publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 8/2010
Christian Ruch

Alter Wein in neuen Schläuchen

Ein Kommentar aus römisch-katholischer Sicht zu den neuen Glaubensartikeln der Neuapostolischen Kirche

Die Neuapostolische Kirche (NAK) hat am 6. Juni 2010 neue Glaubensartikel vorgelegt. Eigentlich hatten außenstehende Beobachter wie wohl auch viele Kirchenmitglieder darauf gehofft, dass noch 2010 der neue Katechismus der NAK herausgegeben würde, wie dies auch des Öfteren angekündigt worden war. Doch nachdem Stammapostel Wilhelm Leber nun mitgeteilt hat, dass der neue Katechismus erst „voraussichtlich Ende des Jahres 2012 erscheinen“1 werde, muss man sich wohl zunächst an die neuen Glaubensartikel halten, um zu beurteilen, in welche theologische Richtung sich die Kirche bewegen wird und bewegen will. Damit sind die neuen Glaubensartikel auch und gerade hinsichtlich des Strebens der NAK nach einer ökumenischen Öffnung gegenüber anderen Kirchen von großer Bedeutung.

Im Folgenden möchte ich mich auf einige  Widersprüche und Inkonsistenzen der Glaubensartikel konzentrieren. Zunächst einmal fällt auf, dass sich die neuen von den alten Glaubensartikeln kaum zu unterscheiden scheinen, sieht man einmal von wohltuenden Anpassungen an den heute üblichen Sprachgebrauch ab. Umso wichtiger und aufschlussreicher sind die 14-seitigen „Erläuterungen zu den zehn Artikeln des neuapostolischen Glaubensbekenntnisses“, die die Kirchenleitung herausgegeben hat.

Was ist unter „apostolischer“ Kirche zu verstehen?

Die ersten drei Artikel befassen sich mit dem Glauben an den dreieinigen Gott und könnten so auf den ersten Blick auch von katholischen oder evangelischen Christen mitgetragen werden. Doch schauen wir genauer hin. Im dritten Glaubensartikel heißt es: „Ich glaube an den Heiligen Geist, die eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“ Die NAK weist in ihren Erläuterungen darauf hin, dass die Formulierung „eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche“ aus „dem Bekenntnis von Nizäa-Konstantinopel“ stamme.2 Doch was ist diese eine Kirche? „Sie ist die Versammlung derjenigen, die getauft sind, ihr Leben in der Nachfolge Christi führen und Jesus Christus als ihren Herrn bekennen.“3 Wenn die NAK diese Aussage ernst nimmt – und das ist zu hoffen –, erkennt sie auch anderen christlichen Gemeinschaften die Auszeichnung „Kirche“ zu und hat damit ihren Exklusivitätsanspruch scheinbar aufgegeben4, was sicherlich ein großer Fortschritt und aus ökumenischer Perspektive sehr zu begrüßen wäre. So weit, so erfreulich.

Doch wie verhält es sich mit dem Attribut „apostolisch“? Gemäß NAK ist die Kirche apostolisch „in zweierlei Hinsicht, denn in ihr wird apostolische Lehre verkündigt und in ihr wirkt das apostolische Amt. Die apostolische Lehre ist die unverfälschte Botschaft von Tod, Auferstehung und Wiederkunft Christi. Das apostolische Amt ist das von Christus gegebene und vom Heiligen Geist gelenkte Apostelamt mit seinen Vollmachten. Die Apostolizität der Kirche besteht also darin, dass sie die Verkündigung der apostolischen Lehre fortsetzt und darin, dass sich das Apostelamt in gegenwärtig wirkenden Aposteln geschichtlich verwirklicht.“5

Hier zeigt sich ein großer Unterschied zur römisch-katholischen Kirche. Zwar versteht auch sie sich als „apostolisch“, kennt jedoch keinerlei „gegenwärtig wirkende Apostel“, in denen sich „das Apostelamt ... geschichtlich“ verwirklichen würde. Im Katechismus der katholischen Kirche heißt es: „Die Apostel ‚übertrugen, damit die ihnen anvertraute Sendung nach ihrem Tod fortgesetzt werde, ihren unmittelbaren Mitarbeitern gleichsam nach Art eines Testamentes die Aufgabe, das von ihnen begonnene Werk zu vollenden und zu festigen, wobei sie ihnen ans Herz legten, auf die gesamte Herde achtzuhaben, in die sie der Heilige Geist hineinstellte, die Kirche Gottes zu weiden. Daher setzten sie derartige Männer ein und gaben dann die Anordnung, dass nach ihrem Hingang andere bewährte Männer ihren Dienst aufnähmen’ (LG 20) ... ‚Wie aber das Amt fortdauert, das vom Herrn in einzigartiger Weise Petrus, dem ersten der Apostel, gewährt wurde und seinen Nachfolgern übertragen werden sollte, so dauert auch das Amt der Apostel, die Kirche zu weiden, fort, das von der geheiligten Ordnung der Bischöfe immerwährend ausgeübt werden muss.’ Darum lehrt die Kirche, ‚dass die Bischöfe aufgrund göttlicher Einsetzung an die Stelle der Apostel nachgerückt sind, gleichsam als Hirten der Kirche; wer sie hört, hört Christus, und wer sie verachtet, verachtet Christus und den, der Christus gesandt hat’ (LG 20).“6 Reinhard Hempelmann hat völlig zu Recht darauf hingewiesen, „dass die Apostolizität der Kirche ihre Kennzeichen“ eben gerade „nicht in der Etablierung eines besonderen Apostelamtes hat“, und dies gilt für „alle ökumenisch verbundenen Kirchen“.7 Fazit: Am fundamentalen Unterschied, was die Träger und den Charakter des apostolischen Amts betrifft, hat sich nichts geändert. Denn während die NAK weiterhin von „gegenwärtig wirkenden Aposteln“ ausgeht, sind nach römisch-katholischer Auffassung „die Bischöfe aufgrund göttlicher Einsetzung an die Stelle der Apostel nachgerückt“, die das Amt quasi testamentarisch verwalten und ausführen. Daraus folgt, dass ein römisch-katholischer Christ unter einer apostolischen Kirche etwas völlig anderes versteht – verstehen muss – als die NAK. Auf diesen Punkt hinzuweisen ist sehr wichtig. Denn es gibt nach meiner Beobachtung auf NAK-Seite bisweilen die Tendenz (man könnte das auch Taktik nennen), durch die Verwendung derselben Begriffe vor allem im Dialog mit Katholiken einen Konsens zu postulieren, den es aufgrund unterschiedlicher Definitionen des Begriffs – wie eben z. B. „apostolisch“ – gar nicht gibt.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkungen

1 Brief von Stammapostel Wilhelm Leber an die Mitglieder der NAK, 18.5.2010.
2 Neuapostolische Kirche International (Hg.), Erläuterungen zu den zehn Artikeln des neuapostolischen Glaubensbekenntnisses, o.O. 2010, 6.
3 Ebd., 5.
4 Siehe dazu Helmut Obst, Neuapostolische Kirche – die exklusive Endzeitkirche?, R.A.T. 8, Neukirchen-Vluyn 1996, 115ff.
5 Neuapostolische Kirche International (Hg.), Erläuterungen, a.a.O., 6.
6 Katechismus der Katholischen Kirche (KKK), München 2005, 861f. Die Abkürzung „LG“ steht für „Lumen gentium“, eines der wichtigsten Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils.
7 Reinhard Hempelmann, Wie ökumenefähig ist die Neuapostolische Kirche?, in MD 1/2010, 5-10, 6.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sowie die Jahresregisterhefte 1970-2017 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!