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Materialdienst 7/2010
Matthias Neff

"Rituelle Gewalt: Vom Erkennen zum Handeln"

Ein Tagungsbericht

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Wohl kein Phänomen wird in der Weltanschauungsarbeit so kontrovers diskutiert wie das der „rituellen Gewalt“. Die Einschätzungen zu der Frage, ob tatsächlich arkane, generationenübergreifende, international organisierte und gesellschaftlich einflussreiche Täternetzwerke existieren, die rituelle Gewalt als sexualisierte physische und emotionale Form der Misshandlung praktizieren, gehen weit auseinander. Auch die Frage, inwieweit „rituelle Gewalt“ mit religionsförmigen Symbolen, Riten und Praktiken verbunden ist, die dem neuzeitlichen Satanismus zugerechnet werden müssen, ist stark umstritten. Die ARD-Dokumentation „Höllenleben“2, die von der realen Existenz dieser Netzwerke ausgeht, und die Diskursanalyse „Satanismus und ritueller Missbrauch“ von Ina Schmied-Knittel3, die zu dem Ergebnis kommt, dass es sich dabei um ein fiktionales, von Polizei und Justiz nicht verifizierbares Konstrukt handelt, bilden die Spannbreite dieser Diskussion ab und könnten nicht gegensätzlicher sein.

Von entscheidender Bedeutung ist die Frage, ob die Aussagen von angeblich ritueller Gewalt ausgesetzten und dadurch schwer traumatisierten Frauen glaubhaft das tatsächliche Tatgeschehen wiedergeben oder ob diese Berichte anders, beispielsweise mit psychischen Mechanismen, erklärt werden müssen, etwa dem Konzept der„falschen Erinnerung“. Letzteres steht unter der Prämisse, dass die traumatischen Gewalterfahrungen zwar real sind, diese aber die Erinnerung der Opfer stark verändern können, ohne dass das den Opfern selbst bewusst sein muss. In der Folge ist auch der therapeutische Ansatz der Behandlung vor allem von Frauen mit dissoziativer Störung, der davon ausgeht, dass sie tatsächlich Opfer arkaner satanistischer Netzwerke geworden sind, stark umstritten.

Mit diesem therapeutischen Ansatz setzte sich die Tagung „Rituelle Gewalt: Vom Erkennen zum Handeln“ auseinander, die am 6. November 2009 in Trier stattfand.4 Die Tagung mit 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war als Fortbildungsveranstaltung der Ärztekammer Trier akkreditiert und wurde von Daniela Engelhardt, Journalistin beim SWR Mainz, moderiert. Ein Workshop am folgenden Tag war „therapeutisch Tätigen mit Berufserfahrung“ vorbehalten. Ziel der Veranstalterinnen war die Information über Formen der rituellen Gewalt und die Täterkreise, denen sie diese Gewalt zuschreiben. Die Problematik sollte aus sozial- und gesundheitspolitischer sowie aus therapeutischer, sicherheits- und gesellschaftspolitischer Perspektive betrachtet werden. Vor allem ging es den Veranstalterinnen um eine Verbesserung der Situation der Opfer, die aus ihrer Perspektive besonders in der Ermöglichung einer längeren, von den Krankenkassen finanzierten psychotherapeutischen Behandlung besteht.

Die Initiatorinnen der Tagung gehen von der Existenz der oben beschriebenen Täternetzwerke aus.5 Eine Umfrage6, die zunächst 2007 unter Therapeuten in Nordrhein-Westfalen und später in Rheinland-Pfalz und im Saarland durchgeführt wurde, ergab demnach, dass die befragten Therapeuten beispielsweise in Rheinland-Pfalz 63 Berichte ihrer Patientinnen über Fälle ritueller Gewalt, bei denen es zu 23 Menschenopferungen gekommen sein soll, für glaubwürdig hielten. Während der Therapie soll bei 57 Prozent der Patientinnen noch Täterkontakt bestanden haben.

