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Materialdienst 11/2015
Kai Funkschmidt

Erlösung durch Ernährung

Veganismus als Ersatzreligion (Teil I)

Seit einigen Jahren kann man erleben, dass Menschen in der Kantine, in der Mensa, im privaten Kreis, vielleicht sogar bei der Planung des Gemeindefests in hitzige Diskussionen über das richtige Essen geraten, wie sonst eher über Politik oder Religion. Es geht dabei nicht um den Geschmack, sondern um unterschiedliche Essensphilosophien, die um Plausibilität und Anhänger konkurrieren. Da streiten Omnivore (Alles-Esser), Vegetarier, Rohköstler, Fruitarier, Pescetarier und Veganer, da werden Paleo-Food (Steinzeit-Diät), Fair Trade, Bio- und Regio-Essen gegeneinander ausgespielt. Was ist gesund, was ist ethisch sinnvoll? Und was ist wichtiger, wenn verschiedene Ziele und Werte miteinander in Konflikt geraten? Die Umwelt, globale Gerechtigkeit oder meine Gesundheit? Das Klima oder der Tierschutz? Das richtige Essen wird zur Frage des richtigen Weltverhältnisses und letztlich des richtigen Lebens. Essen wird zur Weltanschauung und manchmal zu einer Art Ersatzreligion, wie besonders das Beispiel des Veganismus zeigt.

Ein Massenphänomen

Anders als Vegetarier verzichten Veganer beim Essen nicht nur auf Fleisch, sondern auch auf Milchprodukte, Eier und Honig. Einige entsagen außerdem tierischen Produkten in allen Lebensbereichen (Leder, Wolle, Seide usw.). Oft lehnen sie jede menschliche Tiernutzung (Zoo, Jagd, Zirkus) ab.1

Veganismus liegt im Trend, auch wenn man eine gewisse mediale Aufblähung abzieht.2 Vegane Kochbücher sind seit längerem das größte Segment auf dem Kochbuchmarkt – 2000 Titel findet die Suche „vegan kochen“ auf Amazon – und die Verlage erwarten, dass dies noch eine Weile so bleiben wird.3 In jedem größeren Bahnhofskiosk stehen heute eine Reihe veganer Periodika („Vegan Magazin“, „Kochen ohne Knochen“, „Vegan & Bio“), mit Rezepten und mit theoretischen Grundlagentexten und Berichten aus der veganen Szene. Hinzu kommen Zeitschriften der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung. Esoterische Zeitschriften („Connection Spirit – Das Magazin fürs Wesentliche“, „Spuren – Das Leben neu entdecken“, „info-3. Anthroposophie im Dialog“ u. a.) berichten regelmäßig und bringen Sonderhefte zum Thema Veganismus. Heute findet kein esoterisches Event ohne veganes Essensangebot statt. Auch die meisten lebensreformerischen Kommunen wie das Öko-Dorf Sieben Linden und das Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung (ZEGG) widmen sich dem Thema.4 Die Szene der militanten Autonomen („Anti-Fa“) ist ein kleines, aber aktives Element des Veganismus. Viele Prominente leben wie Bill Clinton, Martina Navratilova und Carl Lewis werbewirksam vegan.

Veganismus polarisiert. Als die Wochenzeitung „Die ZEIT“ im Oktober 2013 eine Artikelserie unter der Überschrift „Veganismus – Ethik oder Dogma?“ brachte, meldete sie später, kein anderes Thema des Jahres habe ähnlich viele Diskussionen im Online-Forum ausgelöst. Viele Artikel provozierten mehrere hundert Leserreaktionen mit oft scharf ausgetragenen Diskussionen.

Viele Anliegen der veganen (und der ihr nahestehenden) vegetarischen Bewegung wirken auch in den Mainstream hinein. Als die grüne Berufspolitikerin Katrin Göring-Eckardt 2013 vorschlug, in allen deutschen Kantinen einen fleischlosen „Veggie-Day“ einzuführen, hagelte es Kritik an grünen Bevormundungsfantasien. Aber es gibt längst vergleichbare Initiativen: Die Städte Sao Paulo und Gent haben fleischfreie Tage in ihren Schulen und öffentlichen Einrichtungen eingeführt, und Siemens veranstaltet seit 2012 monatlich einen vegetarischen Tag in seinen 50 Konzernkantinen. Das ist durchaus programmatisch gemeint: Er heißt „Terra-Tag“.

