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Materialdienst 9/2015
Petra-Angela Ahrens

Konfessionslose in einer säkularen Mehrheitsgesellschaft

Werthaltungen und Lebensorientierungen

Das östliche Bundesgebiet gilt als das – praktisch weltweit – am stärksten säkularisierte Gebiet. Die Konfessionslosen stellen hier schon lange die große Mehrheit der Bevölkerung. Der Anteil der Konfessionslosen hat in den 25 Jahren nach der Vereinigung – entgegen manch anderer anfänglicher Erwartungen – noch zugenommen und nähert sich inzwischen der 80-Prozent-Marke. Im Unterschied zum westlichen Bundesgebiet überwiegt dabei der Anteil derer, die Zeit ihres Lebens – häufig schon in der zweiten Generation – konfessionslos sind. In empirischen Untersuchungen aber dominiert bisher noch der Blick auf die mehr oder weniger große Abständigkeit Konfessionsloser von der Institution Kirche beziehungsweise von christlich-religiösen Orientierungen, der – wie der Begriff der Konfessionslosigkeit selbst – eine Defizitperspektive als Ausgangspunkt hat. Und ihr lässt sich, solange dieser christlich-kirchliche Bezug als Messlatte dient, auch kaum entkommen.

Im Folgenden steht deshalb eine Standortbestimmung der Konfessionslosen im östlichen Bundesgebiet vor allem anhand ihrer Wert- und Lebensorientierungen im Blickpunkt: Lassen sich hinsichtlich der Relevanzsetzungen im eigenen oder gesellschaftlichen Leben Hinweise finden, die auf ein eigenes Profil der Konfessionslosen in dieser säkularen Mehrheitsgesellschaft verweisen? Dafür wird in der Hauptsache auf die Erhebungen der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) sowie die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen der Evangelischen Kirche in Deutschland (KMU) zurückgegriffen. Die Vergleiche beschränken sich auf Evangelische und Konfessionslose im westlichen und östlichen Bundesgebiet, da aufgrund der konfessionellen Struktur im östlichen Bundesgebiet auch im ALLBUS keine ausreichende Datenbasis für die dortigen Katholiken vorliegt.

Bezug zu (christlicher) Religion

Seit einiger Zeit richtet sich – zumindest in Deutschland – das (Forschungs-)Interesse verstärkt auf die Konfessionslosen selbst. Nicht zuletzt werden dazu gerade die im östlichen Bundesgebiet auch nach der „Wende“ anhaltenden und offenbar unumkehrbaren Wirkungen einer „forcierten Säkularität“1 beigetragen haben. Demnach wurden die Menschen in diesem Gebiet nicht nur durch die repressive Religionspolitik des DDR-Regimes in die Konfessionslosigkeit gedrängt, sondern haben sich auch selbst religionskritische – zu ergänzen wären hier areligiöse oder indifferente – Positionen angeeignet und an die Folgegeneration(en) weitergegeben. So unterscheidet zum Beispiel Pickel insgesamt vier Typen Konfessionsloser2, unter denen in Ostdeutschland die „volldistanzierten Atheisten“, „die Religion(en) als irrational ablehnen“, mit 58 Prozent die Mehrheit stellen, gefolgt von den „normalen Konfessionslosen“ mit 23 Prozent. Letzteren „ist jede Form von Religion oder Spiritualität fremd und sie betrachten auch eine Beschäftigung mit entsprechenden Themen als überflüssig“3, was man nach Pollack u. a. auch als „religiöse Indifferenz in existenzieller Hinsicht“ bezeichnen könnte.4

Die Sicht auf die Konfessionslosen ist also differenzierter geworden. Zudem scheint es berechtigt, zumindest im östlichen Bundesgebiet von einer weitgehenden Deckungsgleichheit zwischen Konfessionslosigkeit und Religionslosigkeit zu sprechen.5

Gleichwohl darf nicht übersehen werden, dass sich auch diese Unterscheidungen in erster Linie an dem Bezug zur Religion oder zum Religiösen festmachen. Während dies bei den im östlichen Bundesgebiet offenbar dominierenden Atheisten durchaus naheliegt, weil sie selbst eine Position gegenüber religiösen Vorstellungen einnehmen, stellt sich das bei den „normalen“ Konfessionslosen schon schwieriger dar; denn mit ihrer Indifferenz bringen sie zum Ausdruck, dass ihnen jeglicher Bezug dazu fehlt, dass entsprechende Fragen für sie keinerlei Bedeutung haben. Man mag zwar vermuten, dass bei ihnen ein – immanenter – Religionsersatz zum Zuge kommt. Doch würde auch dies, ausgehend von dem Verständnis religiöser Bedürfnisse als „anthropologische Konstante“, eine defizitäre Sicht auf diese Religionslosen beinhalten – denen ansonsten also doch etwas fehlt –, die zumindest klärungsbedürftig ist.