Die Tagung wurde mit einem Grußwort von Wolfgang Willems vom Polizeipräsidium Trier eröffnet. Er betonte, dass sich die Polizei mit dem Phänomen „rituelle Gewalt“ aufgrund ihres allgemeinen Auftrags intensiver befassen müsse. Hinsichtlich des Phänomens sei er „hin- und hergerissen“. Er wies darauf hin, dass besondere Kommissariate mit ausgebildeten Beamten bei Verdachtsfällen von ritueller Gewalt ermitteln könnten.

Mafiöse Täterkreise?

Der Journalist Rainer Fromm befasste sich in seinem Vortrag mit der Frage, inwieweit die Strukturen, in denen sich rituelle Gewalt nach Berichten von Opfern bzw. Therapeuten abspielt, mit Phänomenen, Praktiken und Strukturen der „Schwarzen Szene“, insbesondere des Satanismus, korrespondieren. Die Diskussion um die Frage der „rituellen Gewalt“ in Deutschland spielt sich seiner Wahrnehmung nach zwischen zwei destruktiven Polen ab: einerseits unquantifizierbare Mythen über Täterkreise und Gewalttaten, die sich mit kriminalistischen Mitteln nicht belegen lassen, andererseits die grundsätzliche Pathologisierung der Opfer von Gewalttaten in Kontext ritueller Gewalt.

Im Zusammenhang mit dieser Form der Gewalt seien in satanistischen Segmenten des weltanschaulichen Markts drei Phänomene belegbar: (1) Rituelle Gewalt als Ausdruck eines satanistischen Überzeugungssystems, wobei die Triebfeder für diese Form der Gewaltausübung nicht immer klar in einem okkulten weltanschaulichen Überbau zu lokalisieren sei. (2) Inszenierungen mit Anleihen aus dem „Überzeugungssystem Satanismus“, ohne dieses zu teilen. (3) Rituelle Gewalt als reines Rahmungselement kommerzieller und nichtkommerzieller pornografischer Produktionen.

Unzweifelhaft sei, so Fromm, dass es einen Markt für diese Formen ritueller bzw. satanistisch motivierter Gewalt gibt. Einschlägige Fundstellen im Internet belegten, dass mit entsprechenden Bildern und Videos erhebliche Umsätze getätigt würden. Dieser Markt werde allerdings nicht von Satanisten im engeren Sinne bedient, also nicht auf der Basis einer weltanschaulichen Überzeugung. Bestimmend sei vielmehr ein kommerzieller Pseudosatanismus, bei dem eine Vernetzung zu Okkultorden bzw. satanistischen Gruppen nicht erkennbar sei und bei dem Satanismus im Sinne einer weltanschaulichen Überzeugung keine nennenswerte Rolle spiele.

Bei satanistisch motivierten Gewalttaten handele es sich vor allem um Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz, um die Störung der Totenruhe und Sachbeschädigungen von Kirchen und Friedhöfen. Es gebe auch Gewalt gegen Menschen, bis hin zu einzelnen Tötungsdelikten, beispielsweise dem sog. „Satansmord“ von Witten oder vier rituellen Morden einer satanistischen Loge in Russland, über die in jüngster Zeit berichtet wurde. Gewalt gehe in der satanistischen Szene von Kleinstgruppen aus, deren Innenleben durch eine ausgesprochene Theorielastigkeit gekennzeichnet sei.7 Überhaupt, so Fromm, seien satanistische Logen sehr klein. Beispielsweise gehörten zur „Fraternitas Saturni“ nur etwa 50 Mitglieder, zur größten bekannten Gruppe, der „Thelema Society“, maximal 150. Zwischen diesen Gruppen gebe es insbesondere durch das Internet eine weltweite Vernetzung. Auch die Auseinandersetzung mit der Frage, wie Menschen so konditioniert werden können, dass sie sich als Opfer gewaltsamer satanistischer Praktiken eignen, sei in der satanistischen Literatur vielfach belegbar. Darin werde auch deutlich, dass auf diesem Hintergrund „Täter produziert“ werden könnten.8 Ebenso sei ein Irrationalismus nachweisbar, der bei intensiver Beschäftigung mit satanistischer Literatur zu einem erheblichem Realitätsverlust führen könne. Detaillierte Vorlagen für Gewalthandlungen, vor allem im Zusammenhang mit dem Konsum von Drogen, könnten im Extremfall bis zu einem „Einbruch der Dämme“, zu Gewaltverbrechen und Morden führen, wobei nicht klar sei, ob deren Hauptmotiv ein ideologischer okkulter Überbau oder sexuelle Devianz ist.

