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Materialdienst 10/2010
Andreas Fincke

Die "Giordano Bruno Stiftung" und der neue Atheismus

Am 13. Oktober 2010 erscheint bei Ullstein die deutschsprachige Übersetzung von Richard Dawkins’ „The Greatest Show on Earth“ (deutsch „Die Schöpfungslüge. Warum Darwin Recht hat“). Wenige Tage später wird der Autor in Mülheim sein Buch vorstellen. Die Lesung ist eine gemeinsame Veranstaltung des Literaturbüros Ruhr in Kooperation mit der „Giordano Bruno Stiftung“. Diese Stiftung hatte Dawkins im Herbst 2007 mit dem sogenannten Deschner-Preis ausgezeichnet. Damit würdigte man die Leistungen des Oxforder Wissenschaftlers um den Atheismus. In der Urkunde hieß es, er habe „in herausragender Weise zur Stärkung des säkularen, wissenschaftlichen und humanistischen Denkens beigetragen“. Dawkins’ jüngstes Werk beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Begründung der Evolutionstheorie. Allein die polemische und ungenaue Übersetzung des englischen Titels lässt jedoch erwarten, dass mit religions- und kirchenkritischen Bemerkungen im Umfeld der Buchpräsentation nicht gespart werden wird. Deshalb nimmt der frühere EZW-Referent Andreas Fincke am Beispiel der Aktivitäten der Giordano Bruno Stiftung eine kritische Bestandsaufnahme zum sogenannten „neuen Atheismus“ vor.


Neuer Atheismus

Immer wieder ist in den letzten Jahren vom sogenannten „neuen Atheismus“ die Rede. Als wichtigste Vertreter werden zumeist die englischsprachigen Autoren und Religionskritiker Richard Dawkins, Sam Harris, Daniel Dennett und Christopher Hitchens genannt. Ihre religionskritischen Bücher erschienen während der zweiten Amtszeit des US-Präsidenten George W. Bush (2005-2009) mit kurzem Abstand auf den Bestsellerlisten. Den Auftakt machte 2004 der Neurobiologe Sam Harris mit „The End of Faith“ (deutsch „Das Ende des Glaubens“, 2007). Zwei Jahre später kamen fast zeitgleich auf den englischsprachigen Markt: Richard Dawkins’ „The God Delusion“ (deutsch „Der Gotteswahn“, 2007) sowie das Buch des Philosophen Daniel Dennett „Breaking the Spell – Religion as a Natural Phenomenon“ (deutsch „Den Bann brechen – Religion als natürliches Phänomen“, 2008). Im Jahre 2007 schließlich veröffentlichte der angesehene Journalist Christopher Hitchens seine polemische Abrechnung unter dem Titel „God is not Great – How Religion Poisons Everything“ (deutsch „Der Herr ist kein Hirte – Wie Religion die Welt vergiftet“, 2007). Alle Bücher erreichten hohe Auflagen und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Sie riefen überall ein breites Medienecho und eine Fülle von kritischen Reaktionen hervor. Auch in Deutschland widmeten die großen Magazine dem Phänomen umfangreiche Leitartikel. Der „Spiegel“ rief in einer Titelgeschichte gar den „Kreuzzug der neuen Atheisten“ aus.1

Eine überzeugende Trennlinie zwischen einem neuen und einem alten Atheismus ist jedoch kaum zu ziehen. In der Literatur werden als Kriterien häufiger genannt: Der neue Atheismus ist ein publizistisch erfolgreicher Import aus den USA bzw. England; er rekurriert zumeist auf die Terroranschläge vom 11. September 2001, apostrophiert Religion pauschal als Unbildung oder Dummheit und trägt seine Thesen in einer herblassenden, bisweilen verächtlichen Sprache vor.2 Dieser neue Atheismus kritisiert also nicht nur Missstände oder fragt nach der Wirklichkeit Gottes in der gottfernen Welt, sondern er fordert mit geradezu missionarischem Eifer die Abschaffung bzw. Zerstörung aller Religion. Nur so sei die Befreiung der Menschen möglich.

Beispielhaft dafür ist die Position Richard Dawkins’, der in „Der Gotteswahn“ erklärt, Atheismus sei ein Zeichen geistiger Gesundheit3, der Gott des Alten Testaments ein „psychotischer Übeltäter“, ein „Monster“, ein „grausames Ungeheuer“.4 Dieser sehr platte Atheismus reizte Peter Sloterdijk zu dem Kommentar, der bekennende Gottesleugner Dawkins habe „der unvergänglichen Seichtheit des anglikanischen Atheismus ein Denkmal“ gesetzt.5

Die Formel „neuer Atheismus“ scheint erstmals Ende 2006 im US-amerikanischen Online-Magazin „wired.com“ von Gary Wolf geprägt worden zu sein. Hier brachte er das Anliegen der neuen Atheisten wie folgt auf den Punkt: „Dies ist die Herausforderung der Neuen Atheisten: Wir sind dazu aufgerufen, ... diesen lähmenden Fluch zu exorzieren: den Fluch des Glaubens. Die Neuen Atheisten ... verurteilen nicht nur den Gottesglauben, sondern auch den Respekt für den Gottesglauben. Religion ist nicht nur falsch, sondern ein Übel.“6

„Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung“

Dem neuen Atheismus steht in Deutschland die „Giordano Bruno Stiftung“ in Sprache, Polemik und Diskurs nahe. Diese Stiftung wurde 2004 in Mastershausen (Hunsrück) von dem Unternehmer und Mäzen Herbert Steffen gegründet. Innerhalb kurzer Zeit hat sich die „Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung“ (Selbstdarstellung) geschickt aufgestellt und erstaunlich an Einfluss gewonnen. Sie muss als die derzeit einflussreichste atheistische Initiative in Deutschland bezeichnet werden.

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Anmerkungen

1 Der Spiegel vom 26.5.2007 mit dem Titel „Gott ist an allem schuld. Der Kreuzzug der neuen Atheisten“.
2 Vgl. z. B. Wolf Krötke, Das Wesen des christlichen Glaubens an Gott und der „neue Atheismus“, in: MD 1/2009, 6-16.
3 Vgl. Richard Dawkins, Der Gotteswahn, Berlin 2007, 15.
4 Ebd., 55, 66 und 346.
5 Peter Sloterdijk, Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen, Frankfurt a. M. 2007, 74.
6 Gary Wolf, The Church of the Non-Believers, in: Wired Magazine, November 2006, www.wired.com/wired/archive/14.11/atheism.html. Übersetzung zit. nach: Michael Schmidt-Salomon, Vom neuen
Atheismus zum neuen Humanismus?, in: Humanismus aktuell 23, 2009, 28.

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