publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 11/2015
Helmut Wiesmann

Wie islamisch ist der "Islamische Staat"?

Die exzessive Grausamkeit der Terror-Organisation „Islamischer Staat“, ihr Anspruch, einen islamrechtlich legitimen Dschihad zu führen, und die Postulierung eines islamischen Kalifats werfen eine Reihe von Fragen auf, die sich in der Frage nach der Islamizität des IS bündeln – eine Frage, die längst begonnen hat, das Bild des Islam in Deutschland zu verdüstern und das Klima zu vergiften: Laut Sonderauswertung „Islam“ des Religionsmonitors der Bertelsmann-Stiftung vom 8. Januar 2015 nehmen 57 % der Bundesbürger den Islam als Bedrohung wahr. Zudem sind 61 % der Auffassung, der Islam passe nicht in die westliche Welt.

Offiziellen Angaben zufolge sind über 700 junge Muslime aus Deutschland zur Unterstützung des IS ausgereist, weit über 1000 aus Großbritannien und ebenfalls über 1000 aus Frankreich. Von ihnen wird, wenn sie zurückkehren, eine weitere Zunahme islamistischer Anschläge in Europa befürchtet. Solche Zahlen und mit ihnen verbundene Ängste bestärken manche Islamkritiker in ihrer Gleichsetzung von Islam und Gewalt. Manche Islam-Apologeten hingegen sehen sich in ihrer Klage über Islamophobie als Ursache einer solchen Gleichsetzung bestätigt.

Der Begriff Islamophobie unterscheidet nicht zwischen sachlicher Kritik und böswilliger Hetze, sondern erklärt beides zur Angelegenheit von Therapeuten. Dadurch entzieht er notwendiger geistiger Auseinandersetzung schleichend die Legitimität. Zweifellos trifft der Islam in Europa nicht nur auf freundliche Akzeptanz, sondern auch auf Ablehnung. Laut Washingtoner Meinungsforschungsinstitut „Pew Research Center“ beurteilen 33 % der erwachsenen Deutschen die Muslime negativ – gegenüber 46 % der Spanier, 50 % der Polen und 63 % der Italiener. Auf geringere Ablehnung als in Deutschland stoßen Muslime in Großbritannien (26 %) und Frankreich (27 %).

Ablehnung des Islam speist sich aus verschiedenen Quellen. Zu unterscheiden ist insbesondere zwischen Feindschaft gegenüber und Angst vor dem Islam. Bei der Bekämpfung von Hetze gegen den Islam sind Staat, Gesellschaft und Kirchen gefordert, der Staat notfalls auch mit den Mitteln des Strafrechts. Bei der Bekämpfung von Angst vor dem Islam indessen sind nicht nur Gesellschaft und Kirchen, sondern die Muslime auch selbst gefordert.

Deshalb ist es wichtig, dass sich die muslimischen Organisationen in Deutschland deutlich von den unmenschlichen Grausamkeiten des IS distanziert haben. So erklärt z. B. der Zentralrat der Muslime (ZMD): „Die Vertreibung der irakischen Christen durch die terroristische ISIS ist ein Akt des Unrechtes, ist gegen den Islam, verstößt gegen internationales Recht und gegen die Menschlichkeit.“1 Bei der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) heißt es: „Die islamische Religion gestattet in keinem Fall, Menschen aufgrund ihrer Sprache, Religion und Konfession zu töten, zu foltern oder anderweitig unmenschlich zu behandeln oder aus ihrer Heimat zu vertreiben.“2 Solche Aussagen müssen wahrgenommen und gewürdigt werden. Zu begrüßen ist das damit bekundete Selbstverständnis des Islam als einer friedlichen Religion, die einem im Koran verankerten allgemeinen Tötungsverbot unterliege3 und mit den Verbrechen des IS nichts zu tun habe. Vom koranischen Wortlaut und den Überlieferungen des Propheten sind solche Aussagen mitunter aber nicht gedeckt. So ist zum Beispiel das koranische Tötungsverbot kein umfassendes, sondern nur ein sehr begrenztes.4  Es bedarf daher einer größeren Bereitschaft, sich inhaltlich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass der „Islamische Staat“ seine Taten durch Bezugnahme auf Koran und Sunna, die den Muslimen heiligen Traditionen des Islam, zu begründen und zu legitimieren sucht.

Zur Entstehung des „Islamischen Staates“

Der „Islamische Staat“ geht auf eine Organisation zurück, die im Jahr 2004 von dem jordanischen Terroristen Abu Mussab al-Zarqawi (1966 – 2006) als irakischer Ableger von al-Qaida gegründet und im Januar 2006 in ein Bündnis dschihadistischer Milizen unter der Leitung von Abu Omar al-Bagdādī (1947 – 2010) integriert wurde. Schon bald nach Zarqawis Tod wurde sie im Oktober 2006 in „Islamischer Staat im Irak“ umbenannt. An dessen Spitze wurde 2010 Ibrahim Awwad Ali al-Badri gewählt, der sich Abu Bakr al-Bagdādī al-Husseini al-Qurashi nennt.

Kurz nach Ausbruch des Aufstands gegen Assad entsandte al-Bagdādī im Winter 2011 eine Gruppe von Kämpfern unter der Leitung von Abu Muhammad al-Jolani nach Syrien. Diese Gruppe nennt sich seit Januar 2012 „Front für die Unterstützung der Leute von Sham [= Syrien]“, bekannt als Nusra-Front, und firmiert als syrischer Ableger von al-Qaida. Im April 2013 benannte al-Baghdadi sein irakisches Gebilde um in „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ (ISIS) und versuchte, beide al-Qaida-Zweige unter diesem Namen zusammenzufassen und von al-Qaida zu lösen. Dies gelang ihm nur unvollständig, weil al-Jolani und ein Teil seiner Leute sich weigerten und bis heute an ihrer Anbindung an al-Qaida festhalten. Al-Bagdādī kündigte indessen im Mai 2013 al-Qaida seine Gefolgschaft auf. Nach der Eroberung von Mossul erklärte ISIS am 29. Juni 2014 die Wiederherstellung des Kalifats unter Führung von al-Bagdādī als dem Befehlshaber der Gläubigen und nahm unter Wegfall jeglicher geografischer Begrenzung den Namen „Islamischer Staat“ an.5

Lesen Sie weiter im Materialdienst.


Anmerkungen

1 Vgl.: ZMD zur Situation der Christen im Irak: Solidarität mit Menschen in Not ist eine menschliche Pflicht und ein verbindlicher Maßstab für alle! Erklärung des ZMD vom 1. Juli 2014.
2 Vgl. Erklärung vom 11. August 2014.
3 Die bereits zitierte Erklärung von DITIB lautet hierzu: „Der Islam, welcher besagt, dass ‚das Töten eines Menschen ein genauso großes Verbrechen und Sünde ist, als hätte man die ganze Menschheit getötet‘ (Sure 5 Vers 32), ist fern allen (sic!) schlechten Zuschreibungen und Diffamierungen.“
4 Es gilt dem Wortlaut von Sure 5,32 zufolge nur dann, wenn der Getötete keinen Mord begangen oder sonst nicht auf der Erde Unheil gestiftet hat.
5 Vgl. Olivier Moos: L’ Etat Islamique.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!