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Anmerkungen

1 Die Darstellung des Verlaufs und der Ergebnisse der Tagung konzentriert sich auf die Fragestellung, wie plausibel das Konzept der „Täternetzwerke“ erscheint und ob es für deren Existenz über die Berichte der Betroffenen hinaus Belege gibt. Daneben steht die Frage, welche Rolle weltanschauliche Fragen im Zusammenhang mit dem Konzept der rituellen Gewalt spielen, im Vordergrund. Die Darstellung und Bewertung des psychotherapeutischen Ansatzes der Veranstalterinnen zur Entstehung von dissoziativen Störungen und zur Behandlung von Opfern ritueller Gewalt kann aus fachlicher Sicht selbstverständlich nicht geleistet werden und spielt in diesem Bericht nur eine untergeordnete Rolle.
2 Höllenleben – Der Kampf der Opfer. Ritueller Missbrauch in Deutschland, Autorin: Liz Wieskerstrauch, Produktion: NDR, gesendet am 23.6.2003.
3 Ina Schmied-Knittel, Satanismus und ritueller Missbrauch. Eine wissenssoziologische Diskursanalyse, Würzburg 2008, s. dazu die Rezension von Christian Ruch in MD 10/2009, 398-399.
4 Als Kooperationsveranstaltung des „Frauennotrufs Trier“, der „Heinrich-Böll-Stiftung Rheinland-Pfalz“, der „Landesgemeinschaft Anders Lernen, Rheinland-Pfalz“ sowie des „Arbeitskreises und Qualitätszirkels Gegen Rituelle Gewalt in Rheinland-Pfalz“.
5 Im Vorfeld der Tagung hatte das zu Irritationen wegen einer Formulierung in einem Zeitungsartikel geführt, in dem  Annelie Wagner, eine der Initiatorinnen der Tagung, mit dem Satz zitiert wird: „Die Täterkreise sind durchsetzt von Polizisten und Anwälten“ (Trierischer Volksfreund vom 1.11.2009). Zu Beginn der Tagung erklärte Wagner, sie sei sinnentstellend zitiert worden. Zwar gehörten auch Polizisten und Anwälte zu den Tätergruppen, sie seien darin jedoch nicht überproportional vertreten.
6 Die Ergebnisse sind abrufbar unter www.bistum-muenster.de/downloads/Seelsorge/2008/207_Datenerhebung_rituelle_Gewalt.pdf.
7 Ein wichtiges Kriterium für die Einschätzung der Glaubwürdigkeit von Berichten aus satanistischen Organisationen sei daher, ob diese Berichte deren weltanschaulichen Hintergrund richtig wiedergäben. S. dazu auch Georg Otto Schmid, Berichte aus okkulten Organisationen: Phantasie oder Wirklichkeit? Kriterien zur Unterscheidung echter und erfundener Geschichten, www.relinfo.ch/satanismus/berichte.html.
8 Die „Spaltungsmagie“ in den „Magischen Briefen“ Gregor A. Gregorius’ (1888-1964), Begründer der satanistischen Loge „Fraternitas Saturni“, kann, so Fromm, auch als Anleitung zur Produktion dissoziativer Persönlichkeitsstrukturen interpretiert werden.

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