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Materialdienst 10/2015
Volker Zotz

Religion als Projektion

Der Buddhismus als Sehnsuchtsort

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Hört man die Formulierung „Religion als Projektion“, liegt der Gedanke an jenen Aspekt der Religionskritik Ludwig Feuerbachs nahe, der als Projektionstheorie bezeichnet wird. Der Mensch überträgt sein Verlangen nach Todlosigkeit, Freiheit von Ohnmacht, Allwissenheit, Liebe und Gerechtigkeit auf ein höheres Wesen, dessen Vollkommenheit damit alles verkörpert, was er im Grunde sein möchte. Feuerbach selbst verwendete in diesem Zusammenhang nicht den Begriff der Projektion, sondern den der Reflexion: „Die Religion ist die Reflexion, die Spiegelung des menschlichen Wesens in sich selbst.“2

Nach Feuerbach bilden religiöse Aussagen also keine höheren Wahrheiten ab, sondern gewähren Aufschlüsse über die Wünsche des Menschen und damit über seine Natur. Von der Idee ausgehend, dass mit Religion verbundene Vorstellungen Auskunft über menschliche Anliegen geben, soll hier die Faszination betrachtet werden, die der Buddhismus in Europa ausübt. Was verrät es über Wünsche und damit von den empfundenen Defiziten, wenn er als attraktiv empfunden wird? Wie spiegeln Menschen ihr Wesen durch Aussagen über buddhistische Inhalte?

Was dabei zur Sprache kommen wird, ist zuvor in zweierlei Hinsicht zu relativieren. Paul Tillich gab im Hinblick auf Projektionstheorien zu bedenken, dass immer auf etwas projiziert wird, weshalb nicht der Schirm, auf den ein Bild fällt, mit dem Projizierten zu identifizieren ist.3 Darum gilt als erster Vorbehalt: Was sich über Projektionen auf den Buddhismus durch seine Anhänger feststellen lässt, gewährt allenfalls Aufschlüsse darüber, auf welche Weise dieser ihnen zum Sehnsuchtsort wurde. Über Wahrheiten oder Irrtümer dessen, was sie Buddhismus nennen, ist damit nichts ausgesagt.

Sodann sei vorausgeschickt, dass das hier Dargelegte sich zwar auf erkennbare starke Tendenzen in der Geschichte der westlichen Rezeption des Buddhismus bezieht, aber keinesfalls verallgemeinert werden darf. Letztlich gibt es so viele Motive für die Hinwendung zum Buddhismus wie Menschen, die sie vollzogen. Einfache Erklärungen, die für Konversionen einen Aspekt wie die Begeisterung am Exotischen, bestimmte philosophische Inhalte oder Angebote der Meditation zentral stellen, werden der Komplexität des Sachverhalts nicht gerecht.

Zur Geschichte der buddhistischen Bewegung in Deutschland

Der Beginn einer Bewegung explizit bekennender Buddhisten lässt sich für Deutschland mit 1903 datieren.4 In diesem Jahr gründete Karl Seidenstücker (1876 – 1936) in Leipzig den „Buddhistischen Missionsverein für Deutschland“. Die Gemeinschaft betonte, dass sich ihr Wirken nicht gegen etablierte Religionen richtete und ihre Mitglieder selbstverständlich einer christlichen Kirche angehören könnten.

Hinter dem nach außen kommunizierten entspannten Verhältnis zum christlichen Abendland verbarg sich jedoch eine gegenteilige Haltung. Unter dem Pseudonym Bruno Freydank hatte Seidenstücker im Jahr vor der Vereinsgründung das Buch „Buddha und Christus“ veröffentlicht, eine bittere Abrechnung mit dem Christentum.5 Im Alten Testament berichteten Brutalitäten wird hier eine gewaltlose buddhistische Ethik entgegengehalten. Im Unterschied zur christlichen Mission, die sich in Seidenstückers Darstellung hauptsächlich des Schwerts bediente, schildert er die Geschichte eines friedliebenden Buddhismus, der sich allein durch seine Überzeugungskraft ausbreitete. Das Buch entwirft das Szenario eines bevorstehenden geistigen Kampfs zwischen Christentum und Buddhismus. Christen, die dabei den Buddhismus kritisieren, werfen einem Gleichnis Seidenstückers zufolge Kot gegen die Sonne, die ungetrübt weiterscheint, während der Kot auf die Werfenden zurückfällt.

