehen bekommen, die damals höchste deutsche Wissenschaftsauszeichnung überhaupt.

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Anmerkung

1 Diesem Beitrag liegt ein Vortrag zugrunde, der am 4.12.2009 beim Studientag der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Evang. Landeskirche in Württemberg gehalten wurde. Vgl. auch Tilman Matthias Schröder, Naturwissenschaften und Protestantismus im Deutschen Kaiserreich. Die Versammlungen der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte und ihre Bedeutung für die Evangelische Theologie (Contubernium 67, Tübinger Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte), Stuttgart 2008 (vgl. MD 12/2009, 473-476).

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