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Materialdienst 8/2010
Hansjörg Hemminger

Evolutionsbiologie, Szientismus, Kreationismus wissenschaftstheoretisch betrachtet

Am 12. Februar 1809 wurde Charles Darwin geboren. Im gleichen Jahr publizierte Jean-Baptiste de Lamarck die erste echte Evolutionstheorie, in der er die Vererbung erworbener Eigenschaften postulierte (Lamarckismus). Allerdings konnte er sich damit gegen die Theorie von der Konstanz der Arten noch nicht durchsetzen.1 1859 erschien das Hauptwerk Charles Darwins „On the Origin of Species ...“, in dem ihm die Zusammenfassung aller Argumente für die Abstammungslehre gelang, also für ein langes Erdalter, eine lange Lebensgeschichte, für die Verwandtschaft aller Lebewesen und ihren gemeinsamen Ursprung.

150 Jahre später beschreibt die Evolutionstheorie die Geschichte des Lebens als ein kompliziertes Wechselspiel von Genetik, Ontogenese (individuelle Entwicklung) und Ökologie, das sich über Milliarden Jahre erstreckt. Sie ist eingebettet in Kosmologie, Geologie und in biochemische Hypothesen zum Übergang von unbelebter Materie zum Leben. Allerdings entfernen sich ihre komplizierten und abstrakten Begründungen auch immer weiter von der Alltagserfahrung und dem Vorstellungsvermögen der Nicht-Experten. Wissenschaft und Pseudowissenschaft sind deshalb für Laien kaum mehr unterscheidbar.

Die aus dem protestantischen Fundamentalismus der USA stammenden Ideen des Kreationismus und eines „intelligenten Designs“ sind solche Pseudowissenschaften, die für Laien eine oberflächliche Plausibilität besitzen. Man braucht Fachkenntnisse, um ihre naturwissenschaftliche Unhaltbarkeit zu durchschauen. Ein Unterschied zu früheren Jahrzehnten (bis etwa 1975) ist, dass viele Christen in Freikirchen, im Pietismus usw. heute auf ihre fachkundigen Mitchristen nicht mehr hören, sondern ihr Weltbild mit einer scheinbar christlichen Pseudowissenschaft abrunden.

Ebenso schwer zu beurteilen, wenn auch aus anderen Gründen, sind atheistische Welt- und Menschenbilder, die sich auf die Evolutionstheorie berufen. Der Szientismus der „neuen Atheisten“2 stützt sich zwar auf recht verstandenes biologisches Wissen, behauptet aber zusätzlich, aus diesem Wissen ergebe sich zwingend ein naturalistisches oder materialistisches Weltbild. Von dem berühmten Paläontologen Simon Conway Morris wird dieses Argument als „Ultra-Darwinismus“ charakterisiert: „Den Ultra-Darwinisten scheint selten aufzugehen, dass die Theologie ihren eigenen Reichtum und ihre eigenen Differenzierungen hat und dass sie – seltsame Idee – uns tatsächlich etwas über die Welt sagen könnte, was nicht nur sehr zu unserem Vorteil wäre, sondern was uns die Naturwissenschaft auch nie zu sagen imstande wäre.“3

Die meisten Evolutionstheoretiker sind keine Ultra-Darwinisten, z. B. Marc W. Kirschner und John C. Gerhart4, deren bahnbrechendes Buch inzwischen – wie das von Conway Morris – auf Deutsch erhältlich ist. Es ist deshalb unabdingbar, zwischen der naturwissenschaftlichen Diskussion um die Evolution und ihrer weltanschaulichen Verwertung zu unterscheiden. Mit Recht hat der EKD-Text 945 von April 2008 die Überwindung falscher Alternativen zwischen Theologie und Naturwissenschaft zum pädagogischen Ziel erklärt. Darüber hinaus bietet das Spannungsfeld zwischen Naturwissenschaft, Kreationismus und Szientismus die Chance, sich auf das Wesen naturwissenschaftlicher Erkenntnis zu besinnen, darauf, wie sie gewonnen wird, was sie sagt und was nicht und was aus ihrem enormen Erfolg zu schließen ist. Das wird im Folgenden versucht.

