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Materialdienst 8/2010
Michael Utsch

50 Jahre nach dem Tod von Johann Gottfried Bischoff

Neuer Anlauf zur Geschichtsaufarbeitung in der Neuapostolischen Kirche

Die jüngere Geschichte der Neuapostolischen Kirche (NAK) verlangt insbesondere in drei Problembereichen nach einer kritischen Aufarbeitung: die Anpassung der Kirche an den Nationalsozialismus, der autoritäre Führungsstil des Stammapostels Johann Gottfried Bischoff (1871-1960), der in seiner Amtszeit von 1930 bis 1960 zahlreiche Abspaltungen nach sich zog, und seine falsche „Botschaft“, dass Jesus zu seinen Lebzeiten wiederkommen werde.

Ein Versuch der NAK, ihre Geschichte aufzuarbeiten, schlug vor drei Jahren fehl.1 Die umfangreiche Ausarbeitung der „Projektgruppe Geschichte“, die am zweiten Informationsabend im Dezember 2007 in Zürich vorgestellt wurde, überging viele offene Fragen oder bot fragwürdige Erklärungen an. Es war kein Wunder, dass heftige Kontroversen innerhalb und außerhalb der NAK folgten. Kurz vor dem 50. Todestag von Stammapostel Bischoff im Juli 2010 setzte nun der amtierende Stammapostel Wilhelm Leber ein versöhnliches Zeichen: Das umstrittene Geschichtspapier wurde Mitte Juni 2010 von der Internet-Präsenz der NAK entfernt.

In der aktuellen Ausgabe der Mitgliederzeitschrift „Unsere Familie“2 wird auf acht Seiten ein neuer Versuch der Geschichtsaufarbeitung unternommen, der erfolgversprechender erscheint. Ohne Deutungen und Erklärungen seitens der Redaktion werden die Erinnerungen und Gefühle von 22 Zeitzeugen wiedergegeben. Seit der „Botschaft“ Bischoffs im Jahr 1951 glaubten sie gemeinsam mit den meisten NAK-Mitgliedern neun Jahre lang an die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft Christi. Bischoff hatte im Weihnachtsgottesdienst 1951 in Gießen verkündet, dass er der letzte Stammapostel sei: „Ich bin der Letzte, nach mir kommt keiner mehr. So steht es im Ratschluss unseres Gottes, so ist es festgelegt, und so wird es der Herr bestätigen!“ Doch im Gottesdienst am 10. Juli 1960 wurden die NAK-Mitglieder dann vor vollendete Tatsachen gestellt. Es wurde ihnen mitgeteilt, dass der Stammapostel in den Abendstunden des 6. Juli 1960 in Karlsruhe verstorben sei.

Die so schlichte wie brisante Frage in „Unsere Familie“ lautet nun: „Mit welchen Gefühlen erlebten Sie den Gottesdienst am 10. Juni 1960, in dem Bezirksapostel Walter Schmidt das Stammapostelamt übernahm?“ Die Zeugnisse geben lebendige Einblicke in die existenziellen Krisen und die tiefen seelischen Wunden, die durch die falsche Prophezeiung des damaligen Stammapostels und die eilige Nachfolgeregelung hervorgerufen wurden: „Bei der Bekanntgabe im Gottesdienst war ich wie erstarrt und weinte bitterlich in dem Gedanken: ‚Ich bin nicht dabei’ ... Es war für uns wie der Weltuntergang ... Es traf uns wie ein Schlag ... Wir weinten in diesen Tagen viel und sagten immer wieder, es kann doch nicht sein. Wir kamen uns so hilflos vor ... Eine Welt war zusammengebrochen. Wohin sollten wir gehen?“ Die Rückblicke machen den emotionalen Ausnahmezustand deutlich, in den viele Mitglieder geführt wurden. Wenn der Prophet einer Endzeitgemeinschaft die Wiederkunft Jesu ankündigt und dann verstirbt, ist die schlimmste aller Schreckensvisionen eingetreten. Es ist also kein Wunder dass die Verzweiflung der neuapostolischen Gläubigen nach dem Tod des Stammapostels extrem groß war. Der Handlungsdruck für die zurückgelassenen Bezirksapostel war jedoch ähnlich hoch. Wie konnte man sich in dieser ausweglosen Lage verhalten, ohne das Stammapostelamt zu beschädigen und trotzdem der verstörten, zurückgelassenen Gemeinde eine neue Zukunftsperspektive aufzeigen?

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Anmerkungen

1 Vgl. Michael Utsch, Mangelnde Geschichtsaufarbeitung in der NAK, in: MD 3/2008, 106f.
2 Unsere Familie 12/2010, 30-38.

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