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Materialdienst 7/2010
Ulrich H. J. Körtner

Weltangst und Weltende

Endzeit und Gericht aus christlicher Perspektive

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Apokalyptik ist die Kehrseite der Utopie. Von Beginn an ist der Fortschrittsoptimismus der Moderne von einer Unterströmung apokalyptischen Denkens begleitet worden. Es beschränkt sich nicht auf Sekten und religiöse Sondergemeinschaften, die immer schon intensive Endzeiterwartungen hegten, oder auf neu entstandene Endzeitsekten, deren Untergangsvisionen sich auf das zurückliegende Jahr 2000 bezogen haben. Apokalyptische Ängste und die historischen Schrecken, auf die sie reagieren – man denke an die Pest und zahlreiche Aufstände, ausgelöst durch drohende Hungersnöte und Steuerlasten –, „begleiten die Geburt der modernen Welt“2. Unter Historikern herrscht heute Übereinstimmung darüber, dass sich in Europa nicht schon um das Jahr 1000, sondern erst ab dem 14. Jahrhundert eine angstvolle Endzeiterwartung verbreitete und verstärkte. Die theologische Reflexion, die ihr zu begegnen versuchte, wurde ihrerseits „zum Nährboden für neue Ängste, die noch umfassender und noch schwieriger zu bannen waren als die bisher erfahrenen“3. Die Renaissance als Wiege der Neuzeit umfasst Angst und Dynamik, die nebeneinander existierten, weshalb die Trennung der Historiker zwischen Mittelalter und Neuzeit künstlich bleibt.

Auch in den vergangenen Jahrzehnten sind in den westlichen Gesellschaften immer wieder apokalyptische Ängste und Fantasien wellenförmig aufgetreten, im öffentlichen Bewusstsein ebenso wie in der Kunst, im Film und in der Literatur. Die atomare Hochrüstung oder die fortschreitende Zerstörung der Umwelt – um nur einige Beispiele zu nennen – haben kollektive Visionen des möglichen Untergangs heraufbeschworen. Neben realen Zukunftsängsten steht das Unterhaltungsbedürfnis, z. B. in der Filmindustrie. Ob „Wall-E“, „The Day after Tomorrow“, „Deep Impact“ oder „2012“: Die Ängste der krisenanfälligen Moderne paaren sich mit Lust am medial inszenierten Untergang.

Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts schienen zunächst sowohl der Geist der Utopie als auch der Gegengeist der Apokalyptik zu erlöschen, war doch anscheinend das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukujama) eingetreten, wenngleich auf eine ganz unapokalyptische Weise. Inzwischen gibt es aber neue Bedrohungspotenziale. Befürchtungen, dass es zu einem „clash of civilisations“ (Samuel P. Huntington) kommen könnte, haben durch die Attentate islamischer Fundamentalisten neue Nahrung erhalten. Interessanterweise speist sich auch die religiöse Vorstellungswelt islamistischer Gewalttäter in hohem Maße aus einem apokalyptischen Weltbild.4 Flutkatastrophen und Klimawandel rücken die ökologische Frage wieder ins öffentliche Bewusstsein. Gleichzeitig kehrt der nach 1989 verloren geglaubte Geist der Utopie in Gestalt einer neuen Technikgläubigkeit wieder. Auch der biomedizinische und gentechnologische Fortschritt löst nicht nur Hoffnungen, sondern auch kollektive Befürchtungen aus.

An die Stelle religiöser Hoffnung auf Gott und seine Vorsehung tritt in der Moderne die Hoffnung auf den Menschen, seine Rationalität und seine Fähigkeit zur Naturbeherrschung. Der Philosoph Odo Marquard beschreibt die nachaufklärerische Moderne als Zeitalter der Machbarkeit. Der Weg der Moderne, an dem die naturwissenschaftliche Medizin einen erheblichen Anteil hat, „führt vom Fatum zum Faktum, vom Schicksal zum Machsal“5. Dieser Prozess erweist sich jedoch nach Marquard als janusköpfig. Nicht etwa nur die erfolglose, sondern „gerade auch die erfolgreiche Machensplanung plant sich – wenigstens partiell – um den Erfolg. Darum wird – im Zeitalter des chicksalsvernichtenden Machenseifers der Menschen – das Gutgemeinte nicht das Gute; das absolute Verfügen etabliert das Unverfügbare; die Resultate kompromittieren die Intentionen; und die absolute Weltverbesserung mißrät zur Weltkonfusion.“6 Die Krise an den internationalen Finanzmärkten mit all ihren irrationalen Zügen gibt ein anschauliches Beispiel.

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Anmerkungen

1 Vortrag, 2. Ökumenischer Kirchentag in München,  Zentrum Weltanschauungen, 14.5.2010.
2 Jean Delumeau, Angst im Abendland. Die Geschichte kollektiver Ängste im Europa des 14.-18. Jahrhunderts, Bd. 2, Reinbek 1985, 314.
3 Ebd., 312.
4 Vgl. Victor Trimondi / Victoria Trimondi, Krieg der Religionen. Politik, Glaube und Terror im Zeichen der Apokalypse, München 2006, 281-461.
5 Odo Marquard, Ende des Schicksals? Einige Bemerkungen über die Unvermeidlichkeit des Unverfügbaren, in: ders., Abschied vom Prinzipiellen. Philosophische Studien, Stuttgart 1981, 67-90, hier 67.
6 Ebd., 81.

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