Mit Berlin (2013 bereits 36 Restaurants) vor Hamburg (17) an der Spitze wächst die Zahl veganer Gaststätten ständig.5 Berlin gilt derzeit als Europas Veganismushauptstadt: Hier sitzt die 2008 gegründete Vegane Gesellschaft Deutschland (VGD), die sich mit dem „Vegan-Magazin“ und der Organisation von Fachmessen (Hamburg 2013, Köln 2016) um die Förderung der Bewegung bemüht. Ebenfalls in Berlin wurden 2011 die ersten Niederlassungen der Supermarktkette „Veganz“ gegründet, die den veganen Verkauf aus der Nische der Öko-Läden herausholte. Sie hat heute zehn Großstadtfilialen in Deutschland, Wien und Prag und ist durch eine Kooperation mit Edeka in den normalen Lebensmittelhandel eingedrungen. Das Bayerische Staatsministerium für Ernährung veranstaltete 2015 ein Seminar „Vegan für alle?“ in Kooperation mit der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, die sich durch ihr Angebot an esoterischen Ausbildungen (Wünschelrutengehen und Geomantie) auszeichnet – ein Hinweis auf die enge Beziehung zwischen Esoterik und Veganismus.

Geschichte und Theorieentwicklung

Lebensreformbewegung

Veganismus, wie wir ihn heute verstehen, ist ein Phänomen der Moderne.6 Die ersten Ansätze finden sich im frühen 19. Jahrhundert. Der englische Arzt William Lambe propagierte ab 1806 aus Gesundheitsgründen tierproduktfreies Essen, bald folgten andere, die den ethischen Aspekt (Tiernutzung) in den Vordergrund stellten. Schon damals ging es bei Vegetarismus und Veganismus stets um mehr als um individuelle Präferenzen: Vielmehr sollte durch anderes Essen wie in der ganzen Lebensreformbewegung ein anderer Mensch entstehen. Das gesellschaftsreformerische Grundanliegen materialisierte sich zunächst in der 1838 bis 1848 bestehenden veganen Schule Alcott House Academy (Surrey), wo auch der Begriff „vegetarian“ entstand.7 1847 gründen das vegane Alcott House mit der ovo-lacto-vegetarischen Bible Christian Church aus Manchester die Vegetarian Society, die bis heute die Diskussionen und Aktivitäten der britischen Bewegung bündelt (www.vegsoc.org).

Als erster deutscher Vegetarierverein entstand 1867 der Deutsche Verein für natürliche Lebensweise, aus dem 1892 durch Fusion der noch immer bestehende Vegetarierbund (VEBU) hervorging. Sein übergeordnetes Ziel war stets, den Fleischverbrauch in der Bevölkerung zu senken, um dadurch zu einer globalen Verbesserung ökologischer und gesundheitlicher Probleme beizutragen. Auch in Deutschland kommt es zu sozialreformerischen Experimenten auf der Grundlage alternativen Essens.

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Anmerkungen

1 Viele ältere Lexika erwähnen nur den Ernährungsveganismus. Obwohl es im Folgenden v. a. um den Veganismus geht, wird manchmal auf den Vegetarismus verwiesen. Zum einen sind beide Bewegungen historisch eng verbunden, überlappen und alliieren sich oft, zum anderen bauen ihre Theorieschriften aufeinander auf, und zum dritten ist die vegane Datenlage bisweilen dünn und zwingt zu Analogieschlüssen vom Vegetarismus.
2 Der Journalist Frank Plasberg sprach in der Sendung „Hart aber fair: Mit der Kuh per du“ (ARD, 14.10.2014) von „vielen Millionen“ Veganern. Das wäre ein Vielfaches sogar der hochgegriffenen Zahlen, die die Szene selbst angibt (s. u.).
3 www.boersenblatt.net/793541 (Abruf der in diesem Beitrag angegebenen Internetseiten: 7.10.2015).
4 In Sieben Linden (vgl. Knepper, Claudia: Experiment Gemeinschaft, in: MD 6/2012, 204-214) gab es lange Diskussionen, weil manche Bewohner Veganismus für alle forderten, während für andere die Nutztierhaltung zur Idee eines Öko-Dorfes gehörte. (Vgl. Würfel, Michael: Dorf ohne Kirche. Die ganz große Führung durch das Öko-Dorf Sieben Linden, Sieben Linden 2012, 63-70. Die Darstellung gibt einen guten Einblick in die Veganismusdebatten innerhalb öko-alternativer Milieus.)
5 Stolz, Matthias: Deutschlandkarte – Vegane Restaurants, in: Die Zeit, Magazin, 31.10.2013.
6 Vgl. z. B. Koeder, Christian: Veganismus. Für die Befreiung der Tiere, Ellwangen 2014, 3-13. Bisweilen wird auf verstreute Vorläufer in der Antike (Pythagoräer) und der mittelalterlichen Kirchengeschichte (Katharer) verwiesen.
7 Anfangs wurde „vegetarisch“ oft im Sinne des heutigen „vegan“ verwendet, spätere Jahrzehnte waren von Theoriediskussionen über die Verwendung von Eiern und Milch geprägt, ohne dass man eine handliche begriffliche Unterscheidung für die unterschiedlichen Ansätze hatte. So entstand u. a. der Begriff „Ovo-Lacto-Vegetarier“ für Menschen, die kein Fleisch, aber andere Tierprodukte essen.

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