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Materialdienst 7/2010
Apokalyptik

Muslimische Apokalyptik im Internet - "The Arrivals"

Apokalypse ist ein modernes Thema. Nicht nur Filme wie „The Day After Tomorrow” oder „2012” (vgl. oben S. 263ff) machen es salonfähig. Auch Schlagzeilen wie „Die Aschewolke beschwört die Apokalypse herauf“ (www.welt.de) zeigen, dass apokalyptisches Gedankengut nicht fremd, sondern vielmehr allgegenwärtig ist.

Durch die Offenbarung des Johannes als Genre bekannt geworden, zieht sich die Apokalyptik durch viele Kulturkreise und ließ Traditionen und damit Literatur entstehen, die sich mit dem Ende der Welt beschäftigen.

Auch im Islam lässt sich das erkennen. Im Gegensatz zum Koran finden sich in den gesammelten Reden und Taten des Propheten Mohammed (Hadith) eine Vielzahl an konkreten Hinweisen auf eine apokalyptische Tradition. In der islamischen Welt vollzieht sich nun eine Assimilation zwischen Tradition und Moderne, die sich anhand der „modernen apokalyptischen Literatur“ (vgl. David Cook, Contemporary Muslim Apocalyptic Literature, Syracuse 2005) Ausdruck verleiht. Sie nutzt Versatzstücke der traditionellen Literatur und vermischt diese mit zeitgenössischen Themen, um so den Menschen ein Instrument an die Hand zu geben, die Welt zu verstehen.

Neben der literarischen Form spielt heutzutage auch das Internet als Verbreitungs- und Kommunikationsmedium eine immer größere Rolle. Ein Beispiel dieser modernen Apokalyptik im Internet ist die Dokumentationsreihe „The Arrivals“, die auf der Seite des sogenannten „Wake up Projects“ (www.wakeupproject.com) veröffentlicht wird. Es handelt sich um eine ca. achtstündige Serie, die 48 Teile umfasst und deren Ziel es ist, den Zuschauer „aufzuwecken“, ihn vom „System“ loszulösen und ihm deutlich zu machen, dass der „Dajjal“, der muslimische Antichrist, bereits auf der Erde weilt. Der Dajjal ist in der muslimischen Tradition eine durchweg böse Gestalt, die am Ende der Zeit als „falscher Messias“ auf die Erde kommen wird, um die Menschen irrezuführen. Er stellt ein Zeichen der nahenden Apokalypse dar. Sein Ende findet der Dajjal in einem Kampf mit Jesus, dem endgültigen Kampf zwischen Christus und dem Antichristen – zwischen Gut und Böse.

Neben religiösen Aspekten ist bei „The Arrivals“ allerdings der Rahmen, in den diese eingebettet werden, von großer Wichtigkeit. Das „System“ des Dajjal wird anhand von Verschwörungstheorien konstruiert; von den Pharaonen über die Freimaurer und Illuminati bis zu UFO-Theorien wird alles in einen linearen historischen Verlauf eingegliedert. Die Produzenten gehen hierbei davon aus, dass die „Blutlinie“ der Pharaonen bis in die heutige Zeit erhalten geblieben sei. Die Pharaonen seien der Ursprung des Bösen auf der Erde und ihre Nachfahren hätten sich, nach der Auswanderung aus Ägypten, zunächst in Europa niedergelassen und seien dann in die „Neue Welt“ (USA) aufgebrochen, von wo aus sie bis heute die Welt, d. h. in diesem Sinne das „System“, regieren würden. Besonders wird das Symbol der Pyramide hervorgehoben, das sich überall wiederfinden ließe (Louvre, Dollar-Note, Kinder-Cartoons, Musikvideos etc.). Vielfach geht es um eine Kritik an der Macht der Medien und der Politik, die Beeinflussung der Kinder durch die Film- und Musikindustrie und die dadurch erzeugte Bewusstseinskontrolle („mind control“), die über die Menschheit ausgeübt werde.

Als die Mächtigen im Hintergrund werden stets die Zionisten als ausführendes Organ und Satan bzw. der Dajjal als lenkende Kraft genannt. Die Produzenten versuchen hierbei jedoch deutlich zu machen, dass sie keine antijüdische Haltung verfolgen, sondern vielmehr versuchen wollen, die Machenschaften des Bösen aufzudecken, die sich unter dem Deckmantel der Religion versteckt hätten.

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Nora Meyer, Emden

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