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Materialdienst 10/2010
Christian Ruch

"Zeitgeist - Der Film"

Eine neue Blüte im Sumpf der Verschwörungstheorien

Viele Verschwörungstheorien gehen davon aus, dass ein wie auch immer geartetes satanisches oder zumindest bösartiges Gedanken- und Organisationssystem versucht, den wahren Glauben an Gott (was auch immer das ist) zu vernichten, wobei je nach Standort der Verschwörungstheoretiker unterschiedliche Angaben zu Opfern und Tätern gemacht werden. So ist beispielsweise in rechtskatholischen Kreisen der Vatikan das Opfer und die Zielscheibe finsterer Machenschaften von Freimaurern, Illuminaten oder sogar Juden. Für die Anhänger von Verschwörungstheorien in evangelikalen oder zumindest nicht-katholischen Milieus ist er dagegen eher selbst konspirativer Drahtzieher.

Religion unter Verschwörungsverdacht

Wenn ich die zerklüftete Landschaft der Verschwörungstheorien richtig überblicke, kommt es dagegen relativ selten vor, dass Religion als solche unter Verschwörungsverdacht gestellt wird. Doch genau das geschieht in einem über zweistündigen Film namens „Zeitgeist“, einer in den USA entstandenen (Pseudo-)Dokumentation aus dem Jahr 2007.1 Ihre Botschaft formuliert sie schon in den ersten Minuten: „Die religiösen Institutionen dieser Welt sind von denselben Leuten installiert worden, die euch eure Regierung und euer korruptes Bildungssystem gegeben haben und die die internationalen Bankenkartelle aufgebaut haben.“ Diese Erkenntnis formuliert der amerikanische Verschwörungstheoretiker Jordan Maxwell, gemäß eigener Homepage ein herausragender Forscher auf den Gebieten Geheimgesellschaften, Okkultismus und Ufologie.2 Im Film behauptet Maxwell: „Wir wurden verführt, weg von der wahren göttlichen Präsenz im Universum, die die Menschen Gott nannten.” Er leugnet also nicht die Existenz Gottes, wohl aber die moralische Existenzberechtigung von Religion, der es – so die kurz darauf zu hörende Aussage des Late-Night-Komikers George Carlin – ohnehin immer nur um Geld gehe.

Der erste Teil des Films trägt den Titel „Die größte Geschichte aller Zeiten“ und widmet sich dem Leben Jesu. Dabei wird suggeriert, dass die Mythen und Legenden, die sich um den ägyptischen Gott Horus, die griechischen Götter Dionysius und Attis, den indischen Gott Krishna, den persischen Gott Mithra und schließlich um Jesus von Nazareth drehen, verblüffende Parallelen aufwiesen, wie etwa die Geburt durch eine Jungfrau, das Geburtsdatum 25. Dezember oder die Auferstehung nach dem Tode. Dass Krishna, Dionysius und Attis gar nicht von einer Jungfrau geboren worden sein sollen, wird ebenso geflissentlich ignoriert wie der Umstand, dass niemand das tatsächliche Geburtsdatum Jesu kennt. Und auch sonst strotzt der Film vor Fehlern und falschen Informationen. So behauptet er beispielsweise, dass es sich bei Jesus, Maria, den drei Königen, der Kreuzigung und der Auferstehung lediglich um Symbole für astronomische Konstellationen rund um den 25. Dezember handle. Überhaupt sei die Bibel eigentlich nichts anderes als ein verschlüsselter astrologischer Text, wie alle anderen Mythologien auch. Die vermeintlich logische Schlussfolgerung lautet: Jesus hat nie existiert. „Die christliche Religion ist eine Parodie auf die Sonnenanbetung, in welcher sie eine Figur namens Christus an die Stelle der Sonne setzten und ihm jetzt die Verehrung zukommen lassen, die ursprünglich der Sonne galt”, wird Thomas Paine (1737-1809), einer der Gründerväter der USA, zitiert. Ergo sei das Christentum nie etwas anderes als ein Unterdrückungsinstrument in den Händen der Mächtigen gewesen.

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Anmerkungen

1 Abrufbar unter http://video.google.com (Originalfassung), auf Deutsch unter www.dailymotion.com; siehe auch www.zeitgeistmovie.com.
2 Siehe www.jordanmaxwell.com.

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