1903, im Jahr der Gründung des Buddhistischen Missionsvereins, veröffentlichte Seidenstücker wiederum als Bruno Freydank das Buch „Die Greuel der christlichen Zivilisation“.6 In Form von Briefen, die ein vorgeblich in Europa reisender Tibeter in die Heimat schreibt, werden Geschichte und Gegenwart des Abendlands im Licht einer heilen buddhistischen Welt kritisiert: Das Christentum suggerierte dem Menschen eine Rolle als Krone der Schöpfung, weshalb er die Welt rücksichtslos ausbeutet. Schlachthöfe und Tierversuche, Stierkampf und Jagd werden zu Beispielen eines christlichen Missachtens der Natur, das sogar vor Menschen keinen Halt macht. In christlichen Ländern schreckt man vor Experimenten an Menschen nicht zurück und unterdrückt in Amerika die schwarze Bevölkerung. Die christliche Ehe erscheint im Buch als ein Mittel zur Versklavung von Frauen.

So erweist sich die Gründung der ersten buddhistischen Gemeinschaft in Deutschland von einem starken antichristlichen Sentiment getragen. Für die Beteiligten hatte das Zurückdrängen des Christentums mindestens denselben Stellenwert wie die Mission für den Buddhismus.

Seidenstückers Kritik am Christentum und seine Idealisierung buddhistischer Länder hängt sicher zu einem beträchtlichen Teil von persönlichen Erfahrungen ab. Als Sohn eines protestantischen Geistlichen wuchs er im Pfarrhaus auf. Der Protestantismus dürfte ihm als zu prosaisch erschienen sein, denn er berichtet von paranormalen Erlebnissen in der Jugend.7 Ein Medizinstudium brach er nach fünf Semestern ab, weil er Tierversuche verabscheute, und promovierte schließlich als Indologe.

Doch ging es wohl um mehr als um persönliche Erlebnisse eines Einzelnen in Elternhaus und Studium. Das Bewusstsein Seidenstückers, anderer Mitglieder des Missionsvereins und vom Buddhismus Angesprochener, in einem Kulturkampf zu stehen, weist Bezüge zu realen Tendenzen in der Gesellschaft auf. Die Bedrohung der Natur durch die triumphierende Technik und Industrialisierung, die steigende Bedeutung des Nationalismus und eine Säkularisierung, die auch die Kirchen erfasste, erlebten jene als besonders leidvoll, die nicht mit dem Strom schwammen.

Weil sie nicht glaubten, dass das Abendland aus eigener Kraft die Umkehr aus sozialen Ungerechtigkeiten, Krieg und Naturverachtung schaffen könnte, beschworen sie das Vorbild buddhistischer Kulturen. Hier glaubte man alle gut versorgt, es herrsche soziale Gerechtigkeit; sexuelle Unterdrückung und Prostitution hätten keinen Platz. Man achte die Rechte der Tiere, für die man sogar Krankenhäuser baue und die dem Menschen nicht als Nahrung dienten. Dass Seidenstücker in „Die Greuel der christlichen Zivilisation“ einen Tibeter zum Anwalt des Vegetarismus macht, ist symptomatisch dafür, wie das idealisierte Bild des Ostens als Gegenentwurf zur eigenen Realität ohne Bezug zu den Fakten entsteht. Für die überwiegende Mehrzahl der Buddhisten Tibets spielte der Vegetarismus nie eine Rolle.

Bei so viel Verklärung besteht die Gefahr der Ernüchterung.

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Anmerkungen

1 Der Text beruht auf einen Vortrag auf dem Kirchentag in Stuttgart am 6. Juli 2015.
2 Ludwig Feuerbach, Das Wesen des Christentums, Gesammelte Werke Bd. 5, hg. von Werner Schuffenhauer, Berlin 1973, 127.
3 Vgl. Paul Tillich, Systematische Theologie Bd. 1, Frankfurt a. M. 71983, 248.
4 Soweit in der Folge Angeführtes unbelegt bleibt, sei verwiesen auf Volker Zotz, Auf den glückseligen Inseln. Buddhismus in der deutschen Kultur, Berlin 2000.
5 Bruno Freydank, Buddha und Christus. Eine buddhistische Apologetik, Leipzig 1902.
6 Bruno Freydank, Die Greuel der „christlichen“ Zivilisation, Leipzig 1903.
7 Karl Seidenstücker, Die nichtmenschlichen Welten und ihre Bewohner, in: Buddhistischer Weltspiegel 3 (1921/22), 295-303, 345-383, 421-436, 451-473.

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