Lebens- und Wertorientierungen

In der dritten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD (KMU III), die 1992 – also noch in den Anfängen der Transformationsprozesse im Osten Deutschlands – durchgeführt wurde, ist herausgearbeitet worden, dass sich die ostdeutschen Konfessionslosen6 in ihrer starken Betonung von Orientierungen, die „auf ein Bedürfnis nach Sicherheit und sozialer Zugehörigkeit verweisen“, weniger von den Evangelischen in diesem Bundesgebiet als vielmehr von den Westdeutschen unterscheiden: für Sitte und Ordnung eintreten, in geordneten Verhältnissen leben und ganz für die Familie da sein. Entsprechendes galt für die ebenfalls im Osten größere Bedeutung der Werte: für andere Menschen da sein und für die Gemeinschaft tätig sein. Auch in der KMU IV, die zehn Jahre später durchgeführt wurde, finden sich einige Ergebnisse, die durchaus auf ein Fortbestehen dieser Unterschiede schließen lassen: für andere da sein, eine Familie/Kinder haben, aber auch Sparsamkeit und ein „Leben in gleichmäßigen Bahnen“ waren Evangelischen wie Konfessionslosen im östlichen Bundesgebiet wichtiger.7

Aus den Daten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) 2012 ergibt sich auch heute noch ein erkennbares Ost-West-Gefälle, hier für das Streben nach Sicherheit sowie Fleiß und Ehrgeiz. Zudem erreichen die Konfessionslosen im Osten den höchsten Wert bei der Wichtigkeit des – auch insgesamt an erster Stelle stehenden – „Respekts vor Gesetz und Ordnung“.8

Zwar darf dies nicht missverstanden werden, etwa im Sinne der maslowschen Bedürfnispyramide oder einer ausschließlichen Dominanz materialistischer Orientierungen. So wird auch solchen Werten, die auf individuelle Entwicklungsmöglichkeiten abstellen, eine ausgesprochen hohe Relevanz beigemessen. Es fällt jedoch schon ins Auge, dass genau diese drei Aussagen nur in Ostdeutschland – bei Evangelischen und Konfessionslosen – eine eigene Orientierungsdimension bilden und dabei den größten Zuspruch erreichen. Möglicherweise spiegelt sich darin ein überdauerndes Muster in DDR-Zeiten geprägter Verhaltensnormen – deren Bedeutung für viele mit den verunsichernden Erfahrungen im Transformationsprozess nach der Vereinigung der deutschen Staaten, die häufig mit (erwerbs-)biografischen Ab- und Umbrüchen verbunden waren, erhalten geblieben sein mag.

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Anmerkungen

1 Monika Wohlrab-Sahr, Erzwungene Säkularisierung oder forcierte Säkularität?, in: Anita Bagus (Hg.), Erfahrung kultureller Räume im Wandel, Mitteilungen Sonderforschungsbereich 580, Heft 42, Jena 2012, 19-35.
2 Gert Pickel, Konfessionslose – „Residual“ des Christentums oder Stütze des neuen Atheismus?, www.theo-web.de/zeitschrift/ausgabe-2013-01a (abgerufen am 4.8.2015). Die Typen werden unterschieden in gläubige, tolerante, normale Konfessionslose sowie volldistanzierte Atheisten.
3 Ebd., 23.
4 Detlef Pollack/Monika Wohlrab-Sahr/Christel Gärtner, Einleitung, in: dies., Atheismus und religiöse Indifferenz, Opladen 2003, 12.
5 Vgl. Monika Wohlrab-Sahr, Das stabile Drittel: Religionslosigkeit in Ostdeutschland, in: Bertelsmann-Stiftung (Hg.), Woran glaubt die Welt? Analysen und Kommentare zum Religionsmonitor 2008, Gütersloh 2009, 158f.
6 Klaus Engelhardt/Hermann von Loewenich/Peter Steinacker, Fremde Heimat Kirche. Die dritte Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh 1997 (KMU III), 321ff.
7 Wolfgang Huber/Johannes Friedrich/Peter Steinacker (Hg.), Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge. Die vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh 2006 (KMU IV), 475.
8 Studiennummer: ZA 4615_AC12); eigene Berechnungen: 7-stufige Skala, 1=unwichtig, 7=außerordentlich wichtig; arithmetische Mittelwerte für „nach Sicherheit streben“/„fleißig und ehrgeizig sein“: EvWest: 5,70 / 5,71, KlWest: 5,49 / 5,47, EvOst: 5,83 / 5,95, KlOst: 5,95 / 6,00; für „Gesetz und Ordnung respektieren“: EvWest:6,13, KlWest: 5,95, EvOst: 6,04, KlOst: 6,15.

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