Gute naturwissenschaftliche Theorien

Naturwissenschaftliche Theorien zeichnen sich (nach Gerhard Vollmer) durch Zirkelfreiheit und interne Konsistenz aus.6 Beides gilt auch für formale Idealwissenschaften wie Mathematik und Logik. Ein Kriterium für empirische Wissenschaften ist die externe Konsistenz, also die Vereinbarkeit mit dem gesamten Wissenshintergrund. Für Charles Darwin war zum Beispiel ein Haupteinwand gegen die Evolution, dass keine Energiequelle bekannt war, die für eine Sonnenaktivität von Jahrmillionen ausgereicht hätte. Man diskutierte eine Gravitations-Schrumpfung oder chemische Reaktionen auf der Sonne, ohne eine Lösung zu finden. Damit bestand eine Inkonsistenz zwischen Biologie und Physik. Diese wurde durch die Kernphysik aufgelöst. Inzwischen ist die externe Konsistenz der Evolutionsbiologie allgemein gegeben.

Weitere Kriterien sind der Erklärungswert einer Theorie, ihre Prüfbarkeit und der tatsächliche Testerfolg. Zum Beispiel publizierte Mendel seine Arbeiten zur Vererbungslehre bereits 1865, aber Darwin nahm sie nicht zur Kenntnis. Sie hätten den Erklärungswert seiner Theorien auf lange Sicht erhöht.7 Stattdessen entwickelte er eine spekulative Pangenesis-Theorie, die unfruchtbar blieb. Erst die moderne Genetik erweiterte den Erklärungswert der Evolutionstheorie entscheidend. Er ist inzwischen ihre auffälligste Stärke, während Kreationismus und „intelligentes Design“ so gut wie keinen Erklärungswert besitzen. Entweder bieten sie für einen Befund wie den bekannten Fossilbestand gar keine Erklärung an oder eine, die den Kriterien für eine Theorie nicht entspricht, etwa weil sie nicht prüfbar oder extern inkonsistent ist. Die Behauptung, alle Meeresfossilien seien durch die Sintflut abgelagert worden, ist z. B. mit Geologie und Physik völlig inkonsistent. Die physikalischen und geologischen Altersbestimmungen sagen etwas ganz anderes. Die Zusatzbehauptung, Gott habe die Fossilien vor 10000 Jahren mit der ganzen Welt zusammen geschaffen, sie seien keine Überreste lebender Wesen, ist zwar mit allen denkbaren Daten konsistent, aber eben deswegen nicht prüfbar und naturwissenschaftlich belanglos.

Die seriösen Einwände gegen die Evolutionstheorie, soweit es sie noch gibt, zielen auf ihre Prüfbarkeit und auf den tatsächlichen Testerfolg.

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Anmerkungen

1 Siehe die Darstellung der Biologiegeschichte in Thomas Junker, Kreationisten erklären die Evolution: Das „kritische Lehrbuch“ von R. Junker und S. Scherer, in: Martin Neukamm (Hg.), Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus. Darwins religiöse Gegner und ihre Argumentation, Göttingen 2009, 321-340.
2 Wichtige Autoren sind: Richard Dawkins, Der Gotteswahn, Berlin 2007 (engl. The God Delusion, 2006); Christopher Hitchens, Der Herr ist kein Hirte. Wie Religion die Welt vergiftet, München 2007; Michel Onfray, Wir brauchen keinen Gott, München 2006; Daniel Dennett, Breaking the Spell. Religion as a Natural Phenomenon, London 2006; Martin Urban, Wer leichter glaubt, wird schwerer klug, Frankfurt a. M. 2007.
3 Simon Conway Morris, Life’s Solution, Cambridge 2003, 316, Übersetzung H.H.; Morris ist einer der führenden Evolutionstheoretiker in Biologie und Paläontologie.
4 Marc W. Kirschner / John C. Gerhart, The Plausibility of Life, New Haven 2005.
5 Evangelische Kirche in Deutschland (Hg.), Weltentstehung, Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube in der Schule, EKD-Texte 94, Hannover 2008.
6 Eine ausführlichere Darlegung findet sich bei Martin Neukamm / Andreas Beyer, Kreationismus und Intelligent Design – Wissenschaft oder Pseudowissenschaft?, in Martin Neukamm (Hg.), Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus, a.a.O., 37-54; sowie noch umfassender bei Gerhard Vollmer, Biophilosophie, Stuttgart 1995.
7 Mendels „Spaltungsregel“ sprach zu Darwins Zeit unmittelbar eher für Artkonstanz, weil die Merkmale der P-Generation in der F 2-Generation wieder zum Vorschein kamen. Erst als die Populationsgenetik entwickelt wurde, stellte sich heraus, dass Mendels Regeln nur einen idealisierten Gleichgewichtszustand beschreiben, der durch genetische Veränderungen und Allelverschiebungen dauernddurchbrochen wird (persönliche Mitteilung Martin Neukamm).

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